Einst führte er ein Leben als Investmentbanker in der Londoner City. 20 Jahre glaubte Detlev Schlichter an die heiligen Regeln der Geldwirtschaft. Heute gehört er zu ihren grössten Kritikern. «Das System ist nicht mehr zu retten», sagt Schlichter, «die Zeichen mehren sich überall, dass die Abenddämmerung für die Papiergeld-Ära angebrochen ist.» In seinem demnächst erscheinenden Buch «Paper Money Collapse» beschreibt der Ökonom, warum das Papiergeld-System unweigerlich zusammenbrechen muss.

Beinahe täglich wird Schlichter in seinen Ansichten bestärkt. Bankaktien geraten wieder ins Rutschen, die Kosten für Kreditausfallversicherungen gehen hoch. Die US-Grossbank Bank of America (BofA) kämpft ums Überleben. Unsicherheit und Angst gehen um an den Finanzmärkten. Das Wachstum kommt weltweit ins Stocken. Das Vertrauen in die Regierungen und in die Zentralbanken schwindet. Die USA verlieren das höchste Rating.

Schlichter gehört zu einer stetig wachsenden Gruppe von Ökonomen, die nicht daran glauben, dass die staatlichen Schuldenberge je zurückgezahlt werden. Sie liefern den Gold-Fans, den Schwarzsehern und den Staatskritikern von rechts den theoretischen Unterbau für die Flucht ins Gold, Weltuntergangsszenarien, Forderungen nach Staatsabbau und geldpolitischer Kehrtwende.

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Franken als Toilettenpapier

Die Absichtserklärung der Schweizerischen Nationalbank, den Franken nötigenfalls auch mit der Notenpresse zu schwächen, passt den Alarmisten perfekt ins Bild. «Letzte Woche erinnerte uns das Schweizer Polit-Establishment verdankenswerterweise daran, dass selbst der Franken am Ende des Tages nur Toilettenpapier ist, wenn auch eines von der superweichen und dreilagigen Sorte», sagt Schlichter.

Die Entwicklung des Goldpreises bestätigt seine Zweifel. Der stieg erstmals über 1900 Dollar pro Unze. In den letzten zwölf Monaten hat er um 50 Prozent zugelegt, in den letzten zehn Jahren hat er sich gar versiebenfacht. Selbst Alan Greenspan, der frühere US-Zentralbankchef, erklärt die Nachfrage nach Gold mit dem Vertrauensverlust: «Es ist nichts anderes als eine Flucht aus einem Papiergeld-System, mit dem es bergab zu gehen scheint.»

Utah hat kürzlich Gold und Silber wieder als gesetzliches Zahlungsmittel anerkannt. Ähnliche Gesetzesvorhaben gibt es in 13 weiteren US-Bundesstaaten. Im März reichte SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer eine parlamentarische Initiative ein mit dem Ziel, in der Schweiz einen «Goldfranken» als Parallelwährung einzuführen. Sein Wechselkurs entspräche dem Marktpreis des Goldes.

Mit ihren Vorstössen wollen die Ini­tianten die Zeit zurückdrehen. In ihren Augen fand der grosse Sündenfall vor 40 Jahren statt. Damals hob US-Präsident Richard Nixon die Golddeckung des Dollar auf und flutete die Welt mit einer Währung, die völlig unbegrenzt allein vom Staat geschaffen werden konnte. Bis dahin war der Wert des Dollar an das Gold gebunden. Andere Zentralbanken konnten Dollars zu einem fixen Kurs bei der US-Zentralbank gegen Gold eintauschen. Die USA durften also nicht unbegrenzt Dollar drucken und so dessen Kaufkraft schwächen, weil sonst alle ihre Dollars sogleich in Gold eingetauscht hätten und den USA die Goldreserven ausgegangen wären.

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Papierwährungen ohne Deckung durch werthaltige Güter gab es in der Geschichte immer wieder, wenn auch nie als Weltwährung. Sie endeten alle mit massiver Geldentwertung, wenn die Staaten nicht rechtzeitig zu einer Hartwährung zurückkehrten. In der Endphase der Hyperinflation der Weimarer Republik wechselten die Menüpreise in Deutschland stündlich. 1918 war 1 Dollar 4 Mark wert, 1923 schon 4,2 Billionen Mark. Simbabwe druckte 2009 eine Banknote mit 14 Nullen, der 100-Bil­lionen-Dollar-Schein war kurzzeitig rund 5 Dollar wert. Die Inflation stieg auf 100 Prozent – pro Tag.

Die Gegner des Papiergelds wollen den staatlichen Einfluss auf die Geldproduk­tion unterbinden. «Papiergeld ist immer ein Instrument der Politik», sagt Schlichter. Die Unabhängigkeit der Zentralbank sei deshalb ein Widerspruch in sich selbst. Das werde jetzt offensichtlich, wo «die Notenpresse zur letzten Verteidigungslinie gegen Staatsbankrotte und Bankzusammenbrüche wird».

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Der grosse Kampf um die Geldpolitik

Tatsächlich ist drei Jahre nach Ausbruch der Krise kein Ende in Sicht. Damals retteten Regierungen und Zentralbanken das Finanzsystem vor dem Abgrund. Dabei haben sie sich übernommen und wirken nun hilflos, wenn es darum geht, den stotternden Motor wieder in Fahrt zu bringen. Ein Verlust an Vertrauen in die politische Führung ist die Folge.

Die populären Thesen der Papiergeld-Gegner kommen gut an, auch wenn sie durch die wirtschaftlichen Fakten nicht unbedingt gestützt werden. So gibt es in den USA keinerlei Anzeichen für die von den Gold-Fans beklagte Inflation. Zweifellos weist der Goldpreis auf zunehmende Ängste hin. Aber die Hausse ist auch von der starken Nachfrage aus China getragen – deren Zentralbank treibt den Goldpreis weit mehr als die amerikanische.

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Der Kampf um die Geldpolitik wird gehässiger. Politiker schrecken selbst vor persönlichen Angriffen auf die Zentralbankchefs nicht mehr zurück. SVP-Vordenker Christoph Blocher forderte den Rücktritt von Philipp Hildebrand. Der US-Präsidentschaftskandidat Rick Perry drohte Ben Bernanke gar Prügel an und bezichtigte ihn des Hochverrats. Der politische Zugriff auf die Geldpolitik wird von allen Seiten verstärkt.

Dabei zeigt die Geschichte, dass die Währung in den Zeiten des Goldstandards keineswegs frei von politischem Einfluss war. Zwei Ökonomen der Universität Delaware haben kürzlich die Tonband-Aufnahmen von US-Präsident Nixon untersucht – und Erstaunliches gefunden. Nixon nötigte den damaligen Zentralbankchef Arthur Burns schon vor der Aufhebung der Golddeckung rücksichtslos zu einer expansiven Geldpolitik, um seine Wiederwahlchancen zu verbessern.

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Anstieg des Preisniveaus nach Aufhebung der Golddeckung
Preisniveau in den USA in den letzten 350 Jahren (Index 2005 = 100)

quelle: UBS; Oregon State University