Die Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse müssen nicht nur ihr Kernkapital verstärken. Geht es nach dem Willen der Experten in der «Too big to fail»-Kommission, haben sie zudem riesige Zusatzpuffer mit sogenannten Convertible Contingents (CoCos) aufzubauen (siehe Kasten).

Das wird teuer: Aufgrund der heutigen Grösse und Risikofreudigkeit müssten die UBS und die Credit Suisse allein wegen ihrer Systemrelevanz je 24 Milliarden Franken als Notreserve aufnehmen. Dieses Kapital käme bei drohender Illiquidität zum Einsatz, wenn das Unternehmen in eine gute und eine schlechte Bank aufgeteilt und letztere ordentlich liquidiert würde.

Auf die 24-Milliarden-Tranche sind jedoch Rabatte möglich. Die zuständige Expertenkommission hält nämlich in ihrem Bericht fest, dass «konkret umgesetzte organisatorische Vorkehrungen seitens der Bank», welche die «Auswirkungen einer Insolvenz» verringerten, zu Eigenmittelrabatten berechtigen würden. Je konkreter sich also eine Grossbank für den Notfall aufstellt, desto weniger CoCos muss sie aufbringen.

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Kaum überraschend meldet sich mit der Credit Suisse daher die erste Grossbank mit Ernstfall-Szenarien zu Wort. In einer nächsten Jahrhundertkrise würde sie möglicherweise ihre Tochter Neue Aargauer Bank als Auffangvehikel nutzen, sagte Credit-Suisse-Präsident Hans-Ulrich Doerig kürzlich gegenüber der Zeitung «Sonntag».

Keine offenen Märkte für CoCos

So klar scheint die Sache aber nicht zu sein. Die systemrelevanten Teile wie Zahlungsverkehr, Kundeneinlagen und Inland-Kreditgeschäft, die bei Illiquidität rasch in Sicherheit gebracht werden müssen, könnten auch in eine gänzlich neue Bank integriert werden, die innerhalb weniger Stunden und Tage mit Kapital ausgestattet würde, so Doerig.

Auch die zweite Grossbank, UBS, trägt mit ihren öffentlichen Aussagen wenig zur Klärung bei. Ob und falls ja zu welchem Preis die Finanzmultis CoCos auf dem Kapitalmarkt aufnehmen könnten, sei unklar, meinte ihr Finanzchef John Cryan am Tag der Präsentation des «Too big to fail»-Berichts. «Für diese Investments gibt es noch keinen offenen Markt, und ob diese Märkte jemals entstehen werden, müssen wir abwarten.» Auf die Frage, wohin die UBS ihre Systemteile auslagern würde, meint eine Sprecherin: «Wir prüfen zurzeit verschiedene Lösungsansätze.» Ein Sprecher der Credit Suisse verweist zudem auf den langen Instanzenweg des «Too big to fail»-Pakets hin. Zuerst nimmt der Bundesrat dazu Stellung, dann muss das Eidgenössische Parlament die Forderungen in Gesetzesform giessen.

«Harte Vorlagen»

Bereits geraten die Rabatte in die Schusslinie von Kritikern. Urs Birchler, Banken-Professor an der Universität Zürich, forderte in einem Interview mit der «NZZ», das Parlament solle die Rabatte abschiessen. Diese würden das Eigenkapitalregime verwässern, und wegen ihrer Intransparenz wüsste der haftende Steuerzahler nicht, wofür er die Rabatte gewähren müsste. Die Rabattierung verteidigt hingegen Ernst Baltensperger, emeritierter Berner Ökonomieprofessor und Mitglied der 14-köpfigen Expertenkommission. Die Auflagen dafür seien hart, allein die Bereitstellung einer Schweizer Tochtergesellschaft würde nicht genügen, um in den Genuss von CoCo-Ermässigungen zu gelangen. Das sei eine Minimalanforderung, die zwingend erfüllt sein müsste, sagt Baltensperger der «Handelszeitung».

Erfolg der Holding-Struktur zweifelhaft

CoCo-Rabatte gebe es nur für Vorkehrungen, die die internationale Sanier- und Abwicklungsfähigkeit erleichterten, sagt Baltensperger weiter. Als Möglichkeit nennt er eine «Holdingstruktur mit starker Begrenzung der finanziellen und operativen Verflechtungen zwischen einzelnen Holding-Gesellschaften».

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Ob Holdingkonstrukte die Problematik wirklich lösen, ist ungewiss. So schloss sich das Bundesgericht in den 1990er-Jahren in einem Musterprozess der Meinung der Aufsicht an, wonach die damalige Kreditanstalt als wichtigste Tochter der neuen Credit-Suisse-Holding ihren Schwesterfirmen im Krisenfall finanziell beizustehen hätte.