Der Euro gerät unter die Räder, die Aktienmärkte sind auf einer Berg- und-Tal-Fahrt, und bei den Anlegern stehen die hohen Staatsschulden der europäischen Länder im Zentrum. Von den Banken, den Protagonisten der letzten Finanzkrise, ist dagegen wenig die Rede. Doch auch hier gibt es inzwischen wieder beunruhigende Signale.

Der 3-Monats-Libor, der täglich festgelegte Referenzzinssatz im Interbankengeschäft, ist so hoch wie seit Juli 2008 nicht mehr und die TED-Spreads, ein gutes Stimmungsbarometer für das Vertrauen in das Bankensystem, steigen ebenfalls stark an (siehe Grafik).

Vorgeschobener Euro

Im Vergleich zum Allzeithoch kurz vor dem Konkurs von Lehman Brothers sind die Werte zwar noch immer tief, doch das Misstrauen unter den Banken ist zurück. Deshalb stand wohl für die EU-Politiker beim Schutzschirm auch weniger der Euro im Vordergrund als die Angst, dass die Märkte wieder «gefrieren». Über die genauen Gründe, warum die Institute mehr Liquidität bunkern und sich untereinander nur zögerlich Kredite gewähren, kann nur gemutmasst werden.

Angst vor Vertrauensverlust

«Offenbar haben die Banken einen erhöhten Liquiditätsbedarf, weil im Hinblick auf weitere Herabstufungen der Bonität Südeuropas mehr Kapital zurückgelegt werden muss», sagt Jan Amrit Poser, Chefökonom der Bank Sarasin. Die Ratingagentur Fitch hat Spanien kürzlich die Bestnote entzogen. «Viele Banken werden Liquidität horten wollen, um einen Puffer für einen Vertrauensverlust anzulegen», so Poser. Hinzu kommen die Sorgen um die Gegenparteien. Denn Daten zu den Forderungen bei Krisenstaaten sind spärlich vorhanden und die Banken selbst halten sich bedeckt. «Unter den Banken herrscht Unsicherheit, welches Institut wie stark von der Schuldenkrise in Europa betroffen ist und welche Eigenmittelvorschriften künftig erfüllt werden müssen», sagt Christian Fischer, Bankenspezialist von Independent Credit View (ICV), einer unabhängigen Research Boutique für institutionelle Bondinvestoren.

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Die beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse haben bereits für eine strengere Regulierung vorgesorgt und schneiden im Stresstest von ICV gut ab (siehe separater Text unten). Insgesamt lassen verschiedene Prognosen aber auf weitere hohe Verluste bei Banken schliessen. Laut Berechnungen der Royal Bank of Scotland (RBS) haben ausländische Banken zusammen Staatsanleihen von Griechenland, Portugal und Spanien in der Höhe von rund einer Billion Euro auf ihren Büchern. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass in diesem Jahr noch Kreditverluste von insgesamt 800 Mrd Dollar auf die Banken zukommen.

Keine nachhaltigen Gewinne

Nach der Lehman-Pleite wurden die Finanzmärkte mit billigem Geld geflutet. Die Banken profitierten davon, dass sie praktisch zum Nulltarif Kredite erhielten. Nicht zuletzt deshalb haben sie in den vergangenen Quartalen bereits wieder hohe Gewinne erzielt. «Dass die Gewinne nicht nachhaltig sind, wird sich schon in den nächsten Quartalszahlen zeigen», sagt Fischer. Denn die Kreditrisiken und die Refinanzierungskosten würden steigen. Generell erhöht sich also der Druck auf die Banken in der 2. Jahreshälfte.


Europas Banken haben weltweit den grössten Kapitalbedarf

Seit die spanische Notenbank die Sparkasse CajaSur übernehmen musste, befürchten Anleger, dass noch weitere Banken in Schwierigkeiten geraten. Eine Studie von Independent Credit View (ICV) kommt zum Ergebnis, dass die europäischen Banken weltweit noch den grössten Kapitalbedarf haben. Basierend auf einem Stresstestszenario, welches unter anderem eine Kernkapitalquote (Tier-1) von 12% voraussetzt, gilt dies besonders für die Institute in Euroländern mit hohen Staatsdefiziten. Für die Banken in Spanien, Grossbritannien, Irland, Italien und Griechenland errechnet ICV einen Kapitalbedarf von insgesamt 513 Mrd US-Dollar oder 70% der Marktkapitalisierung.

Zum Vergleich: Dies entspricht etwa dem Kapitalbedarf aller Banken im übrigen Europa und in Nordamerika. «Die Analyse zeigt, dass die Verletzlichkeit der Banken stark von der wirtschaftlichen Situation auf dem Heimmarkt abhängt», sagt Christian Fischer, Bankenspezialist bei ICV.

Werden die hochverschuldeten Staaten in Europa überhaupt noch die finanziellen Mittel oder die Bereitschaft haben, ihre Banken zu retten? Dies wird immer kritischer. Beispiel Irland: Die Anglo Irish Bank ist bereits verstaatlicht. Fischer erwartet, dass auch die Allied Irish Banks und die Bank of Ireland teilverstaatlicht werden. Die Schweizer Wirtschaft ist ebenfalls stark von den beiden Grossbanken abhängig. Doch UBS und Credit Suisse schneiden in der Studie von ICV gegenwärtig gut ab.

Bei der Credit Suisse verbleibt nach dem Stresstest ein Überschuss von 2 Mrd Dollar, bei der UBS nur ein Fehlbetrag von 1 Mrd Dollar. Damit gehören die beiden Schweizer Grossbanken eindeutig zu den Gewinnern unter den 50 untersuchten Banken. (ng)