Die Ratingagenturen sind alarmiert. Vor kurzem kündigten sie an, ihre Bewertungsmodelle zu reformieren. Weniger Interessenkonflikte, besseres Risikomanagement und mehr Transparenz – das sind die erklärten Ziele. Damit reagieren die Bonitätsprüfer auf Anschuldigungen, sie hätten die weltweite Finanzkrise im vergangenen Sommer mitausgelöst. Der Vorwurf: Nur durch ungerechtfertigt gute Ratingnoten sei es möglich gewesen, Käufer für minderwertige Kreditverbriefungen zu finden.

Die Vermischung von Beratung und Bonitätsprüfung ist der grösste Kritikpunkt. Denn deren Geschäftsmodelle ruhen auf zwei Säulen: Einerseits bewerten sie die Qualität verschiedenster Wertpapiere, die von Banken ausgegeben werden. Andererseits beraten sie die Banken bei der Konstruktion dieser Papiere.

Das Bewertungsgeschäft mit gebündelten Kreditverbriefungen wie Asset Backed Securities (ABS) oder Collaterized Debt Obligations (CDO) hat sich in den letzten Jahren zur Goldgrube entwickelt. Allein Moody‘s hat in den vergangenen zehn Jahren den Umsatz verfünffacht, Betriebs- und Reingewinn stiegen um das Zehnfache – zu einem beträchtlichen Teil durch den Geschäftszweig strukturierte Produkte. Zwischen 2002 und 2006 nahm Moody‘s mit entsprechenden Ratings 3,4 Mrd Dollar ein, 2006 hat dieser Sektor 44% an den Gesamteinnahmen beigesteuert.

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Kleine Gefallen an die Kunden

«Bei derart hohen Erlösen liegt die Vermutung nahe, dass sich die Branche manchmal zu Gefälligkeitsratings verführen liess», urteilt Jan Amrit Poser, Chefökonom der Bank Sarasin. «Das ist nicht wahr», kontert S & P-Sprecher Martin Winn. Doch ein Top-Manager einer Ratingagentur verrät: «Speziell für konstruierte Finanzprodukte geht der Kunde zu jener Ratingagentur, von der er weiss, dass sie tendenziell bessere Noten erteilt. Wer sich als Ratingagentur da nicht grosszügig zeigt, dem laufen die Kunden weg.»

Kritiker fordern eine Trennung der Geschäftsbereiche Beratung und Rating. Zudem wurden Rufe nach stärkeren staatlichen Kontrollen laut. «Bisher hat man den Ratingagenturen zu wenig über die Schulter geschaut. Das muss sich ändern», sagt der Präsident der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK), Eugen Haltiner. Zwar sollten Ratings Dienstleistungen sein, die auch weiterhin die Privatwirtschaft erbringt. Doch die staatlichen Organe müssten ihre Aufsichtsrolle künftig stärker ausüben. Ein weiterer Vorwurf: Standard & Poor‘s, Moody‘s und Fitch bewerteten Kreditverbriefungen nach demselben Schema wie klassische Staats- und Unternehmensanleihen. Das heisst: Die Bestnote AAA gilt sowohl für Anleihen als auch für die komplexen Kreditpakete. Weltweit fordern daher Aufsichtsbehörden und Investoren spezielle Ratingnoten für strukturierte Produkte. EBK-Präsident Haltiner schlägt ein Gütesiegel für die Bewertungsmodelle der Agenturen vor.

Neue Notenskala für Derivate

Jetzt haben die führenden Ratingagenturen auf die Reformforderungen reagiert. Beispielsweise will S & P ein Risikokomitee installieren, das unabhängig vom Ratinggeschäft arbeiten soll. Es soll unter anderem darüber entscheiden, inwieweit Ratings für neue Finanzprodukte überhaupt sinnvoll durchführbar sind. Das bestehende Bewertungsmodell für strukturierte Produkte werde erweitert. Und ein Handbuch zu den Details der Kreditratings soll Investoren mehr Klarheit verschaffen.

Währenddessen denkt Moody‘s darüber nach, seine Notenskala für strukturierte Produkte grundlegend zu ändern. Die bisherige Skala mit 21 Buchstabenkombinationen von der Bestnote AAA bis zur schlechtesten Bewertung C werde möglicherweise abgeschafft. Stattdessen sei ein Punktesystem denkbar, das die Wertpapiere mit maximal 21 Punkten benote. Fitch will seine Ratingkriterien für Kreditverbriefungen verschärfen. Die Änderungen sollen am 31. März in Kraft treten. Dann will das Unternehmen neue Bewertungen für bestehende und neue Papiere veröffentlichen. Dadurch drohen weitere Herabstufungen und Kurseinbrüche, die den Finanzmarkt erneut lahmlegen könnten.

Ob diese Massnahmen ausreichen, um das Vertrauen in die Agenturen wieder herzustellen und die Qualität der Ratings zu steigern, wird sich zeigen. Vielen Kritikern dürften die angekündigten Reformen allerdings nicht weit genug gehen. Bereits ist von «Augenwischerei» die Rede.