Die Gewinner der Finanzkrise stehen jetzt schon fest: Die Anwälte. 278 Klagen wurden im letzten Jahr in den USA im Zusammenhang mit der Subprime-Krise eingereicht. «Das war erst der Anfang», sagt Andrew Durant, Managing Director der US-amerikanischen Beratungsfirma Navigant Consulting. In den ersten zwei Monaten dieses Jahres gab es 82 neue Klagen, für 2008 erwartet der Experte rund 500 «Subprime-Klagen».

Davon betroffen sind fast alle, vom Baufinanzierer bis zu den Ratingagenturen. Auch Schweizer Firmen wie UBS, CS und Swiss Re sind bereits mit Klagen konfrontiert (siehe Box). Dabei ist das Feld für Rechtsfälle weit. Die UBS verweist im Geschäftsbericht auf Gerichtsverfahren, die Fragen zu Bewertungen, Offenlegungen, Abschreibungen, Emissionen und vertragliche Verpflichtungen betreffen.

Bis dato wurde allerdings noch kein einziger Gerichtsentscheid im Zusammenhang mit der mittlerweile zur Finanzkrise ausgewachsenen Subprime-Krise gefällt. Die Kläger, vom Kleinanleger über Finanzinstitute bis zu Gemeinden, müssen auch noch etwas Geduld aufbringen. «In einigen komplizierten Fällen könnte es sogar Jahre dauern», so Durant.

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Doch erste Erfolge vor Gericht dürften weitere Kläger auf den Plan rufen. «Wenn die Sammelklagen in den USA erfolgreich sind, wird dies auch in Europa zu einer Flut von Klagen führen», sagt Klaus Rotter, Partner der auf Aktionärsklagen spezialisierten deutschen Anwaltskanzlei Rotter Rechtsanwälte. In Europa seien noch nicht so viele Klagen eingereicht worden, weil noch vieles in der Vorbereitung stecke.

EBK-Bericht gibt «Munition»

Das Schweizer Rechtssystem kennt keine Sammelklagen. «Der Einzelne muss selber die ihm zur Verfügung stehenden Beweise vorbringen, was nicht leicht fällt», sagt Rechtsprofessor Rolf H. Weber von der Universität Zürich. Er selbst würde jedenfalls nach heutigem Kenntnisstand keine Klage gegen die UBS oder die Credit Suisse vorbereiten. Aber «die Veröffentlichung des Ergebnisses der Untersuchung der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK) könnte allfälligen Klägern Munition in die Hände geben». Welche Schadenersatzforderungen auf die Unternehmen zukommen werden, können Experten kaum abschätzen. Dennoch tobt die Finanzkrise, und die Finanzgemeinde beschäftigt sich mit den dringlichen Problemen wie den ausgetrockneten Märkten, Abschreibungen und dem Vertrauensverlust im Finanzsystem. Niemand der befragten Analystinnen und Analysten hat Rückstellungen wegen Rechtsfällen in den Gewinnschätzungen für die Schweizer Grossbanken berücksichtigt. Nicht zuletzt weil es schwierig ist, diese heute zu beziffern.

Rechtsfälle als Unsicherheit

«Rechtsstreitigkeiten sind aber ein Unsicherheitsfaktor, der früher oder später auf den Titeln lasten wird», sagt Clariden-Leu-Analyst Sacha Holderegger. «Das grösste Risiko besteht in der Schweiz für die UBS, welche sich am stärksten im US-Subprime-Markt engagiert hat.» Dirk Becker, Analyst von Landsbanki Kepler, ergänzt: «Bei der UBS könnte etwa eine erfolgreiche Klage der deutschen HSH Nordbank eine Prozesslawine auslösen.»

Nach den Abschreibungen droht das juristische Nachspiel. «Als Nächstes werden die hängigen Klagen das Finanzsystem belasten», sagte Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarkttheorie an der Universität Basel, im Interview mit der «Handelszeitung» letzte Woche. Die juristischen Risiken seien für die Finanzmärkte die schlimmsten Risiken. «Da weiss man nie, was genau kommt und wie lange es dauert, bis eine Lösung steht.»

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