Haben die deflationären Tendenzen, vor denen die SNB gewarnt hatte, abgenommen?

Thomas Jordan: Deflationäre Risiken für die Schweiz können wir nach wie vor nicht ausschliessen. Die Risiken bestehen vor allem dann, wenn sich die Weltwirtschaft nicht wie gewünscht erholen sollte oder wenn sich der Franken wieder stark aufwerten würde.

Deshalb kämpfen Sie gegen eine Aufwertung der Schweizer Währung. Nun bewegt sich der Franken zum Euro in einem Seitwärtskanal zwischen 1.50 und 1.53 Fr. Sind Sie mit der Wirkung der Deviseninterventionen der Nationalbank zufrieden?

Jordan: Wir sind mit der gegenwärtigen Situation zufrieden. Unsere Massnahmen wirken. Die Märkte haben verstanden, was unsere Absichten sind. Unsere Politik gegen die Aufwertung des Frankens ist bisher erfolgreich.

Wird die SNB weiter Fremdwährungen kaufen, wenn der Franken zum Euro über 1.53 Fr. tendiert?

Jordan: Wir haben immer deutlich gesagt, dass wir keine Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro akzeptieren. Wir halten eine Aufwertung im gegenwärtigen Zeitpunkt für ökonomisch gefährlich und nicht gerechtfertigt. Wir setzen diese Absicht konsequent um und verfügen dafür über die nötigen Instrumente. Gleichzeitig geht es bei unserer Strategie nicht um einen Abwertungswettlauf.

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Ab welcher Schwelle sieht sich die SNB veranlasst, mit Devisenkäufen gegen eine Aufwertung zu intervenieren?

Jordan: Wir geben keine Interventionsschwelle bekannt.

Sie intervenieren also, sobald der Euro nahe an 1.50 Fr. gelangt?

Jordan: Wir entscheiden situativ, wenn wir intervenieren wollen. Der Markt hat dabei unsere Strategie bisher gut verstanden.

Welches Volumen haben die Deviseninterventionen inzwischen erreicht?

Jordan: Es gehört zu unserer Strategie, dass wir die Volumen der Deviseninterventionen nicht bekannt geben. Wir sind auch in Zukunft bereit, wenn nötig substanzielle Beträge dafür einzusetzen. Wir wollen die Aufwertung verhindern und wir limitieren uns nicht zum Voraus mit einem festen Betrag.

Wird die SNB weiter Schweizer-Franken-Unternehmensanleihen und -Pfandbriefe kaufen?

Jordan: Wir werden auch künftig solche Obligationen kaufen mit dem Ziel, die Risikoprämien nicht ansteigen zu lassen, sondern eher nach unten zu drücken. Da bleiben wir aktiv. Dadurch erleichtern wir es Firmen auch, erneut an den Obligationenmarkt zu kommen. Wir fördern aber den Markt insgesamt und nicht einzelne Firmen.

Ist es denn noch nötig, weiter Anleihen zu kaufen, obwohl sich die Lage an den Finanzmärkten deutlich verbessert hat?

Jordan: Wir wollen den Druck auf den Markt aufrechterhalten, damit sich die Situation für die Firmen nicht verschlechtert, sondern weiter verbessert. Es ist noch nicht der Zeitpunkt gekommen, um diese Massnahmen zu stoppen oder zu befristen.

Bereitet sich die Nationalbank also noch nicht auf eine Normalisierung der Geldpolitik vor?

Jordan: Dafür ist es zu früh. Das wirtschaftliche Umfeld und der Inflationsausblick lassen es noch nicht zu, dass wir eine Normalisierung der Geldpolitik in Betracht ziehen können. Im Moment gibt es keine Anzeichen dafür, dass wir eine Veränderung der Geldpolitik ins Auge fassen müssten. An unserer de facto Nullzinspolitik und auch an unseren ausserordentlichen Massnahmen gegen die Aufwertung des Frankens halten wir bis auf weiteres fest.

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Welche Voraussetzungen müssten erfüllt sein, dass die SNB die geldpolitischen Zügel wieder anziehen würde?

Jordan: Wenn unsere Inflationsprognose einen Anstieg über das Ziel der Preisstabilität anzeigt, wäre dies der Moment dafür. Doch dies ist heute nicht der Fall. Wir sehen zurzeit keinen Inflationsdruck in der Schweiz. Ein anderer Grund für das Anziehen der geldpolitischen Zügel wäre dann gegeben, wenn es aufgrund zu tiefer Zinsen zu gefährlichen Verzerrungen in der schweizerischen Wirtschaft kommen würde. Auch diesbezüglich sehen wir aber im Moment keinen Handlungsbedarf.

Besteht nicht das Risiko, dass man mittelfristig aus einer Phase mit deflationären Tendenzen fliessend in eine Inflation gerät?

Jordan: Trotz der enorm expansiven Geldpolitik erachten wir das Inflationsrisiko in der Schweiz aus heutiger Sicht auch mittelfristig als gering. Aber wir können dieses Risiko nicht ganz ausschliessen. Die Normalisierung der Geldpolitik wird eine sehr schwierige Gratwanderung sein. Wir werden jedoch alles unternehmen, um auch künftig die Preisstabilität in der Schweiz zu gewährleisten.

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Sind also die Inflationsängste vieler Anleger übertrieben?Jordan: In der Schweiz ja.

Die USA und Europa haben Milliarden in die Wirtschaft gepumpt und sitzen auf hohen Schuldenbergen. Jemand muss dies irgendwann bezahlen. Kommt es da nicht unweigerlich zu einer Inflation?

Jordan: Das ist ein sehr heikler Punkt. In gewissen Ländern sind die Inflationsrisiken in der Tat deutlich grösser als bei uns. Hier braucht es auch bei der Staatsverschuldung eine Normalisierung nach der Krise. Vom Ausland her könnte es mittelfristig schon einen gewissen Inflationsdruck geben.

Die Zinsen sind weltweit auf sehr tiefem Niveau. Drohen aufgrund dieses rekordtiefen Zinsniveaus nicht Gefahren für die Stabilität des Schweizer Immobilienmarktes?

Jordan: Lange Perioden mit tiefem Zinsniveau bergen die Gefahr von Fehlentwicklungen, insbesondere einer Fehlallokation von Kapital. Es ist tatsächlich so, dass hier ein gewisses Risiko für die Stabilität des Schweizer Immobilienmarktes und des Bankensystems besteht. Banken und Hauseigentümer sollten daher bei der Belehnung von Grundeigentum bestimmte Proportionen nicht überschreiten. Von der Regel, dass man Immobilien nicht mit mehr als 80% Fremdkapital belasten darf, sollte man nicht abweichen. Zudem müssen Hauseigentümer und Banken auch schauen, dass die Tragbarkeit der Hypothekenverschuldung auch bei deutlich höheren Zinsen noch gegeben ist. Sie dürfen nicht davon ausgehen, dass dieses tiefe Zinsniveau der Normalzustand ist.

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Das ist eine deutliche Warnung.

Jordan: Man sollte sich vor Augen halten, dass die Zinskosten plötzlich deutlich höher sein können. Die expansive Geldpolitik hat diese tiefen Zinsen absichtlich herbeigeführt. Das ist aber kein langfristiges Gleichgewicht, sondern reflektiert die schwierige ökonomische Situation, in der wir jetzt sind. Nach der Krise werden wir wiederum eine Normalisierung haben. Und in diesem normalen Umfeld werden die Zinsen deutlich höher sein als jetzt. Haushalte, Unternehmen und Banken müssen sich also so verhalten, dass sie heute von den tiefen Zinsen profitieren können, ohne dabei aber mittelfristig Stabilitätsprobleme zu kreieren.

Sehen Sie Anzeichen für Marktübertreibungen am hiesigen Immobilienmarkt?

Jordan: Das mag für vereinzelte Regionen der Fall sein, etwa am Genfersee und am Zürichsee. Insgesamt ist der Schweizer Immobilienmarkt aber gesund. Wir sehen keine Blasenbildung bei den Immobilienpreisen. Trotz der Krise sind die Preise aber auch nicht wirklich gesunken. Die tiefen Zinsen haben also ihre stabilisierende Wirkung gezeigt.

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Trotz tiefen Zinsen ist es für die Unternehmen schwieriger geworden, sich zu finanzieren. Sehen Sie nach wie vor keine Anzeichen für eine Kreditklemme in der Schweiz?

Jordan: Es ist für die Unternehmen sicher nicht leichter geworden, zu Krediten zu kommen. Aber insgesamt haben wir in der Schweiz keine Kreditklemme. Dafür gibt es im Moment keine Anzeichen. Es gibt jedoch einzelne Härtefälle. Das sind vor allem Firmen in einer besonders schwierigen wirtschaftlichen Situation oder in einem schwierigen Umfeld, wo die langfristige Perspektive für das Unternehmen unklar ist. Kredite sind für viele Firmen aufgrund des höheren Risikos teurer geworden. Aber es ist nicht so, dass die Banken generell weniger Kredite geben.

Braucht es daher keine speziellen Vehikel, um Finanzierungen für Firmen in der Industrie oder für KMU sicherzustellen?

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Jordan: Da sehen wir im Moment keinen Bedarf. Ich habe Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des Schweizer Bankensystems. Der Markt spielt bei Krediten für Firmen bisher gut. Die Banken sind sich ihrer volkswirtschaftlichen Verantwortung in dieser schwierigen Phase bewusst. Sie arbeiten auch vermehrt zusammen, um die Risiken bei grösseren Krediten zu verteilen.

Sind weitere Pfandbrieftransaktionen nötig?

Jordan: Die Pfandbrieftransaktionen zwischen den Schweizer Banken waren in einer Phase sehr nützlich, als der Interbankenmarkt in der Schweiz praktisch zum Stillstand gekommen ist und der Obligationenmarkt für die Grossbanken komplett geschlossen war. Die Benutzung dieses Instruments ist im Moment etwas zurückgegangen. Solche Pfandbrieftransaktion können aber wieder vermehrt genutzt werden, wenn sich die Situation plötzlich erneut verschlechtern würde. Derzeit ist dies nicht nötig ?

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weil sich die Banken gegenseitig wieder vertrauen.

Jordan: Ja. Die Situation auf dem Interbankenmarkt ist besser geworden. Die Lage hat sich eindeutig entspannt.