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Politik
Grossbritannien versinkt im Chaos: Pfund auf Talfahrt

Brexit
Brüssel und London: Mitten in der Scheidung.Quelle: Keystone

250 Tage vor dem Ausscheiden aus der EU könnte das Chaos in Grossbritannien kaum grösser sein. Was das für das Pfund bedeutet.

Von Christos Maloussis*
am 19.07.2018

Die Uhr für den Ausstieg Grossbritanniens läuft unaufhaltsam. Spätestens am 30. März 2019 wird das Vereinigte Königreich aus der Europäischen Union ausscheiden – unabhängig davon, ob die Verhandlungspartner einen Deal gefunden haben oder nicht.

Das Chaos in Grossbritannien könnte in dieser so wichtigen Phase jedoch kaum grösser sein. Neben den Differenzen der beiden politischen Lager stellt insbesondere die Uneinigkeit bei der regierenden konservativen Partei von Theresa May über die Art des Brexits eine ernst zu nehmende politische Gefahr für die Premierministerin dar. Während das pro-europäische Lager einen sanften Brexit fordert, bestehen die Hardliner auf einen harten Bruch mit der Europäischen Union.

Sanft oder hart

Die grösste Sorge der Briten ist, dass die engen wirtschaftlichen Verknüpfungen bei einer harten Scheidung wegfallen. Unternehmen und entsprechend der Arbeitsmarkt würden stark belastet. Die Befürworter eines sanften Brexit pochen daher darauf, dass ein Kompromiss mit der EU gefunden wird, bei dem die Zoll- und Handelsunion bestehen bleiben soll.

Bei einem solchen Mittelweg müssten die Briten aber die Gesetzgebung der EU akzeptieren und wohl auch die Rechtshoheit des Europäischen Gerichtshofs anerkennen. Deshalb ist ein solcher Kompromiss für die politische Gegenseite inakzeptabel. Diese fordert freie Verhandelbarkeit aller Verträge und ist bereit, einen Austritt Grossbritanniens ohne erzielten Folgevertrag mit der EU in Kauf zu nehmen. Die EU-Vertreter sehen eine 50-prozentige Chance, dass Grossbritannien im März ohne Deal aus der EU austreten wird und bereitet sich entsprechend auf dieses Szenario vor.

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Grossbritannien und die EU: Eine schwierige Beziehung.
Quelle: Keystone

Der Kompromiss im Vereinigten Königreich muss innerhalb der konservativen Partei gefunden werden. Theresa May ist nicht zu beneiden. Eine Lösung, die alle Parteien zufriedenstellt, ist kaum zu finden. Am Dienstag erzielte die Premierministerin aber einen Teilsieg. Sie schleuste eine Version zur Annahme der Vorschläge einer Zollunion knapp durchs Parlament. Gleiches geschah am Vortag, als May den Brexit-Befürwortern entgegen kam.

Das Problem wird jedoch sein, dass die Mehrheiten derzeit so knapp sind, dass es zu bezweifeln ist, ob May die erzielten Ergebnisse der Verhandlungen mit der EU im Herbst und Winter durch das Parlament bringen kann. Zusätzlich formiert sich bei den Brexit-Befürwortern der Widerstand gegen May. Ein Misstrauensvotum und mögliche Neuwahlen könnten die Folge sein. 

Aufgrund der verfahrenen Situation werden die Stimmen eines erneuten Referendums laut. Prominenente Befürworter wie der ehemalige Premierminister Tony Blair fordern den politischen Stillstand zu durchbrechen. Das britische Volk soll, aufgrund einer neuen Ausgangssituation, erneut befragt werden. Ein erneutes Referendum könnte der notwendige Befreiungsschlag sein. 

Das Britische Pfund verliert deutlich

Das zunehmende Chaos in Grossbritannien belastet auch das britische Pfund. Seit April verlor die Währung gegenüber dem US-Dollar nahezu 10 Prozent. Der Preissturz hat sich in den vergangenen Tagen nochmals deutlich verschärft.

Diese Bewegung dürfte auch darauf zurückzuführen sein, dass die Bank of England im Hinblick auf die politischen Entwicklungen die nächste Zinserhöhung verschieben könnte. Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung bei der nächsten Zentralbanksitzung im August ist in den vergangenen Tagen um mehr als 10 Prozent gefallen. 

Sollte die wichtige Unterstützung bei 1.3000 GBP/USD und bei 1.2900 nach unten durchbrochen werden, könnte eine zügige Anschlussreaktion bis auf 1.2800 und dann bis auf 1.2600 erfolgen.

De Autor Christos Maloussis ist Market Analyst und Premium Client Manager bei der IG Bank.