Die Aktienbörsen haben deutlich an Wert gewonnen, die Anleihen fallen aber zurück. Woher kommt die Diskrepanz?
Caroline Weber:
Fundamental deutet zwar noch wenig auf einen Aufschwung hin. Zumindest ist die Panik verschwunden. Glücklicherweise haben die Regierungen verstanden, was die Märkte von ihnen erwarten. Sie reduzieren aktiv die Staatsverschuldung oder haben wenigstens damit begonnen. Zusammen mit der Geldschwemme der Europäischen Zen­tralbank hat das die Anleger beruhigt und auch dazu geführt, dass sie wieder nach riskanteren Anlagen suchen. Entsprechend haben die Staatsanleihen erster Qualität an Wert verloren.

Ziehen die Anleger da nicht voreilige Schlüsse?
Wenn die Investoren stärker auf riskantere Anlagen setzen wollen, müssen sie ihre Sicherheiten, etwa deutsche Bundesanleihen, amerikanische Staatsanleihen und dergleichen, verkaufen. 2012 wird ein schwieriges Jahr bleiben. Die Fundamentaldaten haben sich nicht wirklich verbessert. Die Krise ist nicht vorbei. Gerade in Europa steht die Wirtschaft noch auf wackligen Beinen. Im 2. Quartal wird sich der Trend zu mehr ­Rendite fortsetzen. Er wird aber nicht bis zum Ende des Jahres anhalten.

Was heisst das für die Anleihenmärkte?
Die Rendite von deutschen Bundesanleihen betrug im letzten Dezember 1,67 Prozent. So tief wird sie nicht mehr sinken. Sie kann aber von aktuell 2,7 Prozent auf bis zu 2 Prozent zurückgehen. Die Marktstimmung ist entscheidend, nicht die Fundamentaldaten.

Wie werden sich die Märkte im Verlauf des Jahres entwickeln?
Gegen Ende des Jahres werden die Märkte nicht viel höher als heute sein. Das heisst, Investoren müssen ihre Anlagen aktiver bewirtschaften oder mit einer moderaten Performance zufrieden sein. Es wird im 2. Quartal gute Möglichkeiten geben, Staatsanleihen ins Portefeuille zu holen. In kleinem Ausmass können das auch italienische oder portugiesische Schuldpapiere sein.

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Caroline Weber, Chefanalystin Bridport

Portugal droht ein ähnliches Szenario wie Griechenland. Dort erlitten Anleger schmerzhafte Verlusten.
Es gibt ein gewisses Risiko. Ich persönlich mag solche Trades auch nicht besonders. Mit ihnen wettet man nicht auf die wirtschaftliche, sondern auf die politische Entwicklung. Wenn jemand nach Rendite sucht, ist dieses Vorgehen aber zumindest eine Option. Es ist sicher besser, portugiesische Staatsanleihen zu kaufen, als Neuemissionen im hochverzinslichen Sektor in seinem Portefeuille zu haben.

Doch genau das empfehlen die Banken.
Viele unbekannte Firmen strömen heute auf den Kapitalmarkt, weil sie keine Bankdarlehen mehr erhalten. Über Portugal ist wesentlich mehr bekannt als von einer Schwellenlandanleihe. Ein ­europäischer Anleger kauft da eher portugiesische Staatsanleihen. Sicher trägt er dafür ein gewisses Risiko, aber dafür gibt es auch eine Prämie.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung in Europa?
Es gibt Fortschritte, aber sie sind noch sehr bescheiden. Jetzt ist zumindest die Unsicherheit bezüglich Griechenland ausgeräumt. Wir sehen daher eine Stabilisierung, wenn auch auf sehr tiefem Niveau. Ein Traumjahr wird es daher aber nicht.

Wie soll sich ein Anleger in diesem Umfeld positionieren?
Der Bondmarkt ist derzeit teuer. Eine vernünftige Absicherung gehört aber in jedes Portefeuille. Investoren sollten daher einen Teil ihrer Anleihen halten. Es lohnt sich, zwischen riskanteren Bonds und qualitativ hochstehenden Anleihen zu diversifizieren. So lässt sich das mangelnde Angebot bei mittelstarken Anleihen ausgleichen.