Haben es Ihnen Ihre Mitarbeiter schon verziehen, dass Sie die Früchteschalen aus Spargründen abgeschafft haben?

Herbert Scheidt: Sparmassnahmen sind selten populär, aber ich denke, dass unsere Mitarbeitenden die Zeichen der Zeit sehr wohl verstanden haben und Kostensenkungen mittragen. Mit dem Entscheid, nur noch in jeder zweiten Etage eine Obstschale anzubieten, haben wir im Übrigen lediglich das Angebot der Nachfrage angepasst.

Scheidt: Der Kauf war ein richtiger Entscheid, der von Beginn weg überall gut angekommen ist. Auch bei unseren Mitarbeitern. Zudem war der Kaufpreis sehr günstig. Zwei Jahre vorher hätte man noch das Vierfache dafür bezahlt.

Scheidt: Nein, das entspricht in keinster Weise den Tatsachen, zumal die Kundenbasis viel weniger deutschlandlastig war, als allgemein vermutet wurde. Ausserdem haben einige Kunden auf unser Anraten hin den Weg der Selbstanzeige gewählt.

Scheidt: Nein, sicherlich nicht. Es ist eine bittere Pille, an der aber kein Weg vorbeiführt. Wir schaffen damit eine tragfähige Lösung für die Zukunft des Schweizer Finanzplatzes, indem wir die Altlasten aus der Vergangenheit in die Legalität zurückführen. Aber manchmal muss man halt auch eine bittere Pille schlucken, um Dinge aus der Vergangenheit zu kurieren. Wertvoll an der Abgeltungssteuer ist, dass die Diskretion für die ausländischen Kunden weiter gewahrt werden kann. Dies ist ein sehr kluger Schritt.

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Scheidt: Die mögliche Höhe des Steuersatzes, die zurzeit in den Medien diskutiert wird. Wenn dieser Steuersatz übermässig hoch ausfällt, halte ich dies nicht für zielführend.

Scheidt: Wenn die Abgeltungssteuer über 25 Prozent läge, wird es kritisch. Es ist sicher ein berechtigtes Anliegen der ausländischen Behörden, möglichst viele Steuergelder zu generieren. Die Lösung muss aber ausgewogen sein. Liegt der Steuersatz zu hoch, werden die Investoren Europa verlassen und auf andere internationale Finanzplätze ausweichen. Das kann auch nicht im Sinne dieser Länder sein.

Scheidt: Die Gefahr ist gross, dass es zu einem Exodus aus der Schweiz in Offshore-Zentren kommt, die sich nicht dem Druck der EU und der OECD beugen. Dazu gehören vor allem Singapur und Hongkong.

Scheidt: Wir spüren das nicht in einem hohen Ausmass. Aber wir registrieren eine grosse Verunsicherung auf der Kundenseite. Insofern ist eine baldige Lösung für alle Beteiligten nur von Vorteil.

Scheidt: Nein, davon gehe ich nicht aus, denn es werden künftig vermehrt Gelder aus politisch instabilen Ländern in die Schweiz fliessen. Diese Kunden bringen ihr Vermögen aus Sicherheits-, Diversifikations- und Diskretionsüberlegungen in die Schweiz und nicht aus steuerlichen Gründen.

Scheidt: Das glaube ich nicht. Es wird sicher auch kleinere Banken geben, die sich anpassen und ihre Nische finden. Hingegen muss sich das Angebot für die ausländischen Bankkunden fundamental verändern. In der Vergangenheit war das Produkt des Bankenplatzes Schweiz für alle Offshore-Kunden identisch. Jetzt wird der französische Kunde verlangen, dass seine Schweizer Bank die Steuergesetze in Frankreich begreift und ihm die Steuerauszüge liefert. Er will in der Schweiz genau gleich beraten werden wie ein Onshore-Kunde in Frankreich.

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Scheidt: Diese Zeiten sind definitiv vorbei. Das Bankgeschäft wird in Zukunft wesentlich anspruchsvoller. Heute muss sich eine Bank auf wenige ausgewählte Märkte fokussieren und ihre Kundenberater entsprechend ausbilden. Es müssen neue Produkte entwickelt werden, die an die spezifischen Gegebenheiten der einzelnen Länder angepasst sind.

Scheidt: Die von uns übernommene Schweizer Einheit der Commerzbank lag mit rund 4 bis 5 Milliarden Franken verwalteten Vermögen an der untersten Grenze der kritischen Grösse. Es werden sich somit auch Mutterhäuser von anderen Auslandsbanken überlegen, ob das grenzüberschreitende Geschäft für sie noch sinnvoll ist. Ferner sind die sehr kleinen Schweizer Institute betroffen, die zu lange auf das klassische Offshore-Geschäft gesetzt haben und nun keine Kraft aufbringen, um sich auf die neue Realität einzustellen.

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Scheidt: Seien Sie unbesorgt, wir sind wachsam ... (lächelt).

Scheidt: Nein, es ist einfach so, dass wir uns viele Objekte ansehen. Wir wollen mehr verwaltete Vermögen auf unsere Plattformen bringen, das ist keine Frage. Am ehesten kommen für uns grössere Übernahmen im Vermögensverwaltungsgeschäft in Frage. Aber nicht um jeden Preis. Nur wenn wir überzeugt sind, dass wir punkto Unternehmenskultur und Geschäftsmodell kompatibel sind, greifen wir zu.

Es wird häufig bemängelt, das Private-Banking-Geschäft von Vontobel sei zu klein. Sind Sie zu weiteren Zukäufen verdammt?

Scheidt: Natürlich wollen wir wachsen. Ob ein Geschäft zu gross oder zu klein ist, hängt aber immer auch von der Kostenstruktur ab. Wir stehen insofern nicht unter Druck und müssen nicht aus der Not heraus Übernahmen tätigen. Wenn sich keine guten Gelegenheiten ergeben, werden wir aus eigener Kraft genügend schnell wachsen.

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Scheidt: Da muss ich Ihnen widersprechen. Das Deutschland-Geschäft entwickelt sich planmässig und kommt immer besser in Gang. Seit Anfang Jahr haben wir im Private Banking Deutschland die Gewinnschwelle erreicht. Die Umsetzung läuft gut. Mit Frank Wieser haben wir zudem kürzlich einen neuen Deutschlandchef ernannt, in den ich grosse Erwartungen setze.

Scheidt: Nennen Sie mir eine Bank, die ausserhalb ihres Heimmarktes nicht mit Startschwierigkeiten zu kämpfen hatte. Wenn Sie im Ausland expandieren, verzeichnen Sie immer Hochs und Tiefs. Wir haben unsere Banklizenz in Deutschland kurz nach der Lehman-Pleite im Herbst 2008 erhalten. Da hat uns die Finanzkrise zugegebenermassen auf dem falschen Fuss erwischt. Darüber hinaus fielen nach Erhalt der Lizenz nochmals erhebliche Infrastrukturkosten an. Hier zeigen sich die Überzeugung und Konsequenz, mit der wir in neue Märkte gehen.

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Scheidt: Wir werden sehen, was der Steuerdeal mit Deutschland in Bezug auf den erleichterten Marktzugang wirklich bringt. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass sich unsere frühzeitige Expansion nach Deutschland auszahlen wird.

Scheidt: Nein, das haben wir nicht.

Scheidt: Das mag Ihre Sicht der Dinge sein. Wir haben bis dato ganz bewusst auf ein kostenintensives Asien-Abenteuer verzichtet. Letztlich ist es völlig unerheblich, ob wir heute, in zwei Jahren oder in fünf Jahren nach Asien expandieren.

Scheidt: Banker sind Herdentiere. Zuerst war Lateinamerika angesagt und alle gingen vor Ort. Dann war Asien in Mode und alle gingen hin, bis auch dort die grosse Krise ausbrach. Ich halte mich an unseren Ehrenpräsident Hans Vontobel, der sagt: Wenn alle Mäuse gleichzeitig durch ein Loch wollen, ist der Moment gekommen, wo man nicht durchgehen sollte.

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Scheidt: Asien ist sicher ein Thema für uns. Aber als mittelgrosse Bank, die schon in Deutschland, Italien und den USA präsent ist, können und wollen wir uns nicht verzetteln. Das wäre unklug und entspricht nicht unserem nachhaltigen Geschäftsgebaren.

Scheidt: Lassen Sie es mich so formulieren: Asien wird für uns erst dann aktuell, wenn wir eine so gute Substanz haben, dass wir rund 50 bis 100 Millionen Franken für diese Expansionspläne bedenkenlos auf die Seite legen können. Mit einem solchen Betrag muss man etwa rechnen, wenn man sich nicht gleich wieder aus dem Markt verabschieden will, wenn die nächste Krise ausbricht.

Scheidt: Wir beschränken uns auf das Geschäft mit US-Kunden, die ihre Vermögen versteuert haben. Wir haben uns dafür entschieden, weil wir in den USA schon seit Längerem ein Brokerage-Geschäft betreiben und uns deshalb mit den amerikanischen Gesetzen sehr gut auskennen. Aktuell verwaltet unsere neue Einheit Swiss Wealth Advisors rund 250 bis 400 Millionen Franken. In zwei Jahren dürften wir bereits die Gewinnschwelle erreichen.

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Scheidt: Wir haben bereits einige Vereinbarungen mit anderen Banken abgeschlossen, darunter ausländische Grossbanken und Kantonalbanken. Auch externe Vermögensverwalter haben Interesse signalisiert. Das Prinzip ist einfach: Banken, die keine US-Kunden mehr betreuen wollen, verweisen diese an unsere neue Einheit.

Scheidt: Viel komplizierter als in Deutschland sind die Steuergesetze in den USA auch nicht. Wenn der geplante Foreign Account Tax Compliance Act (Fatca) umgesetzt wird, kommt uns dies sogar zugute. Wird diese Neuauflage der US-Quellensteuer eingeführt, können die ausländischen Banken ihre Kunden nur noch über Einheiten wie unsere Swiss Wealth Advisors betreuen, die unter der Aufsicht der US-Börsenaufsicht SEC stehen.

Scheidt: Als die Dotcom-Blase platzte, waren Computer und das Internet plötzlich verpönt. Diese Verunsicherung hat aber nicht so lange angehalten. Mit den strukturierten Produkten ist es ähnlich. Seit 2009 sehen wir wieder eine gute Nachfrage, in der Schweiz ebenso wie in Deutschland. Wir haben nach der Krise überdies Produkte ohne Gegenparteirisiken lanciert. Diese Zertifikate wurden zu unserem Erstaunen wenig nachgefragt. Das heisst, der Risikoappetit der Kunden ist sehr schnell wieder zurückgekehrt.

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Der schlechte Ruf der strukturierten Produkte fusst nicht zuletzt auf undurchsichtigen Gebührenstrukturen. Fordern Anleger jetzt mehr Transparenz und einfachere Produkte?

Scheidt: Wir sind der grösste Emittent von strukturierten Produkten an der Schweizer Börse. 95 Prozent unserer Produkte werden im freien Markt vertrieben. Wir erzielen die Margen, die der Markt zulässt. Dies ist ganz anders bei den Grossbanken, die 80 bis 90 Prozent ihrer Produkte innerhalb der eigenen Bank verkaufen und damit nicht in gleichem Masse dem Wettbewerb unterliegen.

Scheidt: Das weiss ich nicht. Ich sage nur, dass sie nicht so stark dem Markt unterliegen.

Scheidt: Wir sind in diesem Jahr gut unterwegs und haben bisher ein sehr gutes Nettoneugeldwachstum und eine ordentliche Profitabilität erzielt. Insofern sind wir auf Kurs ...

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Scheidt: Das wäre eine ambitionierte Zielsetzung. Das dritte Quartal war für alle Banken eher schwierig. Juli und August waren flaue Ferienmonate. Dementsprechend hat sich unser Ertragswachstum im dritten Quartal gegenüber der ersten Jahreshälfte abgeschwächt. Der Neugeldzufluss ist dagegen ähnlich vielversprechend wie bereits in den ersten beiden Quartalen. Es kommt nun darauf an, wie viel wir im vierten Quartal aufholen können. Aber es wäre nicht seriös, bereits heute eine Prognose von 150 Millionen Franken zu machen.

Scheidt: Die Analysten sollten berücksichtigen, dass das dritte Quartal bei den Banken nicht sehr gut gelaufen ist. Halbjahresergebnisse lassen sich nicht einfach verdoppeln.

Scheidt: Nicht die Spur. Der Grund für den Wechsel ist, dass der jetzige Verwaltungsratspräsident Urs Widmer die Altersgrenze erreicht hat. Deshalb hat der Verwaltungsrat entschieden, dass jemand, der die Gruppe erfolgreich geführt hat, langfristig Konstanz und Stabilität garantieren solle. Zudem ist es jetzt an der Zeit, das Geschäft der jüngeren Generation zu übergeben.

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Scheidt: Wir sind mitten in der Evaluation, dabei schauen wir uns auch externe Kandidaten an. Es ist noch nichts beschlossen.

Scheidt: Er muss das Bankgeschäft sehr gut kennen, hohe konzeptionelle Fähigkeiten und soziale Kompetenz mitbringen …

Scheidt: Es muss jemand sein, der die Bank exzellent leitet und die verschiedenen strategischen Initiativen weiter voranbringt.

Scheidt: Nein, die Corporate Governance verbietet das. Wir unterhalten uns häufig. Ich schätze seinen Rat sehr und habe grossen Respekt vor ihm. Das bedeutet aber nicht, dass wir immer gleicher Meinung sind.

Scheidt: Wir streiten nicht, sondern wir führen gute Gespräche, bei denen wir uns mit verschiedenen Themen auseinandersetzen.

Scheidt: Wie in den meisten Fragestellungen sind wir uns auch bei dieser Thematik einig. So findet zum Beispiel Hans Vontobel Mittel- und Osteuropa einen sehr interessanten Markt. Wir sind in diesen Ländern sehr viel zusammen gereist. Durch ihn habe ich den Markt kennengelernt. Er hat viele Kontakte dort. Dies war eine wichtige Motivation für uns, dass wir diesen Markt aufbauen können.

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