Was ist derzeit die grösste Herausforderung für die EZB?
Gerit Heinz*: Die EZB steht vor dem Problem, dass die Geldpolitik nicht überall gleichmässig wirkt und sie momentan mit rückläufigen Inflationsraten konfrontiert ist. In Deutschland ist der Zins eigentlich zu tief, in der Euro-Peripherie kommt die expansive Geldpolitik nicht effektiv an. Dort gibt es verstopfte Kreditkanäle. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, der Privatsektor versucht Verschuldung abzubauen und die Banken sind zurückhaltend bei der Kreditvergabe.

Was bedeutet das?
Wir rechnen damit, dass die Inflation ein Stück weit ansteigt. Doch das wird ein längerer Weg sein. Es ist entscheidend, dass die Inflationserwartungen nicht zu stark absinken. Es ist wichtig für die EZB, die richtigen Signale zu senden und ­gegenüber den Märkten Wort zu halten.

Die expansive Geldpolitik der EZB bereitet vielen Beobachtern Sorgen. Zu Recht?
Wenn der Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik nicht rechtzeitig gelingt, kann Inflation aber längerfristig zu ­einem Problem werden. Doch sind die Inflationsraten zuletzt überraschend stark zurückgegangen. Es besteht die Gefahr, dass die Inflationsraten gegenüber den Prognosen der EZB zurück­bleiben. Die lockere Geldpolitik der EZB wird daher anhalten.

Weshalb gibt es weniger Inflation?
Die Inflationsraten kommen derzeit auch wegen tiefer Nahrungsmittelpreise und der sinkenden Energiepreise ­zurück. Das hängt auch mit dem milden Winter zusammen. Die Energiepreise sinken wegen des hohen ­Angebots, auch die Stärke des Euro ­gegenüber dem ­Dollar dämpft die ­Inflation im Vergleich zum Vorjahr.

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Würden Sie eine höhere Inflationsrate in der EU begrüssen?
Die Gefahr ist momentan, dass die ­langfristigen Inflationserwartungen ­absinken. Das gilt es zu vermeiden.

Wo liegt das Problem einer Deflation?
Sinkende Preise klingen vordergründig positiv. Wenn die Wirtschaftsakteure sinkende Preise erwarten, hat das aber langfristig negative Effekte. Es führt dazu, dass die Konsumenten Einkäufe aufschieben, weil sie davon ausgehen, dass die Preise noch weiter sinken. Zudem meiden die Unternehmen Investitionen, da sie sich davor fürchten, dass ihre reale Verschuldung steigt. Diese Entwicklung kann dazu führen, dass die Wirtschaft schrumpft und eine Schulden-Deflations-Spirale mit steigender Arbeitslosigkeit auslöst. Die aktuelle Situation, also die Gefahr einer Deflation, ist problematisch. Eine höhere Inflationsrate wäre daher erstrebenswert.

Führt die Politik dahin?
Die aktuelle Entwicklung hängt sicher auch mit temporären Effekten zusammen. Der Winter war mild und die Energiepreise sind tief. Mit dem starken Euro wird Deflation importiert. Wenn die EZB eine expansive Geldpolitik betreibt und die Geldpolitik der US-Notenbank Fed weniger expansiv wird, dürfte der Dollar zum Euro erstarken. Dadurch könnte der Deflationsdruck abnehmen.

Wie sieht es in den Schwellenländern oder in den USA aus?
In den USA ist eher eine höhere Inflation zur erwarten. In Schwellenländern wie Brasilien, der Türkei oder Indien ist sie schon ein sehr reales Phänomen. Inter­essanterweise ist es für Anleger dort aber einfacher, sich gegen die Inflation zu schützen, als in den Industrieländern. Denn in den Lokalwährungen sind die Realzinsen positiv.

Wie soll sich ein Anleger in diesem Umfeld aufstellen?
Liquide Anlagen und Staatsanleihen ­werden mittelfristig nicht die Renditen der Vergangenheit erzielen. Die richtige Kombination aus Aktien, Anleihen und alternativen Anlagen erscheint uns ­erfolgversprechend. Für die nächsten sechs Monate sind wir überzeugt, dass sich ­Aktien wegen der anziehenden welt­weiten Konjunktur besser entwickeln als ­Anleihen. Unternehmensanleihen sollten ­besser abschneiden als erstklassige ­Anleihen. Bei den Währungen sollte der Dollar gegenüber dem Euro aufwerten.

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*Gerit Heinz ist Leiter Investment Office Germany im Wealth Management der UBS in Frankfurt am Main.