SUBPRIME-KRISE. Tag für Tag wird die Liste der Subprime-Verdächtigen länger. Nach den milliardenschweren Abschreibern von Citigroup und der Schweizer UBS sind nun auch Morgan Stanley und HSBC in die Schlagzeilen geraten.

Weitere illustre Namen dürften folgen: Kenner der Finanzbranche erwarten aufgrund der Investments im Kreditmarkt bis Ende 2007 noch einmal hohe Verluste. So schätzt die Zürcher Kantonalbank (ZKB) den Abschreibungsbedarf der US-Banken auf bis zu 240 Mrd Dollar. 30 Mrd Dollar hat die Branche schon in den Sand gesetzt.

Volatilität steigt sprunghaft

Die Börsen reagieren rabiat. Finanzwerte werden ohne Unterschied verramscht, an der SWX Swiss Exchange verlor das Schwergewicht UBS in den letzten Tagen zeitweise 8% an Wert. Die Credit-Suisse-Aktie gab in fünf Tagen um 4,7% nach. Das spürt der ganze Markt: Nicht zuletzt weil die Finanzwerte fast einen Drittel der Gesamtkapitalisierung ausmachen (siehe Grafik), liegt der Swiss Market Index (SMI) seit Ende Oktober 7% im Minus. Nur wenig besser erging es den Indizes in Europa, den USA und Asien. Subprime-Krise, Wachstumsverlangsamung und überschiessende Energiepreise (siehe Interview nebenan) vermengen sich zu einem giftigen Cocktail, der den Investoren schwer zusetzt: Volatilität und Anlageverdrossenheit am Aktienmarkt sind heute höher als vergangenen Sommer, als die Kreditturbulenzen ihren Anfang nahmen.

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5 Prozent Verlust stehen noch aus

Obwohl es in den letzten Tagen kurzfristig zur Erholung gekommen ist, sind die Experten nicht gerade zuversichtlich. «Fundamental ist die Lage an den Aktienmärkten heute schwieriger als noch im Sommer», vergleicht Claude Zehnder, Aktienstratege bei der ZKB, die beiden Korrekturen im Jahr 2007. Allerdings rechnet er nicht mit einer anhaltenden Baisse. «Die US-Notenbank dürfte mit weiteren Zinssenkungen den Markt stützen können.» Vonseiten der Banken wird dabei kaum Hilfe erwartet. «Die Banken könnten noch viel härter getroffen werden, wenn sich der US-Häusermarkt weiter verschlechtert», sagt Jérôme Schupp, Head of Research bei der Bank Syz & Co in Genf. Für die UBS bedeute dies im schlimmsten Fall Abschreiber von insgesamt 8 Mrd Fr., so Schupp. Ob und wie schnell sich der Aktienmarkt wieder fängt, ist fraglich – die Verluste stehen dem Minus von 13% im letzten Sommer nur mehr wenig nach. Gemäss Zehnder von der ZKB könnte der SMI kurzfristig noch um maximal 5% fallen.

Strategie jetzt anpassen

Trotzdem lohnt sich schon heute der Blick nach vorne: Es gilt, die eigene Anlagestrategie an die drastischen Änderungen am Markt anzupassen. Dabei sollte je nach der eigenen Risikobereitschaft vorgegangen werden.

Spekulativ:

Obwohl sie durchaus noch weitere Hiobsbotschaften erwarten, sind sich Marktkenner einig – in den letzten Tagen wurden Schweizer Aktien über Gebühr verkauft. Das bietet Einstiegschancen für risikobereite Investoren. Interessant sind etwa robuste Titel wie jene des Zementriesen Holcim, die in den letzten Tagen ebenfalls unter Abgabedruck geraten sind. Besonders Mutige können sich gar an heisse Eisen wie UBS oder an den Spezialitätenchemie-Konzern Clariant heranwagen – mit dem Hintergedanken, dass es mittelfristig wieder aufwärts gehen könnte.Optimistisch:

Wer dieser Tage wieder Kauforder ausgibt, muss nicht zwingend ein Spekulant sein. Wenn nämlich alle Welt zum Ausgang rennt, kann es sich auszahlen, den Markt vorsichtig zu testen und schrittweise Positionen aufzubauen. Vorzugsweise werden dabei jene Strategien berücksichtigt, die auch profitieren können, falls sich das globale Gewinnwachstum tatsächlich abkühlen sollte. Christoph Riniker, Aktienstratege bei der Bank Julius Bär, empfiehlt in diesem Zusammenhang unter anderem Titel mit vergleichsweise hoher Dividende und tiefer Volatilität. Am Swiss Performance Index (SPI) weisen Mid Caps wie Geberit und Ems diese Eigenschaften auf. Ebenfalls profitieren dürften grosskapitalisierte Wachstumsaktien wie ABB, Roche oder Synthes.Defensiv:

Die Börse irrt sich selten. Wenn sie also derzeit von Rezessionsängsten umgetrieben wird, sollten Anleger ein solches Szenario mindestens in Betracht ziehen. Einen Leitfaden hierzu bietet eine ebenfalls von Julius Bär verfasste Marktstudie. Letztere macht anschaulich, welche Segmente und Einzeltitel während vergangener US-Rezessionen positiv performt haben. Wie die Statistiken zeigen, waren dies wiederholt amerikanische Softwarewerte, während in Europa die Namen von Retail-, Versicherungs- und Energieunternehmen die Nase vorn behalten konnten.

Auch am Schweizer Aktienmarkt gibt es Sieger: Rezessionen bisher am besten überstanden haben die Valoren von Richemont, Lindt & Sprüngli, Helvetia Patria und Nestlé.

Als Teil der Finanzbranche sind die Versicherer wegen der Subprime-Krise an den Börsen in Sippenhaft genommen worden. Es zeigt sich, dass die Kurverluste nicht ganz unbegründet waren.

So musste das US-Schwergewicht AIG im 3. Quartal Investmentverluste von 864 Mio Dollar vermelden. In Europa hat Allianz über die Firmentochter Dresdner Bank 575 Mio Euro abgeschrieben, und auch die Winterthur-Käuferin Axa spricht von Verlusten im Anlagegeschäft.Die kotierten Schweizer Versicherer versichern hingegen, dass sie von den Turbulenzen um Subprime-Kredite kaum tangiert sind. Zurich Fiancial Services (ZFS) hält an den schon angegebenen 340 Mio Dollar an Krediderivate-Investments fest. Man darf gespannt sein, ob anlässlich der 3.-Quartals-Resultate Neues aus dieser Richtung zu hören ist. Bei Swiss Re machen Subprime-Papiere weniger als 0,5% des gesamten Anlagevolumens aus. Derweil sagt Swiss Life von sich: «Die direkten und indirekten Anlagen in minderklassige US-Hypotheken belaufen sich insgesamt auf 140 Mio Dollar». Bâloise sieht sich als nicht betroffen, Helvetia als «praktisch nicht betroffen» von der Krise.

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