Seit seinem Tief im März ist der Dow Jones Industrial Average um rund 23% gestiegen. Sowohl Bullen als auch Bären sehen sich bestätigt. Die Bullen erblicken darin den Beginn eines nachhaltigen Aufschwungs. Die Bären sehen umso heftigere Rückschläge kommen, je stärker die Rally ausfällt. Beide Lager berufen sich in ihren Prognosen merkwürdigerweise auf denselben Teilbereich der Wirtschaft: Das Kreditsystem.

«Das Epizentrum der Angst ist die Vorstellung, dass die Banken voll von toxischen Papieren sind», sagt James Paulsen, oberster Investmentstratege bei Wells Capital Management. Er glaubt, die hypothekenbesicherten Papiere der Banken seien weit mehr wert, als gemeinhin angenommen, und erwartet «eine V-förmige Erholung» in der Wirtschaft und an den Börsen. George Feiger, Chef von Contango Capital Advisers, hält das für verrückt. «Der Kern des Problems ist das Kreditsystem, und das ist stark beschädigt», sagt er. «Die Auflösung der Kreditblase wird noch Jahre dauern. Diese Aktienrally ist eine Chance, um zu verkaufen.»

Wie können kluge, erfahrene Investoren angesichts identischer Daten so gegenteiliger Meinung sein? Die Optimisten verweisen darauf, dass es selbst während der turbulenten 1930er- und 1970er-Jahre am Aktienmarkt immer wieder Bullenmärkte gab. Der Dow hat sich von Juli bis September 1932 fast verdoppelt, ebenso im 1. Halbjahr 1933 - selbst als das Bankensystem weiter schwer angeschlagen war. Nach Ansicht der Optimisten repariert sich das Kreditsystem, in das mehr als 1 Billion Dollar Regierungshilfen fliessen, selbst. Sie verweisen darauf, dass die Banken, u. a. JP Morgan, Goldman Sachs und Citigroup, für das 1. Quartal bessere Zahlen gemeldet haben als erwartet.

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Sind die Kreditmärkte kaputt?

Die Pessimisten argumentieren, dass die Gewinne der Banken teilweise auf die Regierungszuschüsse zurückzuführen sind, da so weniger Abschreibungen erforderlich waren. Grosse Banken wie Citigroup und Bank of America verliessen sich bei ihren Bondverkäufen auf Staatsgarantien - ein Zeichen, dass die Kreditmärkte kaputt sind. «Die Banken sind praktisch insolvent. Sie gleichen inzwischen Enron-ähnlichen Hedge-Fonds», sagt Fondsmanager Steve Lehman von Federated Investors.

Die Bullen hoffen auf ähnliche Rebounds wie zwischen 1929 und 1932. Die Bären wiederum fühlen sich sicherer, wenn sie einen Grossteil ihres Kapitals in Geldmarktfonds und Staatsanleihen halten. Ob sie ihre Einstellung ändern und einen Teil dieses Geldes wieder in Aktien anlegen - das könnte mitentscheidend dafür sein, wie lange die jüngste Rally noch anhält.