Die Verunsicherung unter den Anlegern hat ein beunruhigendes Ausmass erreicht. Gefragt sind deshalb vor allem Sicherheit und Vermögenserhalt. Inwieweit sind hier Rohstoffanlagen eine geeignete Lösung?
Peter Sigg:
Im momentanen Umfeld suchen die Anleger Investitionen, die einer geringen Volatilität ausgesetzt sind und deren Gegenpartei- und Ausfallrisiko ­begrenzt ist. Zudem sollten die Investitionen aus Risikoüberlegungen eine schwache Korrelation mit anderen Anlageklassen aufweisen. Sachwerte wie Rohstoffe können diese Erfordernisse erfüllen. Im aktuellen Umfeld, in dem die Märkte mit Devisen geflutet werden, besteht ­darüber hinaus die Gefahr einer Inflation. Rohstoffinvestitionen bieten eine gute ­Absicherung, da diese eng mit der ­Konsumentenpreisentwicklung korreliert sind. Auch Edelmetalle sind gefragt.

Dennoch konnte sich die Anlageklasse ­weder der Finanzkrise 2008 noch der ­Euro-Krise entziehen.
Hier muss man zwischen den einzelnen Rohstoffklassen unterscheiden, die in Zykliker und Nichtzykliker unterteilt werden können. Eine Abschwächung der Konjunktur wie zuletzt in China wirkt sich negativ auf den Preis der Industriemetalle aus, zumal die Volksrepublik der weltweit grösste Abnehmer der Produkte ist. Ähnlich verhält es sich mit dem Erdölpreis, wobei hier auch geopolitische Einflüsse mitwirken. Darüber hinaus dämpft eine erhöhte Verunsicherung unter den Investoren aufgrund der Euro-Krise die allgemeine Bereitschaft für risikobehaftete Finanzanlagen. Auf der anderen Seite bleibt die Nachfrage nach Agrarroh­stoffen auch in der Krise konstant. Hier spielen Witterungseinflüsse eine viel ­bedeutendere Rolle.

Selbst Gold, das als Krisenwährung gilt, hat 2012 korrigiert.
Tatsächlich hat der Goldkurs in den letzten Monaten eine hohe Korrelation mit den Aktienmärkten gezeigt. Die Korrektur ist auf spekulative Anleger zurückzuführen, die ihre Positionen liquidiert haben. Der Goldpreis ist jedoch zwischenzeitlich durch die starke Nachfrage der Zentralbanken sowie die erhöhte Liqui­dität in den Märkten beflügelt worden und hat sich deutlich stabilisiert.

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Hält der Aufwärtstrend längerfristig an?
Ja, denn viele strukturelle Probleme in Europa und den USA sind nicht gelöst. Angesichts des Wahljahres in Amerika dürfte auch die geldpolitische Lockerung anhalten, wodurch Devisen gegenüber realen Werten wie Gold an Gewicht ­verlieren werden. Zudem treten verschiedene Zentralbanken als Käufer auf, da sie ihre Reserven nicht mehr alleine in Dollar oder Euro halten wollen.

Sie zählen Rohstoffe zu den realen Werten. In viele Rohstoffe kann man allerdings nur über Zertifikate oder Fonds investieren – mit den entsprechenden Gegenparteirisiken.
Wenn es sich dabei nicht um physisch hinterlegte Produkte handelt, ist tatsächlich eine gewisse Vorsicht angezeigt. Auf Öl, Industrie- oder Edelmetalle sind aber schon einige Anlagen erhältlich, die auf physischen Produkten basieren. Insbesondere bei Agrarrohstoffen ist dies aufgrund der Lagerhaltung dagegen kaum möglich. Hier müssen die Anleger die Investmentstrukturen genau beachten, bevor sie investieren.

Was raten Sie den Investoren?
Ich empfehle eine breite Diversifikation über einen Anlagefonds, ein aktives Management, mit dem die sogenannten Rollverluste minimiert werden können, sowie eine risikokontrollierte Strategie, um das Verlustpotenzial einzugrenzen.

Wie wird sich der Rohstoffsektor ­mittel­fristig entwickeln?
Generell erwarten wir im 3. Quartal eine Seitwärtsbewegung am Markt. Im 4. Quartal und Anfang 2013 dürfte es zu einer Aufhellung kommen, da wir auf ­makroökonomischer Ebene von einer Stabilisierung ausgehen, unterstützt durch die Wahlen in Amerika und neue Stimulierungsmassnahmen in China. Die Angebotsknappheit und die steigenden Kosten bei der Exploration der Rohstoffe dürften die Preise antreiben.

Peter Sigg, Rohstoffexperte LGT Capital