Beinahe wöchentlich folgte eine «Sensationsmeldung» auf die andere: Die im Stahlgeschäft tätige Swiss Fe stehe mit internationalen Grosskonzernen in Verhandlungen, verfüge über die Rechte zum Bau eines Tiefseehafens in der Türkei und werde bald mit noch spektakuläreren News aufwarten. Von einschlägigen Börsenbriefen wurde den Titeln entsprechend eine Verdreifachung innerhalb weniger Monate prophezeit. Dies war Anfang 2007, als sich die Börsen weltweit ihrem Höhepunkt näherten und Stahlinvestments heiss begehrt waren.

In der Märchenstunde

In der Zwischenzeit haben sich die märchenhaften Prophezeiungen von Swiss Fe im wahrsten Sinne des Wortes als Märchen erwiesen. Und auch der Kurs der Aktien, die unter anderem an der Berner Börse BX kotiert waren, hat sich seither dem eigentlichen Wert der Gesellschaft angenähert und notierte zuletzt bei 0.05 Fr. Nachdem die Firma mehrfach gegen die Börsenreglemente verstossen, keine Geschäftszahlen mehr publiziert hatte und die Generalversammlung ausfallen liess, hat die BX im Juni einen Schlussstrich gezogen und die Titel dekotiert.

Ähnlich sah die Situation bei der bereits vor zwei Jahren dekotierten Investmentgesellschaft Tiro Holding aus. Die Firma begleitete unter anderem den Börsengang von Swiss Fe und erwies sich ebenfalls als Luftnummer. Die Kotierung an der BX sollte der Abzocke einen seriösen Anstrich geben.

«Auch für uns ärgerlich»

Mit der Immobiliengesellschaft SE Swiss Estates ist ein weiteres Unternehmen an der BX kotiert, welches in jüngster Zeit negativ aufgefallen ist. Vor gut einem Jahr sorgte Swiss Estates für Aufsehen, als sich der damalige Geschäftsführer und der Verwaltungsrat gegenseitig wegen Veruntreuung anzeigten. Der Verdacht besteht, dass das börsenkotierte Unternehmen mit Mietshäusern in mehreren Kantonen systematisch ausgehöhlt wurde. In der Folge wurde der damalige CEO abgesetzt, der aber als Mehrheitsaktionär an der nachfolgenden Generalversammlung wieder die Macht über das Unternehmen an sich riss. Der Aktienkurs stürzte von rund 85 Fr. auf 4 Fr. ab. Mittlerweile notieren die Titel wieder bei rund 30 Fr.

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«Die Fälle Swiss Fe und Tiro waren für die Anleger, aber auch für uns sehr ärgerlich und haben uns einige negative Schlagzeilen eingebracht», erklärt BX-Präsident Peter Heller. Beim Börsengang der beiden Unternehmen seien allerdings sämtliche Börsenreglemente eingehalten worden. «Die Dokumentationen waren vollständig, es gab für uns keinen Anlass, die Kotierungen zu verweigern», so der Börsenchef.

Gratwanderung für die BX

Dass innerhalb der letzten Jahre einige schwarze Schafe Zuflucht an der BX gefunden haben, hängt mit der Ausrichtung der Börse aus der Bundeshauptstadt zusammen. «Die BX richtet sich als Vorstufe für die SIX Swiss Exchange an kleinere und mittlere Unternehmen, welche den Aufwand und die Kosten für eine Börsennotierung in Grenzen halten wollen, die aber eine höhere Transparenz als im ausserbörslichen Markt anstreben», begründet Heller. Dazu gehören auch Traditionsunternehmen wie der Büromaterialhersteller Biella oder die Nahrungsmittelfirma Hochdorf, genauso wie jüngere Gesellschaften wie die Anfang Jahr durch Meyer Burger übernommene Solarfirma 3S.

Um ihrem Anspruch gerecht zu werden und den administrativen Aufwand zu reduzieren, gelten geringere regulatorische Anforderungen, um in Bern ins Börsentableau aufgenommen zu werden. «Es ist eine Gratwanderung zwischen dem Anspruch der Investoren nach hoher Transparenz und umfassenden Informationen sowie dem Interesse der Unternehmen nach einem überschaubaren Mass an Administration», erklärt der Börsenpräsident. Hinzu komme, dass auch umfangreiche Reglemente, wie sie an den internationalen Handelsplätzen gefordert werden, nicht vor Betrugsfällen schützen würden.

Appell an Eigenverantwortung

Aus dem Fall Swiss Fe hat die BX allerdings ihre Lehren gezogen und das Börsenreglement Anfang Jahr verschärft. «Reine Holdinggesellschaften, die keine Aktivitäten in der Schweiz haben, werden nicht mehr zugelassen», so Heller. Zudem bestehe neu die Möglichkeit, dass die Aufsichtsstelle der BX Absagen ohne Begründung erteilen kann. «Auch zum Schutze der anderen gelisteten Unternehmen müssen wir um unseren Ruf besorgt sein», weiss er. Denn nach wie vor gebe es viele Anfragen, die für eine Kotierung nicht genügen und die den Anschein machen, als ob die Notierung an der BX nur dazu diene, die Anleger um ihre Gelder zu betrügen.

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Dennoch, auch mit der Verschärfung der Regulatorien werden sich zwielichtige Fälle nicht ausschliessen lassen. «Wir sind nicht die Richter. Um Täuschungen zu vermeiden, sind auch die Revisionsstellen gefragt und nicht zuletzt die Anleger selber», so Heller.

Daran erkennen Sie die Abzocker-Unternehmen

Die Betrügermaschen gleichen sich oft: Mit eindrucksvollen Firmen-Storys aus angesagten Branchen und hohen Renditen werden die Anleger geködert. Ein wenige Wochen andauernder (und kaum mit Volumen erzielter) Höhenflug soll die Attraktivität der nur optisch günstigen Titel untermauern. In Wahrheit handelt es sich bei den Firmen aber häufig um die Überreste konkursiter Firmen oder um einen eigens dazu gekauftem Firmenmantel. Das Geschäftsmodell besteht einzig darin, leichtgläubigen Investoren die Aktien mit einem Nennwert von zumeist 0.01 Fr. anzudrehen.

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Besondere Vorsicht ist geboten, wenn:

Die Titel in einschlägigen Börsenbriefen, in gekauften Research-Berichten oder gar per Telefon beworben werden;

auf der Homepage zwar ein revolutionäres Business beschrieben wird, zu den Kennzahlen aber keine Angaben erfolgen;

sich der Firmensitz als Briefkasten bei einem Treuhänder erweist;

die Aktien einen so tiefen Nennwert aufweisen, dass für ein geringes Aktienkapital Millionen von Titel ausgegeben werden und ein kleiner Kurssprung für die Altaktionäre einen hohen Gewinn abwirft.(rs)