Lehman Brothers ist bankrott. Der Ruf der Bank ist ruiniert. Und das Unternehmen wurde aus seinem vornehmen Hauptsitzgebäude gedrängt. Dennoch ist ein Job bei Lehman Brothers - oder dem, was von der einstigen Investmentbank übrig ist - momentan höchst begehrt in Wall-Street-Kreisen. Lehman gilt bei den vielen Bankern, die in der jüngsten Vergangenheit ihren Job verloren haben, als relativ sicheres Zuhause. Verglichen mit den vergangenen Niveaus sind die Gehälter zwar nicht besonders hoch. Allerdings könnte es zwei oder mehr Jahre dauern, das Unternehmen zu liquidieren. Und das verspricht eine gewisse Jobsicherheit - was heutzutage eher selten ist an der Wall Street. «Wir werden mit Bewerbungsschreiben überhäuft», sagt Bryan Marsal, der leitende Restrukturierungsbeauftragte. Die Anfragen kommen von früheren oder aktuellen Angestellten bei der Bank of America, Citigroup und Bear Stearns. «Es ist eine harte Zeit, und es gibt einfach eine Menge guter Leute, die einen Job suchen.»

Die Arbeit geht nicht aus

An Arbeit mangelt es bei Lehman Brothers nicht. Die Bank ist zwar nur noch ein Schatten ihrer selbst. Besonders, nachdem viele ihrer Geschäftsbereiche an Barclays Capital und Nomura Holdings verkauft wurden. Trotzdem besitzt das Unternehmen eine ordentliche Menge an Vermögenswerten. Das Institut verfügt über ungefähr 6 Mrd Dollar an Barreserven und verwaltet etwa 1400 private Investments im Wert von 12,3 Mrd Dollar. Hinzu kommt ein Sammelsurium von rund 500000 Derivatekontrakten mit 4000 Geschäftspartnern im Wert von etwa 24 Mrd Dollar.

Um dieses Dickicht zu entwirren, wurde der New Yorker Restrukturierungsspezialist Alvarez & Marsal beauftragt. 150 Vollzeitkräfte arbeiten an dem Fall. Ihre Hauptaufgabe ist die Liquidierung des Unternehmens. Bestände sollen veräussert werden, um den Gläubigern, denen die Bank mehr als 150 Mrd Dollar schuldet, so viel wie möglich zurückzuzahlen. Dafür behielt Alvarez & Marsal 130 Lehman-Angestellte auf der Gehaltsliste, holte 229 Ehemalige zurück und rekrutiert weiter.

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Etwa 25 Mio Dollar kostet es jeden Monat, die Geschäfte von Lehman weiterzuführen. Zusätzlich fallen Kosten für Anwälte und Berater an. Laut Marsal sind die Löhne mit denen an der Wall Street zu vergleichen. Sie liegen aber deutlich unter dem, was Lehman einst gezahlt hat. Marsal und sein Team sind nach eigenem Bekunden «sehr, sehr vorsichtig» mit den Ausgaben der Firma, dementsprechend haben sie auf die Kostenbremse gedrückt. «Lehman hat masslos hohe Gehälter gezahlt, und die Erwartungen der Leute hinsichtlich ihrer Bonuszahlungen waren extrem hoch», sagt Marsal.

Die Pläne sind ambitiös

In den kommenden 18 bis 24 Monaten soll Lehman abgewickelt sein - ein Plan, den Restrukturierungsexperten für sehr ambitioniert halten. Obwohl die Auflösung des Unternehmens sicher ist, verwundert es Personalvermittler nicht, dass die kollabierte Bank ein begehrter Arbeitgeber ist. «Lehman bietet gut bezahlte Jobs auf dem schlechtesten Beschäftigungsmarkt in der Geschichte der USA», erklärt Skiddy von Stade, Gründer der Personalvermittlung F.S. von Stade & Associates. «Durch die Veräusserung der Vermögenswerte von Lehman haben die Angestellten die Chance, ihre Fähigkeiten für mögliche Jobangebote in der Zukunft zu beweisen - vielleicht sogar bei einem der Käufer der Assets.»

Hinter den Kulissen der Abwicklungsaktion sitzt Dick Fuld, der ehemalige VR-Präsident von Lehman. Fuld wurde beim Zusammenbruch der Bank im September 2008 scharf attackiert. Obwohl er seit Anfang Januar dieses Jahres von der Gehaltsliste gestrichen wurde und sein Firmenauto abgeben musste, darf Fuld weiterhin über ein Büro bei Lehman verfügen. Er sitzt unweit von Marsal. Mehrmals in der Woche kommt der Insolvenzverwalter bei ihm vorbei und befragt ihn zu Lehmans Geschäften.

«Wir baten ihn, zu bleiben, solange er woanders nichts Besseres findet», sagt Marsal. «Und er zeigt sich sehr hilfsbereit, wenn es um Fragen zu Lehmans Vermögenswerten geht.»