Sie vertreten die Meinung, dass es einen Schock braucht, bevor in der Euro-Krise Fortschritte erzielt werden. Wäre der Austritt Griechenlands so einer?
Rick Lacaille:
Den richtigen Schockmoment gab es bislang nicht. Wir kommen ihm aber näher. Die schwachen Euro-Staaten wollen in der Euro-Zone bleiben und die dafür notwendigen Massnahmen umsetzen. Der Zusammenbruch des Bankensystems und ein Bank-Run in einem der schwachen Staaten könnten aber einen solchen Moment auslösen.

Derzeit hoffen die Anleger, dass es dank der Europäischen Zentralbank zu einer Stabilisierung der Lage kommt. Zu Recht?
Ich glaube nicht, dass sich die Lage stabilisiert. Ich hoffe, dass man einen Weg findet, um Griechenland im Euro zu behalten. Sonst würde das den Weg zu einer europäischen Bankenunion beschleunigen − und es bräuchte eine Fiskalunion, um das Ganze zu finanzieren. Das will Deutschland nicht. Weil aber dessen Wirtschaft so stark ist, befindet sich Deutschland unweigerlich in der Rolle des Taktgebers auf diesem Weg.

Aber auch Deutschlands Wachstum kühlt sich ab.
Deutschland hat eine so tiefe Arbeitslosigkeit wie seit 20 Jahren nicht mehr. Wäre die deutsche Wirtschaft weiter so stark gewachsen, hätte die Gefahr einer Überhitzung bestanden. Die Wirtschaft wird etwas langsamer wachsen, aber es geht ihr sehr gut.

Gleichzeitig hellt sich das Bild in den USA auf. Weshalb?
Die langsame Erholung der USA setzt sich fort. Aber verschiedene Daten messen oft dasselbe; die Finanzmärkte glauben dann, dass sich die Lage deutlich aufhellt. Doch das ist nicht so. Wir glauben zwar auch, dass es besser wird, doch es bestehen weiterhin Risiken.

Anzeige

Welche sind das?
Anfang 2013 läuft das US-Konjunkturprogramm aus. Gleichzeitig werden die Steuern steigen. Das könnte zu einem Konjunktureinbruch führen. Es braucht daher vor dem nächsten Januar politische Massnahmen, sonst droht eine Rezession.

Welchen Einfluss haben die Wahlen?
Wer auch immer die Wahlen gewinnen wird, muss dieses Problem lösen. Barack Obama hat seine Präsidentschaft mitten in einer Wirtschaftskrise begonnen. In einer zweiten Amtsperiode muss er der Wirtschaft Schub geben. Mitt Romney hat zu beweisen, dass er der richtige Mann ist, um der Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen.

Wie sieht die Lage bei den amerikanischen Firmen aus?
Die Unternehmen halten sich mit Investitionen und Übernahmen zurück. Es dauert eine Weile, bis das Vertrauen der Firmenchefs in die Wirtschaft wieder wächst. Im Moment horten die Manager in den USA Cash.

Das gilt auch für hiesige Investoren. Wo könnten sie noch anlegen?
Die Frage ist doch, wo wird man für die Risiken belohnt? Wir haben in den letzten zwei Jahren amerikanische Aktien übergewichtet. Das hat sich gelohnt. Es gibt günstige Märkte, etwa die europäischen Aktienmärkte. Auch in China oder Russland bestehen Risiken, doch diese Aktienmärkte sind für uns interessant.

Einige glauben, dass wir an der Börse die Höchststände bereits gesehen haben.
Unser Voraussagehorizont ist ein Jahr. Dann sieht es für Aktien gut aus. Sie bieten für ihr Risiko einen vernünftigen Wert. Wenn man sein Geld in Bargeld steckt, die Wirtschaft sich aber weiterhin positiv entwickelt und die Kurse steigen – was tut man dann im nächsten Jahr? Man hatte zwar eine gewisse Zeit keine Risiken, aber muss sich dann Aktien zu einer höheren Bewertung kaufen.

Anzeige

Was sollte man nicht verpassen?
Schwellenland-Aktien gehören in jedes Portefeuille. Sie sind zwar nicht günstig, aber sind weniger den Risiken Europas ausgesetzt.

Rick Lacaille, Anlagechef State Street Global Advisors