THOMAS JORDAN. Macht Ihnen der schwache Franken Sorgen?

Thomas Jordan:

Was uns Sorge macht, sind vor allem anhaltende Kursverluste des Frankens über eine lange Zeit. Wenn sich der Franken immer mehr abschwächt, führt das früher oder später zu einem Inflationsproblem in der Schweiz. Gleichzeitig muss man betonen, dass wir im Moment vor allem einen ausgesprochen starken Euro haben.

Ist der Franken unterbewertet?

Jordan: Der Franken ist gegenüber dem Euro, nicht aber gegenüber dem Dollar und Yen tief bewertet. Zwischen dem Euro und dem Franken besteht möglicherweise ein Ungleichgewicht. Aber niemand kann genau sagen, wo der richtige Wechselkurs liegt.

Erwarten Sie eine Korrektur des Ungleichgewichtes gegenüber dem Franken?

Jordan: Ungleichgewichte haben die Tendenz, über die Zeit zu verschwinden. Manchmal langsam, manchmal sehr rasch. Heftige Reaktionen an den Devisenmärkten sind daher nie auszuschliessen. Unser Währungsumfeld ist zurzeit stark von den Carry Trades geprägt. Die Carry Trades haben dazu beigetragen, dass sich der Franken gegenüber dem Euro abgeschwächt hat. Falls Devisenhändler zum Schluss kommen, dass sich die Risiken ändern, sind sie bereit, ihre Carry Trades rasch aufzulösen. Das könnte unter Umständen eine abrupte Aufwertung des Frankens zur Folge haben.

Was raten Sie den Unternehmen?

Jordan: Die Firmen können nicht davon ausgehen, dass die Volatilität beim Euro-Franken-Kurs für immer auf einem so tiefen Niveau bleibt. Sie dürfen sich auch nicht nur auf einen schwächeren Franken einstellen. Die Unternehmen sollten damit rechnen, dass der Franken plötzlich wieder stärker wird, und ihr Risikomanagement entsprechend anpassen.

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Müsste die Nationalbank angesichts des Eurohöhenflugs und der Schwäche des Frankens nicht an den Devisenmärkten intervenieren?

Jordan: Interventionen an den Devisenmärkten sehen wir nur in Ausnahmefällen vor. Im heutigen Umfeld ist das kein sinnvolles Instrument, um geldpolitisch zu agieren. Falls nötig, würden wir stattdessen das Zinsband anpassen, um dem inflationären Druck entgegenzuwirken.

Ein schwacher Franken hat allerdings auch eine positive Wirkung für die Schweizer Unternehmen.

Jordan: Das stimmt. Der schwache Franken stimuliert die Schweizer Exportwirtschaft und hat zur günstigen Konjunktursituation beigetragen. Gleichzeitig werden Importe teurer. Das kann sich – wie gesagt – mit der Zeit inflationär auswirken. Trotz einer Abschwächung des Frankens hat sich bisher beim Konsumentenpreisniveau aber noch kaum eine negative Entwicklung ergeben.

Sehen Sie da eine Trendwende?

Jordan: Wir sind jetzt an dem Punkt, wo die Margen der Importeure zunehmend unter Druck kommen. Das kann nicht ewig so weitergehen. Wenn die Marge ein bestimmtes Minimum unterschritten hat, müssen die Importeure ihre Preise erhöhen oder aus dem Geschäft aussteigen. Wir verfolgen dies sehr genau, um die Inflationsrisiken abzuschätzen.

Wie beurteilen Sie das Verhältnis des Dollar zum Franken?

Jordan: Wir haben derzeit einen starken Euro und einen schwachen Dollar. Das US-Handelsbilanzdefizit, die US-Immobilienkrise und eine mögliche Abkühlung der amerikanischen Wirtschaft schwächen den Dollar. Verstärkt wird dieser Trend durch die Reduktion der US-Zinsen, die dazu geführt hat, dass die Zinsdifferenz zwischen Euro und Dollaranlagen verringert worden ist. Im Moment spricht wenig dafür, dass der Dollar in absehbarer Zeit wieder massiv stärker wird.

Haben wir bei der US-Immobilienkrise das Schlimmste hinter uns?

Jordan: Die Krise ist erst ausgestanden, wenn einerseits die nachgebenden Häuserpreise einen Boden gefunden haben und andererseits die Hypothekenmasse von den notleidenden Krediten bereinigt wurde. Im Moment haben wir noch immer fallende Preise. Bei den Hypotheken wird es noch viele weitere Ausfälle geben. Bis die Krise bewältigt sein wird, wird noch einige Zeit vergehen.

Diese Krise wird also noch weit bis ins Jahr 2008 andauern?

Jordan: Ja, davon müssen wir ausgehen. Weiter sinkende Preise bei den Häusern und die schlechte Bonität vieler Hauseigentümer sowie die Neufestsetzung der Hypozinsen führen dazu, dass noch mehr Hypotheken in den USA notleidend werden.

Welche Folgen hat dies für die Konjunktur?

Jordan: Man kann nicht davon ausgehen, dass die US-Immobilienkrise völlig spurlos an der Weltwirtschaft vorbeigehen wird. Allerdings kann man im Moment das Ausmass der Folgen noch nicht abschätzen. Die Unsicherheit hat eindeutig zugenommen.

Könnte die US-Krise auch die Wirtschaft in der Schweiz belasten?

Jordan: Die tatsächlichen Auswirkungen der US-Krise auf die Schweiz können heute noch nicht beurteilt werden. Es besteht aber aus zwei Gründen ein Risiko: Wenn die US-Krise zu einer Abkühlung der Weltwirtschaft führt, tangiert dies zwangsläufig auch die Schweiz, da wir stark von den Exporten abhängig sind. In der Schweiz ist zudem der Einfluss des Finanzsektors auf die Konjunktur gross. Führt die US-Krise zu einem starken Rückgang der Aktivitäten im Finanzsektor, wird sich dies zusätzlich negativ auf die Schweiz auswirken. Dieser Aspekt wird hierzulande unterschätzt. Im Moment gehen wir aber immer noch von einer recht günstigen Entwicklung aus. Die Konjunktur dürfte sich nach dem sehr guten Jahr 2007 im nächsten Jahr auf das Potenzialwachstum von rund 2% verlangsamen.

Wie gravierend ist die Entwicklung bei den Schweizer Grossbanken?

Jordan: Die Entwicklung ist sicher nicht erfreulich. Wenn in diesem Ausmass Verluste im Bankensektor auftreten, verfolgen wir das sehr wachsam. Die hohen Abschreiber sind kein gutes Zeichen für die vorgenommene Risikoeinschätzung. Die betroffenen Institute sind aber daran, die nötigen Korrekturen vorzunehmen.

Könnten die negativen Nachrichten aus dem Finanzsektor die Konsumentenstimmung belasten?

Jordan: Das ist möglich. Die Konsumentenstimmung hängt direkt aber vor allem von den Aussichten am Arbeitsmarkt und von der Lohnentwicklung ab.

Wie beurteilen Sie die Inflationsrisiken angesichts dieses Konjunkturszenarios?

Jordan: Wir haben wegen der tiefen Inflation in der Schweiz eine im internationalen Vergleich sehr gute Ausgangslage. Die Risiken, die wir bei der Inflation haben, liegen primär in der Entwicklung des Frankenkurses. Wenn sich der Franken weiter abschwächen würde, dann dürfte die Inflation zunehmen. Ein weiteres Risiko liegt beim Ölpreis. Dieser bestimmt vor allem die kurzfristige Entwicklung der Inflation.

Ist es falsch, wenn die Finanzmärkte damit rechnen, dass in naher Zukunft keine Zinserhöhungen der SNB zu erwarten sind?

Jordan: Wir haben an unserer letzten Lagebeurteilung weder weitere Zinserhöhungen angekündigt, noch solche ausgeschlossen. Die Unsicherheit über den zukünftigen geldpolitischen Kurs ist grösser geworden. Die weitere Geldpolitik ist von der Entwicklung der Datenlage abhängig. Unsere Aufgabe ist es, mittelfristig Preisstabilität zu gewährleisten.

Aber die Verwerfungen im Bankensektor sprechen doch für eine Zinspause?

Jordan: Es stimmt, dass die Schocks an den Finanzmärkten Risiken nach unten beinhalten. Gleichzeitig dürfen wir auch bestimmte Inflationsrisiken nicht ignorieren. In diesem Umfeld gilt es, eine ausgewogene Politik zu verfolgen und geldpolitische Fehler zu vermeiden.

Halten Sie das Niveau des 3-Monate-Libors für angemessen?

Jordan: Das Niveau für den 3-Monats-Zins ist für die momentane Situation angemessen. Wir stellen an den Geldmärkten auch eine gewisse Beruhigung fest. An der Lagebeurteilung vom Dezember werden wir die Situation mit einer neuen Prognose beurteilen können.

Sehen Sie auch negative Folgen für die Kreditvergabe?

Jordan: Darin liegt ein beträchtliches Risiko. Die Krise führt dazu, dass die Kreditvergabe der Banken an die übrige Wirtschaft über die nächste Zeit eingeschränkt werden könnte. Das würde das Wachstum bremsen.

Vergeben die Banken weniger Kredite?

Jordan: In der Schweiz sehen wir dies derzeit nicht, sicher aber in den USA. Bei der Kreditvergabe in der Schweiz sind bis jetzt keine negativen Entwicklungen eingetreten. Aber selbst dieses Risiko darf man bei einer Zuspitzung der Krise nicht vollständig ausschliessen.

Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus der Krise?

Jordan: Eine der wesentlichsten Erkenntnisse ist, dass das Risikomanagement der Banken nicht überall gut funktioniert hat. Es genügt nicht, dass sich die Banken nur auf Ratinggesellschaften und Risikomodelle verlassen. Eine weitere Erkenntnis ist, dass viele Instrumente enorm komplex und nicht ausreichend stresserprobt waren. Die Komplexität wurde unterschätzt.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Jordan: Die Banken sollten nur Geschäfte tätigen, die sie wirklich verstehen. Das war offenbar bei den Engagements im US-Hypothekenmarkt nicht immer der Fall. Es braucht aber nicht unbedingt mehr Regulierung. Die Banken müssen die Risiken mit mehr Augenmass und gesundem Menschenverstand beurteilen.

Als eines der Probleme zeigte sich, dass der Geldmarkt als Folge der US-Krise auch in der Schweiz plötzlich nicht mehr liquid war. Was gilt es da zu unternehmen?

Jordan: Es hat sich gezeigt, dass in einer Vertrauenskrise viele Liquiditätsquellen sehr rasch versiegen. Die Banken müssen sich so positionieren, dass sie auch in schwierigen Zeiten Zugang zu Liquidität haben. Hier spielt der gesicherte Geldmarkt, der sogenannte Repomarkt, eine entscheidende Rolle. Man hat in dieser Krise gesehen, dass der ungesicherte Geldmarkt praktisch zum Stillstand gekommen ist. Es wurden keine Geschäfte mehr abgeschlossen. Auch die Notenbanken werden ihre Instrumente im Hinblick auf die Sicherstellung der Liquidität in Krisenfällen überprüfen müssen.

Könnte es wieder zu einem Liquiditätsengpass kommen?

Jordan: Ja. Wenn erneut negative Überraschungen zu einer plötzlichen und starken Erhöhung der Nachfrage nach Liquidität führen.

Dann würde die SNB erneut Liquidität in den Markt pumpen?

Jordan: Das würden wir tun, um einem unerwünschten Anstieg der Zinsen entgegenzutreten.

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