Die US-Notenbank Fed hat am Dienstag die Leitzinsen unerwartet um 75 Basispunkte auf 3,5% gesenkt ? seit 2001 ist dies das erste Mal, dass die Fed die Zinsen ohne Ankündigung herabsetzt. An den Aktienmärkten hat dies aber nur kurzfristig zu einer Erleichterung geführt.

Die Bedingungen an den Finanzmärkten hätten sich weiter verschlechtert, begründet die US-amerikanische Notenbank ihren «schnellen und entscheidenden» Schritt. Der konjunkturelle Ausblick habe sich abgeschwächt und die Risiken für die Wirtschaft seien gestiegen.

So ist im Dezember die Zahl der Baubeginne von Einfamilienhäusern weiter eingebrochen: –14,2% auf annualisiert 1006 Mio. Mittlerweile muss man bis ins Jahr 1991 zurückblättern, um ähnlich schwache Zahlen zu finden. Der von der Philadelphia Fed ermittelte Index für die Verfassung der Wirtschaft in diesem Distrikt sank im Januar auf –20,9 nach –1,6 im Dezember. Das ist der tiefste Stand seit Oktober 2001.

Märkte bereits vorbereitet

«Bereits in einer am 10. Januar 2008 gehaltenen Ansprache sagte der Fed-Vorsitzende Ben Bernanke: «Das Komitee wird natürlich die eingehenden Wirtschaftsdaten sorgfältig hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Wirtschaftsausblick prüfen.» Basierend auf unserem Doppelmandat sind wir bereit, falls notwendig, massive zusätzliche Massnahmen zu ergreifen, um das Wirtschaftswachstum zu stützen und eine angemessene Absicherung gegen Abwärtsrisiken zu schaffen.»

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Damit hat er, so klar wie es ein Notenbankpräsident kann, eine massive Zinssenkung angekündigt. Bernanke hat indirekt den Märkten versichert, der Greenspan-Put sei weiterhin gültig. Mit Greenspan-Put wurde die Politik des ehemaligen Vorsitzenden der US-Notenbank umschrieben, wann immer es zu Krisen kommt, die Märkte mit viel und billigem Geld zu versorgen. In der Greenspan-Ära hat diese Politik, zumindest oberflächlich betrachtet, funktioniert. Der Dow Jones ist von einem Rekordhoch zum nächsten gestiegen. Wer heute eine langfristige Kursgrafik des US-Börsenbarometers ansieht, muss sich Mühe geben, den Crash 1987 zu erkennen. Ob das Mittel Greenspans unter Bernanke dieselbe Wirkung hat, ist ungewiss. Seit der De-facto- Ankündigung der Zinssenkung am 10. Dezember ist der Dow Jones Index von 12853,01 auf 12159,62 (17. Dezember) gefallen. Das Hoch, erreicht am 10. Oktober 2007, hat bei 14078,69 gelegen.

Die Reduktion der Fed-Fund-Sätze hat am 18. September mit einer Herabsetzung um 50 Basispunkte auf 4,75% begonnen. Damit einher ging ein massiver Rückgang der Sätze für zehnjährige Staatsanleihen von 5,21 auf 3,66%. Dieses Marktverhalten kann so interpretiert werden, dass auch eine erneute Lockerung der Geldpolitik nicht ausreicht, das US- Finanzsystem und damit die US-Wirtschaft auf eine gesicherte Basis zu stellen.

Verzerrung der Kapitalstruktur

Die gegenwärtige Krise geht an den Nerv des US-Finanzsystems. Im Vergleich dazu waren die LTCM-Krise, der 11. September 2001 oder die Russland- und die Asienkrise periphere Ereignisse. Die untenstehende Grafik zeigt einen Aspekt der Probleme: Der Einbruch am Häusermarkt und die Blase bei den Hypotheken. Dazu kommt die Explosion bei den kommerziellen und industriellen Krediten. Die Schwierigkeit besteht darin, dass die von Greenspan lange verfolgte Tiefzinspolitik nicht «nur» zu Finanzblasen geführt hat. Wenn Notenbanken die Zinsen unter den natürlichen Satz drücken, führt das zu tief greifenden Verzerrungen in der Kapitalstruktur einer Wirtschaft. Es kommt zu einer Ressourcenverschiebung von zeitlich konsumnahen zu konsumfernen Produktionsstrukturen. Die Rezession kann somit als Liquidationsprozess früher gemachter und durch das Zinssignal begünstigte Fehlallokation von Ressourcen interpretiert werden.

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Aus dieser Perspektive können Zinssenkungen der Fed zwar durchaus die Aktien- und andere Finanzmärkte kurzfristig stimulieren – aber das Kernproblem wird nicht gelöst. Im Gegenteil, das neue billige Geld verschleppt den Heilungsprozess der Wirtschaft. Nasenspray, Essigsocken oder Kopfwehpulver mögen einem Grippekranken kurzfristig etwas Erleichterung verschaffen. Den Virus, der die Grippe verursacht, beeindrucken sie nicht. Der muss durch die körpereigenen Abwehrkräfte eliminiert werden.