Der Schuldenschnitt in Griechenland ist geglückt. Kehrt damit das Vertrauen der Finanzmärkte in die Euro-Peripherie­staaten zurück?
Harald Preissler:
Die Märkte haben sich ohne Zweifel beruhigt, aber Vertrauen kann man das nicht nennen. Mit dem Schuldenschnitt wurde lediglich eine ungeordnete Insolvenz Griechenlands verhindert. Den übrigen Peripherieländern bleibt weiterhin nichts anderes übrig, als das Anlegervertrauen Stück für Stück über eine harte Sanierungspolitik zurückzugewinnen − auch wenn dies kurzfristig die wirtschaftliche Dynamik bremst.

Wäre es da nicht attraktiver für kleinere Peripherieländer, ebenfalls einen Schuldenschnitt ins Auge zu fassen?
Staatsanleihen der Euro-Zone würden damit endgültig diskreditiert. Als Folge davon würden nicht nur portugiesische, irische, spanische und italienische, sondern auch französische Staatsanleihen in den Abwärtssog geraten. Das wäre das Ende der Währungsunion.

Wie wichtig ist nun die weitere Aufstockung des Euro-Krisenfonds ESM?
Sie ist von zentraler Bedeutung, weil sie Voraussetzung für höhere Zuschüsse des Internationalen Währungsfonds ist. Dessen Chefin Christine Lagarde stellt in Aussicht, die freien Kapazitäten von knapp 400 auf 1000 Milliarden Euro zu erhöhen. Wenn gleichzeitig der ESM auf 750 Milliarden erweitert wird, ergibt sich eine wirksame Brandmauer von ­zusammen 1750 Miliarden Euro.

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Damit würden sich die Märkte beruhigen.Verlieren damit deutsche, holländische oder Schweizer Staatsanleihen ihre Rolle als sichere Häfen?
Viele Investoren werden nur dann bereit sein, in Staatsanleihen der Peripherieländer zu investieren, wenn sie auf der Gegenseite ausreichende Positionen in sicheren Häfen besitzen. In der Mischkalkulation ergibt das immer noch eine attraktive Rendite bei deutlich reduziertem Risiko. Daher dürfte die Nachfrage nach deutschen und niederländischen Staatsanleihen wie auch nach Schweizer Bundesobligationen, trotz extrem tiefer Renditen, gross bleiben. Das verhindert einen nachhaltigen Zinsanstieg.

Apropos Zinsen: Wird die Europäische Zentralbank ihre Leitsätze senken, um die EU-Konjunktur zu stützen?
Verbesserte Konjunkturaussichten in den USA und den grossen Schwellenländern sowie die stabile Entwicklung in den Kernländern der Währungsunion sprechen dafür, dass die Zentralbank die Zinsen nicht weiter senkt. Dies zumal die Inflation im gesamten Jahr 2012 über der selbstgesteckten Stabilitätsschwelle von 2 Prozent verharren dürfte.

Auch die Schweizerische Nationalbank trifft einen Zinsentscheid.
Die Nationalbank dürfte 2012 keine weiteren stimulierenden geldpolitischen Massnahmen ergreifen.

Sollten Anleger angesichts der Konjunk-tur­erholung Staatsanleihen tiefer ­gewichten und in Firmenanleihen umschichten?
Definitiv. Die Unternehmen haben die Krise bemerkenswert gut gemeistert und sollten sehr schnell wieder hohe Ertragszuwächse erzielen. Vor diesem Hintergrund und angesichts der immer noch attraktiven Risikoprämien gegenüber Staatsanleihen haben wir Unternehmensanleihen bereits seit geraumer Zeit übergewichtet. An dieser Ausrichtung halten wir bis auf Weiteres auch fest.

Gilt Ihre positive Einschätzung auch für Bankanleihen?
Bankenanleihen waren der Ladenhüter des Jahres 2011, was die Risikoaufschläge enorm in die Höhe getrieben hat. Aber aufgrund der ab Mitte 2012 verschärften Eigenkapitalanforderungen an die Banken und der umfangreichen Hilfsmassnahmen durch die Europäische Zentralbank hat sich die Lage entspannt. Die Kurse profitieren zusätzlich vom Anlagenotstand auf Investorenseite, sodass wir bei Anleihen des Finanzsektors durchaus wieder attraktive Ertragschancen sehen.