Seit Jahren kämpfen Sie vergeblich für die Banklizenz, die PostFinance zur Postbank machen würde. Nun hat Ihnen der Ständerat erneut eine Absage erteilt. Was ist Ihre Reaktion?

Jürg Bucher: Der Entscheid des Ständerats überrascht mich nicht, doch wir haben längst vorgesorgt. Wir bieten mit unseren in- und ausländischen Partnern ein umfassendes Banksortiment an.

Mit welchen Argumenten wolle Sie den Nationalrat davon überzeugen?

Bucher: Vor allem werden unsere Anlagemöglichkeiten durch die fehlende Banklizenz stark eingeschränkt. Dem Risikomanagement kommt damit eine noch grössere Bedeutung zu. Schon deshalb wäre die Erweiterung der Geschäftstätigkeit die beste Lösung.

? das heisst, Sie halten immer noch an Ihren Forderungen fest?

Bucher: Wir werden dank der Kooperationen mit der Valiant Bank und der Münchener Hypothekenbank ab 2010 alle Lücken in unserem Angebot schliessen können. Eine Bankenlizenz würde uns im Anlagengeschäft noch einige Möglichkeiten zur breiteren Streuung der Risiken bieten. Deshalb halten wir an unserer Forderung nach einer Banklizenz fest.

Und was tun Sie, wenn die Lizenz endgültig verworfen werden sollte?

Bucher: PostFinance ist gut im Markt positioniert. Sie wird aus den geltenden Rahmenbedingungen das Maximum herausholen und den Kunden eine attraktive Alternative zu den Schweizer Banken bieten.

Immerhin: Im Rahmen der Revision der Postgesetzgebung hat der Ständerat der Umwandlung von PostFinance in eine Aktiengesellschaft und deren Unterstellung unter die Finanzmarktaufsicht zugestimmt. Was nützt dies?

Bucher: Es sind wichtige Schritte in der Entwicklung von PostFinance. Die branchenkonforme Aufsicht durch die Finma schafft Vertrauen und Transparenz und die Umwandlung in eine juristisch selbstständige Aktiengesellschaft stärkt unseren Auftritt am Markt.

Ans Parlament ist auch ein Vorschlag des Staatssekretariats für Wirtschaft gegangen, nachdem sich PostFinance an grossen Konsortialkrediten für Firmen beteiligen soll. Kommt dieser durch, hätten sie alle Funktionen einer Bank und wären trotzdem keine. Das ist doch reichlich ironisch?

Bucher: Wir haben den Vorschlag zur Kenntnis genommen. Geschehen ist aber noch nichts. Aber es verwundert schon: Wenn Sie über 900 Gegenparteien haben und 70 Mrd Fr. anlegen, dann frage ich mich, wo der Unterschied zu einer sogenannt echten Bank ist.

Immerhin haben Sie nun dank der Kooperation mit der Valiant Bank die Möglichkeit, auch Firmenkredite zu vergeben. Wie weit sind Sie dort?

Bucher: Wir haben im November ein erstes gemeinsames Produkt für KMU lanciert, das Kontokorrentkredite, Darlehen und feste Vorschüsse umfasst. Nächsten Sommer werden wir ein volles Angebot für KMU auf dem Markt haben, das auch Gewerbeliegenschaftskredite umfasst.

Welches Ziel haben Sie sich im Firmenkundengeschäft gesteckt?

Bucher: PostFinance unterhält mit 150000 Firmen Kundenbeziehungen, etwa 70000 von diesen haben Kreditbedarf. Wenn es uns gelingt, einige Prozent zu uns zu holen, dann ist das für mich ein Erfolg.

Und was wirft die Kooperation mit der deutschen Münchener Hypothekenbank im Hypothekengeschäft ab?

Bucher: Bei den Hypotheken sind wir sehr zufrieden. Gegenüber dem Vorjahr sind wir im Hypothekargeschäft über 20% gewachsen. Was wir nun zusätzlich mit Valiant anbieten werden, ist ein Baukredit. An der Kooperation mit der Münchener Hypothekenbank wird sich damit nichts ändern.

Im 1. Halbjahr 2009 konnten Sie 18 Mrd Fr. Neugeld anziehen. Wie sieht es in der 2. Jahreshälfte aus?

Bucher: Wir stellen ein kontinuierliches Neugeldwachstum bei den Privatkunden und KMU fest. Bis Ende Oktober haben wir insgesamt 120 000 Kunden gewonnen. Die Grossfirmen hingegen suchen wieder nach längerfristigen Anlagen und investieren gewisse parkierte Gelder. Dort wachsen wir derzeit nicht.

Also bleiben Sie hinter dem 1. Halbjahr zurück?

Bucher: Wir werden sicher nicht mehr so viel holen, obwohl per saldo die Zuflüsse weiter überwiegen. Beim Gewinn werden wir dieses Jahr die 400-Mio-Fr.-Marke überschreiten. In den nächsten zwei Jahren werden wir nun versuchen, uns auf diesem Niveau zu etablieren.

Ist die Zeit des schnellen Wachstums vorbei?

Bucher: Wir werden weiterhin wachsen, aber ich nehme nicht an, dass es in diesem Tempo geschehen wird. Die Finanzkrise hat zu einer aussergewöhnlichen Geschäftssituation geführt. Es tut uns gut, unser Wachstum zu konsolidieren.

Wachstum bedeutet auch mehr Kosten. Wie stark sind diese bei PostFinance angestiegen?

Bucher: Wir haben die Kostenentwicklung gut im Griff. Wir wachsen bewusst auf der Personalseite - dieses Jahr werden wir 150 neue Arbeitsplätze geschaffen haben, nächstes Jahr dürften nochmals 100 dazukommen. Die Sachkosten haben derweil nur gering zugenommen. Wir schaffen es, bei deutlich tieferen Margen den Gewinn zu steigern.

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Allerdings stellen Sie mit Valiant eine Tochterfirma auf die Beine, die das gemeinsame Kreditgeschäft abwickeln soll - und migrieren zu dem Zweck Teile ihrer IT von der Software Avaloq zu Finnova. Das kostet doch alles?

Bucher: Wir legen zwei Kreditverarbeitungszentren zusammen, 2011 soll die Zusammenführung zu einem Institut, das beiden Mutterhäusern gehört, abgeschlossen sein. Das eröffnet zahlreiche Synergien, wir können also mittelfristig Kosten sparen! Und die IT-Migration kostet uns natürlich etwas, aber das sind keine Zahlen für die Öffentlichkeit.

Unter welchem Namen nimmt denn die Firmentochter das Geschäft auf?

Bucher: Den Namen haben wir, bekannt geben will ich ihn aber noch nicht. Fest steht, dass der Standort für die neue Firma Bern sein wird und dass dort 160 Leute arbeiten werden.

Wo wollen Sie mit der Kooperation mit Valiant längerfristig hin?

Bucher: Beides sind solide, wachstumsorientierte Institute, die nun ihre Kräfte bündeln. Damit können wir weitere Gebiete in der Schweiz abdecken. Mit dem neuen Duo Valiant und PostFinanceist ist zu rechnen!

Die Kooperation mit Valiant wird nicht zuletzt als Front gegen die rasch wachsende Raiffeisen gedeutet. Auch persönlich kreuzen Sie gerne die Klingen mit Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz ?

Bucher: Das ist ein beliebtes Thema der Medien - ich setze mich ein für die Weiterentwicklung von PostFinance, er für die Eindämmung dieser Entwicklung. Offenbar hat man Respekt vor den Leistungen von PostFinance. Mit Valiant zusammen werden uns Raiffeisen, aber auch die Kantonal- und Regionalbanken wohl noch stärker spüren.

Ein wichtiger Aspekt der Kooperation ist auch, dass PostFinance nun mehr Gelder im Inland in Krediten anlegen kann, statt sie auf den globalen Finanzmärkten zu verteilen. Wie viele Mittel haben Sie schon «repatriiert»?

Bucher: Wir sind noch ganz am Anfang in der Kooperation mit Valiant. Wir werden noch lange die Mehrheit unserer Gelder am internationalen Kapitalmarkt angelegt haben - für unsere 70 Mrd Fr. ist der Schweizer Kreditmarkt doch eher klein.

Doch auch im Ausland hat sich PostFinance die Finger verbrannt - das Institut ist auf der Liste der Lehman-Geschädigten. Wie gehen Sie in dem Fall vor?

Bucher: Die Obligationen von Lehman haben wir im Rahmen unseres Anleihenportefeuilles gehalten. Bei Lehman gehören wir zu den zigtausend Gläubigern. Den einen oder anderen Dollar werden wir wohl zurückbekommen. Aber das wird Jahre dauern.