Dieser Tage wurde die Untergrenze von 1.20 Franken je Euro gleich zweimal durchbrochen. Was steckt dahinter?
Thomas Flury: Am Gründonnerstag fiel im Handel zwischen den wichtigsten Banken der Wechselkurs sehr nahe an die Marke 1.20. Auf diesem Niveau brach Hektik aus. Einzelne kleinere Banken fanden keinen Zugang mehr zu Banken mit Geboten bei 1.2000 und mussten deshalb einen tieferen Kurs akzeptieren. Nach Ostern, bei der Eröffnung des Handels in Australien, war die Lage sehr ähnlich.

Beobachter sprechen schon von einem Strassenkampf gegen die Schweizerische Nationalbank. Werden Angriffe auf die Untergrenze jetzt häufiger?
In einem offenen, von Unsicherheiten geprägten Markt wie dem Devisenhandel kommt es immer wieder zu Systemtests. Das ist normal. Die Situation eskaliert erst dann zu einem Strassenkampf, wenn die Reaktion der Nationalbank Zweifel sät, ob sie die Untergrenze längerfristig durchsetzen kann. Bislang ist das nicht der Fall.

Die Nationalbank hat immer noch keinen Präsidenten. Ist dies eine Schwäche, die Spekulanten ausnutzen?
Ich vermute, dass nicht die Ernennung des Präsidenten für Verunsicherung sorgt, sondern vielmehr die ausstehende Nomination des dritten Mitglieds im Direktorium. Wie wird er die Konsensfindung im Direktorium beeinflussen? Wie steht er zur Wechselkursuntergrenze? Ich denke, es ist wichtig, dass diese Fragen bald beantwortet werden.

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Schon jetzt musste die Nationalbank ihre Bilanz massiv ausweiten, um der Aufwertung des Frankens zu begegnen. Welches Risiko geht sie ein, wenn sie die Untergrenze mit unbegrenzten Mitteln verteidigt?
Das Risiko, dass sie diese Mittel tatsächlich einsetzen muss. Bislang half die Drohung, dass sie es im Bedarfsfall tun will. Die Drohung greift aber nur, wenn die Kommunikation überzeugt. Das Statement von Thomas Jordan vom Dienstag war sehr klar und half deshalb, den Kurs ohne Frankenkäufe über 1.20 zu halten.

Thomas Flury, Leiter Währungsanalyse UBS

Politik und Wirtschaft fordern derweil Untergrenzen von 1.30 oder 1.40 Franken. Zu Recht?
Im Moment wächst die Schweiz überraschend gut. Die Arbeitslosigkeit ist tief und der Handelsüberschuss hoch. Diese vorteilhafte Situation mit einer ­höheren Untergrenze zu gefährden, die überdies schwieriger durchzusetzen ist, provoziert meines Erachtens unnötige ­Risiken.

Die Schieflage von Spanien wird derzeit als Grund für den Druck auf den Euro gesehen. Meldet sich die Euro-Krise mit Wucht zurück?
Hoffentlich nicht mit voller Wucht! Doch die Zweifel über die Stabilität von Europa bleiben bestehen und werden uns noch sehr lange begleiten. Die Vorgänge der letzten Tage zeigen, wie wichtig es ist, dass die Schweiz eine funktionierende Wechselkursuntergrenze hat.

Wo sehen Sie den Euro zum Franken bis Ende Jahr?
Unsere Prognose haben wir bei 1.23 Franken pro Euro gesetzt. Ich denke, das Spektrum der Möglichkeiten beschränkt sich auf einen engen Bereich von 1.20 bis 1.25 Franken je Euro.

Auch die USA pumpen Liquidität in die Märkte und halten den Zins tief. Was heisst das für den Dollar?
Das sind schlechte Nachrichten für den Dollar. Die Wachstumsvorteile der USA könnten ihn eigentlich stützen. Aber solange die amerikanische Notenbank Fed das Wachstum nicht mit restriktiveren Zinsen unterstützt, ist das Aufwertungspotenzial des Dollars begrenzt. Wir rechnen nicht mit einem nachhaltigen Anstieg über die Franken-Parität hinaus.

Die Lage für Franken-Anleger bleibt also ungemütlich. Was können sie tun?
Wir empfehlen Anlagen ausserhalb der grossen Währungsblöcke Euro, Dollar oder Yen. Von den grösseren Währungen sind das Pfund, die skandinavischen Währungen sowie der kanadische und der australische Dollar attraktiv.