1. Home
  2. Invest
  3. Gus Sauter: «Anleger warten auf den Weihnachtsmann»

Gus Sauter: «Anleger warten auf den Weihnachtsmann»

Gus Sauter, Investmentchef Vanguard

Die Börsen sind nervös. Doch Gus Sauter gibt sich gelassen. Der Investmentchef des amerikanischen Fondshauses Vanguard rät dazu, sich aus dem Geschehen auszuklinken und die nächsten zehn Jahre ins Aug

Von Samuel Gerber (Interview)
am 11.07.2012

Als Anlageprofi wissen Sie sicher, was jetzt zu tun ist: Kaufen, verkaufen oder halten?
Gus Sauter: Für Timing-Strategien habe ich leider nicht viel übrig. Meist orien­tieren sich die Anleger dabei nach der ­Vergangenheit. Das heisst, sie kaufen Werte, die schon stark gestiegen sind – und ­wenig später dann Verluste einfahren. ­Investoren haben viel eher Erfolg, wenn sie sich einmal auf eine Anlage­strategie festlegen und dabei bleiben. ­Anleger sind gut beraten, wenn sie sich heute zurücklehnen und vergessen, was um sie herum geschieht.

Wie bitte? Draussen tobt gerade die Euro-Krise.
Ich bin seit 27 Jahren im Finanzsektor tätig. Sie können mir glauben, es war in all diesen Jahren nicht einfach, die richtigen Entscheide zu treffen.

Sie haben Schlimmeres erlebt?
Was die Märkte heute durchmachen, ist nicht schlimmer als 40 Prozent der Krisen, die ich gesehen habe. Ich ­begann bei Vanguard am 5. Oktober 1987, nur zwei Wochen vor dem Ereignis, das wir heute den Crash von 1987 nennen. Am 19. Oktober fiel damals der amerikanische Aktienmarkt um 21 Prozent − das würde ich aus heutiger Sicht als ein ­ziemlich schwieriges Umfeld bezeichnen. 1997 erlebten wir die Asienkrise, 1998 folgte die russische Schuldenkrise und nach der Jahrtausendwende platzte die Technologie-Blase. Und dann kam die ­Finanzkrise von 2008. Es gab schwierige Momente zuhauf!

Sie kann nichts mehr erschüttern?
Auch wenn die Dinge ein wenig aus dem Lot geraten sind, würde ich heute weiterhin empfehlen, Aktien zuzukaufen. Wir wissen zwar nicht, was in den kommenden Monaten, ja in den nächsten paar Jahren geschehen wird. Wir sind ­jedoch sicher, dass Dividendenpapiere in den nächsten fünf bis zehn Jahren von ­allen Anlageklassen die beste Rendite ­abwerfen werden. Wir schätzen aufgrund der Bewertung, dass sie in den nächsten zehn Jahren 7 bis 8 Prozent jährliche ­Performance abwerfen könnten.

In den letzten 14 Jahren liess sich mit Aktien kein Geld verdienen. Warum soll jetzt alles anders werden?
Bezüglich der Euro-Krise glaube ich tatsächlich, dass es erst noch finsterer wird, bevor wir die Morgenröte sehen. Wir glauben zwar, dass der Euro zusammenhalten wird. Insgesamt rechnen wir mit einer Periode langsameren Wachstums.

Demnach würden Sie auch in europäische Staatsanleihen investieren?
Anleihen sollten unserer Meinung nach immer Bestandteil einer vernünf­tigen Vermögens-Allokation sein. Und ja, wir würden derzeit auch europäische Staatsanleihen in Betracht ziehen, weil ihr Diversifikations-Effekt hoch ist. Am besten geeignet sind übrigens Schweizer Bundesanleihen, da sie auch noch als ­sicherer Hafen dienen können. Auch ­Firmenanleihen würden wir gegenwärtig empfehlen.

Die breite Diversifikation klingt nach hohen Gebühren. Das wiegt doch im heutigen Umfeld doppelt schwer?
Privatinvestoren können etwa über Indexfonds ihre Kosten reduzieren.

Derzeit gilt sogenanntes Smart Indexing als der letzte Schrei im Anlagegeschäft. Was halten Sie davon?
Die meisten aktiven Vermögensverwalter schaffen es nicht, den Markt zu schlagen. Smart Indexing hat mit passiven Indexfonds nichts zu tun, sondern beinhaltet aktive Wetten auf gewisse Aktien innerhalb eines Index. Und damit wiederum eine Wette gegen den Markt. Die Anleger warten heute auf den Weihnachtsmann, der endlich die erhofften Renditen bringt.

Sie werden enttäuscht?
Wir alle möchten an den Weihnachtsmann glauben. Aber es gibt ihn nicht.

Anzeige