Das Angebot an Mikrokrediten geht in vielen Regio-nen zurück», sagt Jean- Pierre Klumpp, CEO von Blue Orchard. Grund dafür ist einerseits die Befürchtung der Mikrokredit-institutionen, dass sich wegen der Finanzkrise Investoren aus den Mikrofinanzfonds zurückziehen könnten. Damit würden ihnen Liquiditäts- und Refinanzierungsprobleme drohen.

Deshalb sind die Organisationen ihrerseits auf die Bremse gestanden und haben nur noch wenig Gelder von den Fonds entgegengenommen. «Es ist ein positives Zeichen für die Industrie, dass die Institutionen vorausschauend agieren und die Kreditvergabe nicht pushen», sagt Klaus Tischhauser, CEO von Respons- ability.

«Viele Mikrokreditinstitutionen sind bei der Vergabe und bei der Verlängerung von Krediten restriktiver geworden», beobachtet auch Klumpp. Während früher die Kreditprüfung im Schwung des starken Wachstums etwas nachlässiger gehandhabt wurde, habe man jetzt die Schraube angezogen. Das solle auch Mikrounternehmer vor der Gefahr einer Überschuldung schützen.

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Konsolidierung bei Institutionen

Eine Verlangsamung des rasanten Wachstums im Mikrofinanzsektor war absehbar. Seit 2005 ist die Industrie um 60 - 70% jährlich gewachsen. Eine Gesundschrumpfung des Marktes sei sehr begrüssenswert, so Tischhauser (siehe «Nachgefragt»). Je profitabler die Mikrofinanzinstitutionen arbeiten, desto unabhängiger werden sie gegenüber Geldern aus den Industrieländern.

Immer mehr Organisationen gehen dazu über, nicht nur Kredite zu vergeben, sondern auch Spargelder anzunehmen. «Das wirkt sich positiv auf die Finanzierungsstrukturen aus, weil die Kredite durch die Spargelder finanziert werden können», so Tischhauser. Müssen die Mikrokreditinstitutionen keine Gelder aus dem Wes-ten mehr entgegennehmen, resultiert ein weiterer gewichtiger Vorteil: Der Wegfall des Wechselkursrisikos. Viele Fonds verleihen ihre Gelder nämlich in Dollar. Diese gewähren jedoch die Kredite in Lokalwährungen. Gerade in Entwicklungsländern unterliegen Lokalwährungen häufig einer hohen Inflation, womit für die Organisa- tionen Verluste resultieren.

Deshalb sind einige Institutionen dazu übergegangen, sogenannte indexierte Darlehen an die Mikrounternehmer zu vergeben. Dabei wird der Kredit zwar in Lokalwährung gewährt, sollte sich diese jedoch während der Laufzeit gegenüber dem Dollar abschwächen, muss der Mikrokreditnehmer einen höheren Betrag zurückzahlen. «Das Währungsrisiko wird so auf das schwächste Glied in der Kette überwälzt», sagt Klumpp. «Wir unterstützen das nicht.» Die Industrie arbeitet derweil fieberhaft daran, Lösungen zu entwickeln, um Kredite an die Mikrofinanzinstitutionen in Lokalwährungen vergeben zu können. Eigens dafür wurde ein Währungsfonds kreiert (Local Currency Fund, TCX), der Investitionen in Dollar ermöglicht, die den Mikrofinanzinstitutionen in Lokalwährungen gezahlt werden. Der Fonds konzentriert sich auf Währungen und Laufzeiten, die von regulären Marktteilnehmern nicht abgedeckt werden.

Angst davor, dass sein Geschäftsmodell durch die wachsende Unabhängigkeit der Mikrofinanzorganisationen von den Industrieländern überflüssig werden könnte, hat Klumpp nicht.

Fonds begleiten nur durch Phase

«Wir begleiten die Organisationen jeweils in einer Entwicklungsphase», erklärt Klumpp. «Wenn sie erwachsen sind, brauchen sie uns nicht mehr.» Das Bedürfnis nach Mikrokrediten und damit nach neuen Institutionen sei aber nach wie vor immens: Von den 1,5 Mrd «Working Poor» sind heute erst etwa 150 Mio mit Krediten versorgt. Gerade Afrika und Naher/Mittlerer Osten sind noch sehr ungenügend abgedeckt. Dennoch bleiben die Mikrofinanzfonds von den momentan beschränkten Investitionsmöglichkeiten nicht unberührt: Können sie doch nur in rentable Mikrofinanzinstitutionen investieren. Der Responsability Global Microfinance Fund erzielte im Oktober zum ersten Mal seit Lancierung eine leicht negative Rendite.

 

 

NACHGEFRAGT Klaus Tischhauser, CEO von Responsability


«Anleger akzeptieren tiefere Rendite»

Wie viel Prozent der Mikro- finanzinstitutionen arbeiten tatsächlich rentabel?

Klaus Tischhauser: Von den rund 10 000 Instituten entsprechen 500 den Investmentkriterien internationaler Investoren. Wir gehen davon aus, dass es zu einer Konzentration kommen wird. Eine Gesundschrumpfung des Marktes wäre begrüssenswert.

Was entgegnen Sie dem Vorwurf, dass Responsability mit Institutionen zusammenarbeitet, die wenig Anstrengungen unternehmen, die Ärmsten zu versorgen?

Tischhauser: Unter dem Strich konkurrenzieren alle Institute um die gleiche Kundengruppe. Die etablierten, professionellen Institute können den Kreditnehmern viel bessere Konditionen bieten, weil sie ganz andere Kostenstrukturen haben. Immer mehr Mikrofinanzinstitutionen wenden sich dem Spargeschäft zu, um mit den Spareinlagen Kredite vergeben zu können. Das ist eine positive Entwicklung, weil diese Institutionen überwacht und reguliert sind.

Wie entwickeln sich die Zinsen, die Kreditnehmer zahlen müssen?

Tischhauser: Die Zinsen sinken. Der Wettbewerb spielt eine wichtige Rolle. Ausserdem wurden, als der Sektor noch ganz jung war, zuerst ganz kleine Kredite vergeben. Das sind die teuersten, deshalb müssen dafür die höchsten Zinsen verlangt werden. Mittlerweile hat sich der Sektor etabliert.

Tiefe Zinsen bedeuten für den Investor kleinere Renditen. Wird das akzeptiert?

Tischhauser: Ja. Wenn sich der Sektor so entwickelt, dann werden langfristig halt einfach Geldmarktzinsen gezahlt werden. Wir wollen keine kurzfristig orientierten Investoren, die an sehr hohen Renditen interessiert sind.