Die EU kleckert nicht, sie klotzt: Der 440 Milliarden Euro schwere Rettungsfonds soll allfällige Staatspleiten verhindern. Dieses finanzpolitische Geschütz wird mittlerweile aber grundsätzlich in Frage gestellt. «Meiner Ansicht nach setzt die EU mit dem Schutzschirm Anreize, die genau in die falsche Richtung gehen», sagt Martin Janssen, Professor für Finanzmarkttheorie am Institut für Banking und Finance der Universität Zürich. Denn Staatsanleihen gelten laut dem jüngsten Bericht der Europäischen Zentralbank als zweitunsicherste Anlageform überhaupt.

Das sind schlechte Nachrichten für die europäischen Banken - allen voran für die Credit Suisse und die UBS. Sind doch Staatsanleihen Stützpfeiler ihrer Bilanzen. Gemäss dem letzten Quartalsbericht besitzt die CS Papiere in Höhe von 88 Milliarden Franken von staatlichen Gläubigern. «In der Regel halten Banken solche Staatsanleihen zu Liquiditätszwecken», erklärt Tobias Lux, Sprecher der Schweizerischen Finanzmarktaufsicht Finma. Denn benötigt eine Bank Liquidität, kann sie Staatsanleihen aus der Europäischen Union und OECD-Ländern bei den Notenbanken gegen einen sehr tiefen Zinssatz (den Reposatz) hinterlegen.

UBS und Credit Suisse exponiert

Noch wichtiger für die Finanzinstitute: Die Staatsanleihen brauchen kaum mit Eigenkapital unterlegt zu werden, weil sie als «risikolos» gelten. Dank dieser Regel weisen UBS und Credit Suisse gemäss den Berechnungen der Analysten der Investmentbank Goldman Sachs nur 22 Prozent ihrer Bilanzwerte als «riskant» aus. Anleihen, die bloss ein A-Rating haben, müssten mit 50 Prozent, solche mit BBB gleich mit 100 Prozent Eigenkapital unterlegt sein.

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Doch Manuel Ammann, Direktor des Schweizerischen Instituts für Banken und Finanzen an der Universität St. Gallen, warnt: «Staatsanleihen von OECD-Ländern sind nicht risikolos.» Er ist der Ansicht, dass die Bevorzugung von Staatsanleihen bei der Eigenmittelunterlegung gefährliche Anreize für die Banken setze. «Staatsanleihen müssten grundsätzlich nach den gleichen Spielregeln mit Eigenmitteln unterlegt werden wie Firmenbonds», so Ammann.

Ins gleiche Horn stösst Finanzexperte Janssen. Eine Staatsanleihe könne nur dann als risikolos bezeichnet werden, wenn dahinter ein Staat mit einer seriösen Budgetpolitik, verlässlichen Steuerzahlern und der Hoheit über den Budgetprozess stehe. «Es ist offensichtlich, dass nur noch bei wenigen OECD-Ländern alle drei Bedingungen erfüllt sind», sagt Janssen.

Eine Untersuchung des Swiss Finance Institute der Uni Genf belegt die Verletzbarkeit der Schweizer Grossbanken. Sie gehörten zu den weltweit am höchsten gehebelten Banken mit einem hohen Anteil vermeintlich sicherer Assets, so das Fazit.

Verantwortlich dafür sind auch die geltenden Bankenvorschriften, insbesondere das Regelwerk von Basel III. Dieses fördert den Kauf von «risikolosen» Staatsanleihen ganz explizit. Als besonders riskant gelten unter Basel III Kreditverbriefungen, bestimmte Derivate oder forderungsbesicherte Wertpapiere. Hier fordern die Regulatoren teilweise eine prohibitiv hohe Eigenunterlegung, die den Bilanzwert solcher Positionen übersteigt. Die risikogewichteten Aktiven steigen dadurch dermassen stark an, dass Grossbanken wie die UBS und Credit Suisse gezielt begonnen haben, ihre risikogewichteten Aktiven deutlich zu verringern, und stattdessen Staatsanleihen zuzukaufen.

Bei den Anleihen aus Ländern mit hervorragenden Ratings von AAA bis AA- fallen dabei gemäss Basel II keine bis sehr geringe Eigenmittelanforderungen an. Eigenmittel sind aber bei den Banken gerade jetzt ein teures Gut, das mühselig aufgebaut werden muss, um neuen Standards zu genügen. Aufgestockt wird es durch Kapitalerhöhungen, Dividendenkürzungen, Einbehalt von Gewinnen oder durch Zwangswandelanleihen, den sogenannten Cocos.

Genaue Zahlen sind Mangelware

Allerdings könnten auch das erhöhte Eigenkapital und die neuen Kapitalpuffer knapp werden, wenn es bei den Staatsanleihen zu Problemen kommt. Folgt man den Marktpreisen, liegt die Pleitegefahr für Spanien bei 18 Prozent, für Belgien bei 14 Prozent und für Italien bei 13 Prozent. Aus diesem Grund hat etwa die chinesische Rating-Agentur Dadong Länder wie Frankreich, Grossbritannien und Italien, die bei der Agentur Standard & Poor’s noch die Bestnote AAA erhalten, letzten Sommer auf AA herabgesetzt.

Die beiden Schweizer Grossbanken halten laut eigenen Angaben kaum noch Bonds aus den EU-Problemländern. Sprecher beider Häuser weisen zudem darauf hin, dass die Engagements gegenüber Ländern mit Ratings unter AA «klar beschränkt» seien, wie es bei der UBS heisst. Laut Analysten sind die Engagements in Ländern wie Grossbritannien, Frankreich oder Italien viel grösser als die der bekannten Problemstaaten an der Peripherie der Euro-Zone: Portugal, Griechenland, Irland und Spanien.

Genaue Zahlen sind Mangelware - und beim Banken-Stresstest im letzten Frühsommer zeigten sich bei vielen Banken auch beträchtliche Diskrepanzen zwischen den Ergebnissen der Stresstests und den später veröffentlichten Quartalsergebnissen. Die Risikokennzahl «Value-at-Risk» (siehe HZ vom 13. Januar) ist deshalb eine der wenigen tauglichen Grössen, die den Regulatoren und Analysten einen Hinweis auf die Risiken in den Bankbilanzen geben. Ende letzten September lag dieser Wert bei der Credit Suisse für die Risiken bei Zinspapieren bei 119 Millionen Dollar und damit etwa auf der gleichen Höhe wie bei Goldman Sachs und der UBS.

Materielles Verlustrisiko

«Die Finanzmarktaufsicht hat die Möglichkeit, zusätzliche Eigenmittel explizit einzufordern», sagt Sprecher Lux. Dies sei dann der Fall, wenn eine Bank sehr grosse Volumen von Staatsanleihen einiger weniger Länder in den Büchern halte, auf denen ein materielles Verlustrisiko bestünde, so Lux.

Für Professor Ammann von der Wirtschaftsuni St. Gallen ist mittlerweile jedoch ein grundsätzliches Umdenken angezeigt und nicht erst ein Eingreifen in Extremfällen, wie es die Finanzmarktaufsicht unternimmt. «Wenn Banken im grossen Stil Anleihen wackeliger Staaten halten, akzentuiert sich das Too-big-to-fail-Problem nur noch.»