Die Euro-Krise tobt. Haben wir das Schlimmste hinter uns?

Christof Strässle:
Wir bewegen uns auf einem sehr schmalen Grat. Niemand weiss, wie es weitergeht. Trotz all diesen Unsicherheiten ist der politische Wille aber sehr gross, das Schuldenproblem in Europa endgültig in den Griff zu kriegen.

Gelingen diese Anstrengungen?

Es steht auf der Kippe. Die europäischen Staaten müssen rigoros sparen und gleichzeitig die Steuern erhöhen. Dies ist ein schwieriger Weg. Aber es gibt kein Zurück.

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Wie stark belasten diese Sparprogramme die Wirtschaft?

Die wirtschaftlichen Aussichten werden immer düsterer. Wenn die Schuldenkrise in Europa nicht gelöst wird, kommt es zu einer weltweiten Rezession. Die Konjunkturindikatoren verschlechtern sich kontinuierlich. Es gibt Anzeichen, dass die Unternehmen weniger investieren. Wenn es keine glaubwürdige Stabilisierung in Europa und auch in den USA gibt, wird die Zuversicht der Industriefirmen weiter sinken. Dies würgt den Wirtschaftsmotor ab.

Gehen die Weltbörsen bereits von einer Rezession aus?

An den Aktienmärkten ist eine Rezession eingepreist. Dennoch ist das Aufwärtspotenzial an den Märkten gering. Dies liegt zum einen an den Sparanstrengungen der europäischen Länder, zum anderen am Problemfall Griechenland. Ein Schuldenschnitt ist unausweichlich.

Dafür ist das Potenzial nach unten umso grösser?

Die grosse Frage ist, wie ein Schuldenschnitt für Griechenland bewerkstelligt werden kann, ohne das gesamte Finanzsystem weiter zu destabilisieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass es nochmals einen starken Sturm gibt, ist gross. Der Swiss Market Index (SMI) kann dann auf 4500 Punkte fallen. Ob es schon in einem Monat oder erst in einem Jahr zu grossen Verwerfungen an den Finanzmärkten kommt, ist schwierig zu sagen.

Sehen Sie Parallelen zur Finanzkrise im Jahr 2008?

Es gibt durchaus Ähnlichkeiten. Der Stress im Finanzsystem ist vergleichbar mit der Situation im Herbst 2008.

Welchen Ausweg sehen Sie für die Anleger?

Im Moment gilt das Motto «Cash is King». In diesen unsicheren Zeiten rate ich den privaten Investoren, eine Liquiditätsquote in ihren Portefeuilles zu halten, die einen zweijährigen Bedarf decken könnte.

Bargeld wirft derzeit keine reale Rendite ab. Zudem besteht eine Inflationsgefahr...

Im Moment stecken wir in einer Phase des Wirtschaftsabschwungs. In einem solchen konjunkturellen Umfeld ist Inflation vorerst kein Thema. Somit sind flüssige Mittel besser als ein Substanzverlust an der Börse. Wenn es Anzeichen für eine steigende Inflation gibt, sollte man über die Bücher gehen.

Gibt es denn keine lohnenden Anlagen?

Ich bin generell zurückhaltend. Wenn schon Aktien, dann empfehle ich substanzstarke Dividendentitel mit einem einfach verständlichen Geschäftsmodell wie Nestlé, Novartis, Syngenta oder Sika. Bei den Obligationen gilt das Gleiche. Grundsätzlich sind qualitativ gute Unternehmensanleihen den Staatsanleihen vorzuziehen. Bei den Staatsanleihen würde ich nur in Länder mit einem Spitzenrating wie etwa Deutschland, Norwegen oder Schweden investieren.

Ist Gold eine sichere Alternative?

Der Goldpreis ist in kurzer Zeit 20 Prozent vom Höchststand gesunken. Dies zeigt, wie volatil das Edelmetall ist. Die Wertentwicklung des Goldes ist stark geprägt vom psychologischen Verhalten der Marktteilnehmer. Derzeit ist die Bewertung vernünftig. Steigen die Preise aber wieder auf 2000 Dollar, empfehle ich zu verkaufen.