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Geldfrage: Mutige gehen dorthin, wo es weh tut - nach Südeuropa

 

Für Bank-Julius-Bär-Chefstratege Christian Gattiker birgt Südeuropa grosse Chancen. Wer's lieber gemächlich hat, wählt die altbekannten sicheren Häfen.

Von Samuel Gerber (Interview)
am 27.02.2013

Das Wahlpatt in Italien hat die Börsen erschreckt. Kehrt sich die Euphorie der ­Anleger nun ins Gegenteil?

Christian Gattiker: Der Wahlausgang in Italien führte sicher einmal mehr schmerzlich vor Augen, dass die Lösung für die europäische Krise noch nicht in trockenen Tüchern ist. Eine Rolle spielte auch, wie das Ganze über die Bühne ging. Das hatte Züge einer Opera buffa. Ich kann mich nicht erinnern, dass erste Hochrechnungen bei Wahlen anderswo so weit daneben lagen.

Nach der Reaktion der Börsen sehen Italien und Spanien die Risikoaufschläge auf ihren Anleihen wieder steigen. Kommt jetzt der grosse Test für den Draghi-Put der Europäischen Zentralbank?

Nein, denn die Europäische Zentralbank kauft erst dann unbegrenzt Anleihen von Euro-Mitgliedstaaten, wenn diese Länder mit ihrer Schuldenlast nicht mehr klarkommen. Italien wird 2013 – wie 2012 übrigens auch – einen Primärüberschuss erwirtschaften. Vor Abzug des Schuldendienstes verzeichnet der Haushalt schwarze Zahlen.

Demgegenüber wird etwa die jüngste Bonitäts-Herabstufung für Grossbritan­nien gerne heruntergespielt. Zu Recht?

Ja. Die Vergangenheit zeigt, dass der Verlust der Bonitäts-Bestnote kein Schiffbruch ist. Die Herabstufung weist zudem Unstimmigkeiten auf. So können sich die britischen Banken – im Gegensatz zum Staat – vorderhand noch zum höchsten Rating am Kapitalmarkt bedienen. Wir interpretieren den Schritt eher im Zusammenhang mit der erwarteten Rückstufung der USA im Laufe dieses ­Jahres. Amerika steht haushaltseitig in mancher Hinsicht schlechter da als Grossbritannien.

Christian Gattiker, Chefstratege Bank Julius Bär

Christian Gattiker, Chefstratege Bank Julius Bär

 

Doch Grossbritannien kommt nicht aus der Rezession heraus. Auch das Wachstum von Frankreich und Deutschland warzuletzt schwach. Verlagert sich die Euro-Krise nach Kerneuropa?

Die Briten debattieren eher, ob sie überhaupt zu Kerneuropa gehören. Spass beiseite – Grossbritannien versucht das Kunststück, den Haushalt zu sanieren und gleichzeitig die negativen Auswirkungen über grosszügiges Gelddrucken auszugleichen. Ohne nennenswerte Exportindustrie ist das aber ein schwieriges Unterfangen. Deutschland erlitt eine konjunkturelle ­Delle, nun geht es schon wieder aufwärts. Frankreich dagegen hat unbestritten gros­sen Reformbedarf. Da muss noch einiges passieren – Euro-Krise hin oder her.

Die Ökonomen der European Economic Advisory Group warnen vor einem Auseinanderdriften von Kerneuropa und Peripherie. Droht doch das Ende des Euro?

Bei jedem Rückschlag wird verständlicherweise das ganze Projekt hinterfragt. Die Europäer haben 2012 mit starker Unterstützung ihrer Zentralbank ein klares Bekenntnis zur Einheitswährung abgelegt. Ob nun ein politisches Patt in Italien die Diskussion nochmals neu aufrollt, wage ich zu bezweifeln.

Konjunkturdaten deuten darauf hin, dass sich auch die Schweiz der Schwäche Europas nicht weiter entziehen kann. Wie schlägt das auf hiesige Aktienwerte durch?

Bei Konjunkturschwäche und Frankenstärke leiden Zykliker und Finanzwerte ganz besonders.

Wo finden Investoren Schutz, die ein erneutes Aufflammen der Euro-Krise befürchten?

Die sicheren Häfen sind hinlänglich bekannt. Amerikanische Staatsanleihen, deutsche Bundesanleihen, Schweizer Eidgenossen, Gold – allesamt Anlageklassen, die weit entfernt davon sind, billig zu sein. Aber im Krisenfall würde es bestimmt starke Käufe geben.

Europäische Aktien gelten allerdings weiterhin als günstig bewertet. Andersrum gefragt: Wo könnten Mutige dort noch zukaufen?

Dahin gehen, wo es weh tut, heisst die Devise für so kurzfristige Bewegungen. Südeuropäische Banken sind hier wohl die kurzfristige Wahl der hartgesottenen Anleger.

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