Seit März sind Sie als Leiter Research für die Edelweiss Holding tätig, die aus der Schweiz heraus einen Hedgefonds verwaltet. Vor Ihrem Antritt bei Edelweiss arbeiteten Sie für eine Grossbank in London. Wie ist es, beim Kommentieren nicht mehr auf die Hauspolitik Rücksicht nehmen zu müssen?
Dylan Grice: Ich hatte bei Société Générale das Glück, grösste Gedankenfreiheit zu geniessen. Es ist aber schon so: Während einem Bankanalysten unabhängiges Denken eher als Schrulligkeit ausgelegt wird, ist es für einen Investor unverzichtbar. Letztlich sind es Ideen, welche die Märkte in Gang bringen, und ein Gedanke ist nicht zwingend falsch, weil alle ihn für falsch halten. Also muss man als Marktbeobachter einiges aushalten können, ohne dabei zum Zyniker zu werden. Ein weiterer Unterschied zu meiner früheren Arbeit ist, dass ich nun etwas mache, statt nur darüber zu reden. Damit steigt natürlich auch die Verantwortung.

In Anlehnung an den Schwarze-Schwäne-Erfinder Nassim Taleb titeln Sie in Ihrem letzten Marktkommentar für Edelweiss: Wie man vermeidet, zum Truthahn zu werden. Wollen Sie Ihre Kollegen ärgern?
Gewiss nicht. Man sollte der Konkurrenz immer respektvoll begegnen. Es gibt dort einige sehr gescheite Leute. Eine Menge Marktbeobachter halten sich aber auch für fähig vorauszusagen, wann, wo und wie stark sich Kurse bewegen. ­Jeder, der Vermögen auf diese Weise treu­händerisch verwaltet oder sein Vermögen ­einer solchen Praxis anvertraut, ist ­meiner Meinung nach ein Truthahn.

So?
Sie werden solche Truthähne oft sagen hören: Es besteht kein Inflations­risiko, weil es heute keine Teuerung gibt. Natürlich ist es völlig offen, ob in Zukunft die Inflation zunimmt. Dennoch ist diese Logik schlicht verkehrt. Oder diese Leute erklären, Inflation sei zwar ein Risiko, doch man werde der Gefahr rechtzeitig aus dem Weg gehen. Da kann ich nur ­sagen: Viel Glück dabei. Es ist das ­Naturell von Krisen, dass man sie nicht kommen sieht.

Die US-Notenbank Fed hält die Geldschleusen weit offen, damit die Wirtschaft Schwung gewinnt. Was sind die Risiken?
Um ehrlich zu sein, die Aufzählung aller damit verbundenen Risiken sprengt den Rahmen dieses Gesprächs.

Dann geben Sie ein paar Stichworte.
Ich würde damit beginnen, dass Inflation eines der am wenigsten verstandenen Konzepte der Ökonomie ist. Landläufig wird angenommen, dass sich Inflation durch Veränderungen der Konsumentenpreise messen lässt. Doch das ist nur eine Facette des ganzen Effekts. Das Verzerren der Geldmenge sowie des Werts einer Währung – und genau das ist es, was alle Zentralbanken einschliesslich der Schweizerischen Nationalbank tun – bläht alle möglichen Dinge auf: Vermögen, die Kreditnachfrage und – wohl am gefährlichsten – unsere Zukunftserwartungen. Geld ist der Kitt unserer Gesellschaft. Nach der Sprache ist Geld das wichtigste Medium, über das wir mit ­anderen Menschen kommunizieren und Vertrauen aufbauen. Wo immer die ­Inflation zunimmt, leidet auch das gegen­seitige Vertrauen.

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Die Fed spielt ein riskantes Spiel?
Ich verstehe deren Logik schlicht nicht. Was wir heute sehen, ist eine Konsequenz jener Verzerrungen, welche die Fed vorher anzettelte. Die Euro-Krise, das Subprime-Debakel, die Tech-Blase und die Schwellenland-Krise der 1990er-Jahre: Sie alle haben ihren Ursprung in einer ­vorangehenden Krise. Und jede folgende Krise wird schlimmer, wie sich zeigt.

Darum setzen Sie auf Gold. Doch dessen Preis ist in den letzten Monaten gerade deshalb stark gefallen, weil die Anleger nicht mehr mit einer schweren Krise ­rechnen, oder?
Selbstverständlich habe ich keine Ahnung, wo sich der Goldpreis hinbewegen wird. Hingegen weiss ich, dass Gold einige sehr nützliche Eigenschaften aufweist. Sein wichtigstes Merkmal ist sicher, eine nicht abwertbare Währung zu sein. Deshalb hat Gold als Zahlungsmittel eine längere Geschichte als jede andere Devise. Auf lange Sicht ist Gold deshalb die ­einzige Anlageklasse, die praktisch risikofrei ist.