Die Angst vor einer Pleite Griechenlands reisst die internationalen Finanzmärkte in die Tiefe: Der deutsche Leitindex Dax sank heute zeitweise um mehr als 4 Prozent auf den tiefstes Stand seit Juli 2009. Der französische CAC 40 tauchte vorübergehend gar um 5,1 Prozent. Auch andere Aktienmärkte gerieten in den Abwärtssog.

Der deutsche Leitindex Dax sackte zeitweise um mehr als 4 Prozent auf 4966 Punkte - der tiefste Stand seit Juli 2009. Auch andere Aktienmärkte gerieten in den Abwärtssog. Der SMI verlor mehr 2,35 Prozent.

Der Euro fiel zeitweise auf 1.35 US-Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit Mitte Februar. Zum Franken notierte der Euro, wie seit der Ankündigung des Mindestkurszieles der Schweizerischen Nationalbank (SNB) von 1.20 Franken vergangenen Dienstag, praktisch unverändert bei 1.205 Franken.

Vor allem die aufgeflammte Debatte um einen möglichen Staatsbankrott Athens schürte die Sorgen der Anleger. Dadurch belastet, startete auch die Wall Street schwach. Der Dow Jones Industrial fiel kurz nach dem Auftakt bis auf 10'857 Punkte, später konnte er seine Verluste jedoch etwas reduzieren und lag eine Stunde nach dem Auftakt noch 0,53 Prozent tiefer bei 10'934,12 Punkten.

Auch der japanische Nikkei hatte zuvor bereits deutlich nachgegeben und war um 2,31 Prozent auf 8535,67 Zähler und damit den tiefsten Stand seit April 2009 gefallen.

In Europa wurden besonders die Banktitel gebeutelt - vor allem in Frankreich. Die Kurse der in Griechenland besonders engagierten französischen Banken Crédit Agricole, BNP Paribas und Société Générale stürzten in die Tiefe.

Angst vor einem desaströsen Troika-Urteil

In Athen werden am Mittwoch die Kontrolleure der «Troika» aus EU, Internationalem Währungsfonds (IWF) und Europäischer Zentralbank (EZB) zurück erwartet. Sie wollen feststellen, ob Griechenland bereit ist, alle nötigen Massnahmen zu treffen, um das Spar- und Reformprogramm umzusetzen. Geben sie kein grünes Licht für die Auszahlung der nächsten Tranche der Finanzhilfen von acht Milliarden Euro, ist das Land pleite.

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Die griechische Regierung kann nach eigenen Angaben die Löhne der Staatsbediensteten und die Renten nur noch bis Ende Oktober bezahlen.

«Es mehren sich Gerüchte, dass die deutsche Bundesregierung ein Ende der Griechenland-Hilfe anstrebt», sagte Commerzbank-Experte Ulrich Leuchtmann. Er erwartet, dass das Troika-Urteil «desaströs» ausfallen dürfte. Vor dem Hintergrund der immer stärkeren Rezession in Griechenland sei auch in nächster Zukunft nicht damit zu rechnen, «dass das Land die bisherigen Sparziele auch nur annähernd erreichen kann».

Noch eindringlicher warnte Chefanalyst Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank: Es gehe um das «Endspiel» der Eurozone, schrieb er in einem Kommentar. Die Situation habe sich in den vergangenen Tagen zugespitzt. Wirtschaftsminister Philipp Rösler hatte am Wochenende eine geordnete Insolvenz Griechenlands als ultimative Massnahme nicht mehr ausgeschlossen.

«In der aktuellen Situation ist kein Land wirklich geschützt»

Etwas eingegrenzt wurden die Verluste von einbem Bericht des «Wall Street Journal» (WSJ), das auf seiner Internetseite berichtet hatte, dass Griechenland die nächste Tranche des ersten Rettungspakets vermutlich erhalten werde.

Der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou kritisierte derweil - ohne Rösler beim Namen zu nennen - die Aussagen verschiedener europäischer Politiker. «In einigen Staaten der EU haben wir leider gesehen, dass die antieuropäischen Stimmen lauter werden», sagte er in einer Sondersitzung mit Abgeordneten seiner Partei. Papandreou versicherte, Griechenland werde alle Auflagen erfüllen, koste es politisch für ihn «was es wolle».

Der noch amtierende EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark mahnte, kein Land dürfe sich in Sicherheit wiegen. «In der aktuellen Situation ist kein Land wirklich geschützt», sagte er der «Irish Times». Stark, der als sehr stabilitätsorientierter Geldpolitiker gilt, war am Freitag von seinen Positionen bei der EZB zurückgetreten. Er bezog seine Warnung auf die Gefahr, dass Länder plötzlich vom Kapitalmarkt abgeschnitten werden könnten wie etwa Griechenland. «Das kann auch grösseren, hoch entwickelten Volkswirtschaften passieren.»

(tno/vst/awp)