Roulette, Blackjack, Würfeln: Glücksspiele haben ihren Reiz. Wer im Casino Geld setzt, muss es sich leisten können. Noch besser ist es, wenn er weiss, welche Gewinnchancen er hat und welche Verlustrisiken er eingeht.

Genau gleich verhalte es sich mit Investitionen in Biotechunternehmen, sagt Andreas Wicki, CEO des Branchenfonds HBM BioVentures. «Es ist wie beim Roulette. Wenn sich der Anleger das Spielgeld nicht leisten kann, sollte er diversifiziert investieren» sprich in Fonds.

Actelion und Addex

Sobald sich ein Produkt nicht wie erwartet entwickelt, wird die Firma an der Börse abgestraft - wie diese Woche bei Actelion, wo es Verzögerungen mit dem Schlafmittel Almorexant gibt.

Auch der Absturz der kleinen Biotechfirma Addex letzte Woche zeigt die Analogie zum Spielcasino. Nachdem Addex das Hauptprodukt in der Pipeline wegen Nebenwirkungen stoppen musste, verlor die Aktie 65%. «Auch wir haben uns einen Einstieg bei Addex angeschaut», sagt Eric Bernhardt, Leiter Healthcare Team bei Bellevue Asset Management, die Geld ihrer Kunden unter anderem im Fonds BB Biotech anlegt. Das Abwarten hat sich gelohnt. Bernhardt ist sich bewusst, dass die Erfolgsquote nur etwa 1:10 beträgt, dass es nur einer von zehn Wirkstoffen, die in den klinischen Phasen an Menschen getestet werden, bis zur Marktzulassung schafft. Im Voraus kann niemand wissen, welcher Wirkstoff es sein wird.

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Man könne sich eigentlich erst ab Phase II ein Bild machen, ob ein Produkt wirke oder nicht. Nämlich dann, wenn es im grossen Stil an kranken Menschen getestet werde, sagt der Fondsmanager. «Daher bevorzugen wir Firmen, die mehrere Produkte in der Pipeline haben.» Würde er im Casino spielen, würde er beim Roulette sein Geld also auf mehrere Zahlen verteilen. Und um das Risiko noch breiter zu verteilen, würde er wohl an mehreren Tischen gleichzeitig spielen. Die Parallen zum Biotechsektor liegen auf der Hand: Auch in der Pharmaforschung sind binäre Ereignisse ausschlaggebend. «Biotech ist deshalb ein Paradesektor für Fonds», sagt Bernhardt. Via Fonds sind die Anleger in einem breiten Portfolio von Unternehmen beteiligt - von ertragsreichen wie Actelion bis zu Ein-Produkt-Firmen wie BioXell, Arena, Vertex, Optimer und Newron. Es wird das gesamte Spektrum abgedeckt, wobei nur rund 1% des Fondsvermögens in Ein-Produkt-Firmen steckt, während bei BB Biotech beispielsweise über 30% auf Actelion entfallen.Fonds wie BB Biotech oder HBM BioVentures treiben einen grossen Aufwand, um möglichst früh die Spreu vom Weizen zu trennen. Wer in Fonds investiert, muss diesen Aufwand in Form von Gebühren abgelten. Dafür kann er davon ausgehen, dass das Verlustrisiko kleiner ist als im Casino.

Verband relativiert Risiken

Keine grosse Freude am Vergleich von Biotechinvestitionen mit Spieleinsätzen im Casino hat der Branchenverband. Domenico Alexakis, CEO der Swiss Biotech Association (SBA): «Wenn man in diesem Zusammenhang schon von Roulette reden will, dann ist es wenigstens die richtige Art von Roulette, denn da sind Leute, die sich einsetzen und mit Sorgfalt auf den Erfolg hinarbeiten.»

Alexakis weiss, wie schwierig es heutzutage ist, in seiner Branche Kapital aufzutreiben. Nach dem Boomjahr 2007, als 246 Mio Fr. in private und 639 Mio Fr. in börsenkotierte Schweizer Biotechs investiert wurden, versiegte der Geldfluss (siehe Grafik). Deshalb wirbt Alexakis für Verständnis: «Life Sciences sind extrem volatil, und nach dem Börsengang steht eine Firma im Schaufenster. Da ist es verständlich, wenn es zu einer Kurskorrektur kommt wie etwa bei Addex.» Es sei einfach mehr Geduld nötig, weil es um mehrjährige Entwicklungsprozesse gehe.

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Faktor Glück spielt mit

Geduld und Sorgfalt hin oder her - Wicki von HBM BioVentures warnt: «Es bleibt bei jedem Projekt ein hohes Ausfallrisiko. Dabei spielt auch der Faktor Glück mit - sogar noch nach der Marktzulassung, etwa bei neu auftretenden Nebenwirkungen.» Zudem ruft er in Erinnerung, dass ein Börsengang keine Validierung sei, sondern nur eine Kapitalaufnahme. «Wenn dann ein - sachlich unbegründeter - Hype entsteht, wird es für Anleger gefährlich.»

In einem Punkt hat Wicki aber Positives zu vermelden. Nach seiner Erfahrung ist die Trefferquote von 1:10 im vergangenen Jahrzehnt auf etwa 1:7 gestiegen. Der Grund: Problematische Projekte werden früher gestoppt.