Die Aktienmärkte sind nach dem EU-Gipfel im Hoch. Sind die Anleger nicht zu optimistisch?
Thomas Härter: Tatsächlich sind europäische und damit auch Schweizer Aktien im Schnitt billig bewertet. Unserer Meinung nach könnten die Kurse deshalb bis Jahresende um 30 Prozent zulegen. Auf dem Weg dorthin wird es aber wohl Rücksetzer geben.

Der Gipfel hat demnach nicht alle Probleme gelöst.
Nein, es werden bestimmt noch einige Entscheidungen zu treffen sein, und die Katastrophe ist immer noch möglich: Nämlich dann, wenn es in einem Land wie Spanien zum Run auf die Banken kommt.

Wenigstens das konnte der Gipfel verhindern.
Richtig, eine Irlandisierung Spaniens konnte abgewendet werden. Nun können die Rettungsfonds direkt den Banken mit frischem Kapital beispringen, statt dass der Staat die ganze Last schultert. Das ist ein wichtiger Entscheid. Er könnte mithelfen, das Stimmungstief zu überwinden, das so schwer auf der Wirtschaft in der Euro-Zone lastet. Wir denken, dass das absolute Konjunkturtief in drei bis vier Monaten erreicht sein könnte.

Doch die Direkthilfe für die Banken hat ihren Preis?
Sie ist ein Schritt auf dem langen Weg hin zu Eurobonds. Die Bankrisiken werden nicht mehr einem Land überlassen, sondern innerhalb der Euro-Zone sozialisiert. Nicht nur Spanien, sondern auch Deutschland, Frankreich und alle anderen Euro-Länder haften über die Rettungsfonds für spanische Banken.

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Deutschland ist demnach nicht mehr ein Hort der Sicherheit?
Auf kurze Frist ist das Land ein sicherer Hafen. Langfristig gesehen und unter Berücksichtigung von Kosten und Teuerung werden Anleger mit Sicherheit ihre Kaufkraft nicht halten können. Und würde in der Euro-Zone tatsächlich ein Land zahlungsunfähig, hätte dies wegen der vielen Verbindlichkeiten natürlich auch Auswirkungen auf die Kreditfähigkeit Deutschlands.

Viel Hoffnung ruht auf der europäischen Zentralbank – wie wird sie diese Woche entscheiden?
Wir denken, dass sie die Zinsen nochmals senken wird und weitergehende Massnahmen ankündigen könnte.

Damit steigt der Aufwertungsdruck auf den Franken gegenüber dem Euro noch. Kann die Schweizerische Nationalbank die Kursgrenze zum Euro verteidigen?
Es wird sicher immer schwieriger für die Nationalbank, die Untergrenze von 1.20 Franken je Euro zu halten. Allerdings haben einzelne Personen bei der Nationalbank dafür ihr ganzes persönliches Gewicht in die Waagschale geworfen. Deshalb denke ich, dass sie die Grenze um jeden Preis verteidigen werden.

Schweizer Staatsanleihen weisen am kurzen Ende jetzt schon negative Zinsen auf. Wo finden Schweizer Investoren denn noch Rendite?
Wir haben Schweizer Bundesanleihen derzeit untergewichtet und Immobilien übergewichtet. Auch Letztere sind zwar teuer geworden, versprechen aber wegen der hohen Nachfrage auch von institutioneller Seite her immer noch stabile Renditen.

Wie können Privatanleger diese Strategie umsetzen?
Sie können etwa indirekt über Immobilienfonds und -gesellschaften investieren. Sie sollten dort aber zu hohe Aufpreise auf dem Inventarwert vermeiden.

Sie sind kritisch gegenüber deutschen und Schweizer Staatsanleihen. Wo finden Investoren denn noch Sicherheit?
Sicherheit gibt es noch kurzfristig, aber immer auf Kosten langfristiger Renditen – und wer etwas anderes sagt, der lügt! Wer auf zehn Jahre hinaus nach Steuern und Inflation kein Geld verlieren will, sollte Realwerte wie Aktien oder Immobilien kaufen.

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