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Börseninterview
«Hohe Rohstoffpreise könnten Umstieg auf E-Autos verzögern»

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Elektroauto: Der Boom der Stromfahrzeuge hat die Preise für gewisse Rohstoffe in die Höhe getrieben.Quelle: Keystone

Börsenexperte Tilmann Galler erklärt, wieso der Boom bei E-Autos durch hohe Rohstoffpreise gebremst werden könnte.

Von Marc Bürgi
am 08.06.2018

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Tilmann Galler*: Die Finanzmärkte durchlebten im Mai ein Wechselbad der Gefühle. Die Quartalsberichte insbesondere der US-Unternehmen waren sehr erfreulich, mit Gewinnen und Margen auf Rekordhoch, was auch ein Beleg für die aktuelle Stärke der US-Wirtschaft ist. Aus der Eurozone hingegen kamen in letzter Zeit eher unerfreuliche Nachrichten. Die Konjunkturdaten lagen unter den Erwartungen, und die jüngsten politischen Entwicklungen in Italien und Spanien haben die Märkte verunsichert. Generell ist die Rückkehr der politischen Risken an den Finanzmärkten zu beobachten. Die Verunsicherung der Märkte wird insbesondere auf dem Devisenmarkt sichtbar mit einem US-Dollar und Schweizer Franken, die sich in den letzten Wochen erheblich verteuert haben. Fundamental sehen wir mittelfristig beide Währungen eher schwächer.

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Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
In den letzten Wochen haben Schweizer Aktien doch einen erheblichen Gegenwind vom starken Schweizer Franken bekommen. Es ist zu befürchten, dass aufgrund der Unsicherheit über den weiteren wirtschaftlichen Kurs in Spanien und Italien und den zu erwartenden politischen Spannungen innerhalb der Eurozone der Franken in seiner Funktion als «sicherer Hafen» wieder an Attraktivität gewonnen hat. Die Frühindikatoren lassen für die Schweizer Wirtschaft trotz jüngster Abschwächung ein weiterhin robustes Wachstum über Trend erwarten. Die verbesserte Lage in der heimischen und globalen Wirtschaft sollte nach unserer Einschätzung ausreichen, dass Schweizer Aktien aufgrund der verbesserten Ertragslage eine moderat positive Wertentwicklung bis zum Jahresende erzielen können.

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*Tilmann Galler arbeitet als globaler Kapitalmarktstratege für die deutschsprachigen Länder bei J.P. Morgan Asset Management in Frankfurt. Er ist Teil des globalen «Market Insights»-Teams, das auf Basis von umfangreichem Research für institutionelle und Retail-Kunden Informationen rund um die globalen Volkswirtschaften und Kapitalmärkte erstellt, analysiert und Implikationen für die Investmentstrategien ableitet. In dieser Funktion ist er auch Ansprechpartner für die Fach- und Wirtschaftspresse.
Quelle: ZVG

Heute Freitag wird US-Präsident Donald Trump am G7-Treffen erwartet. Die neuen US-Zölle auf Stahl und Alu werden für Diskussionen sorgen. Kann eine Eskalation im Handelskonflikt noch verhindert werden?
Die politischen Fronten zwischen der US-Regierung und den Handelspartnern scheinen vorerst verhärtet. Es wäre deshalb eine grosse Überraschung, sollte es zu einer kurzfristigen Annährung in Handelsfragen kommen. So ist zu befürchten, dass sich der Konflikt erst verschärfen wird, bevor es zu einer nachhaltigen Verbesserung kommt.

Die Wirtschaftsaussichten in der Euro-Zone haben sich verdüstert. Wie zuversichtlich sind Sie für die Konjunkturentwicklung im Euro-Raum?
Die Zuversicht wurde in den letzten drei Monaten auf eine harte Probe gestellt – fast alle Konjunkturdaten haben die Erwartungen enttäuscht. Dennoch sollte man nicht den Fehler machen, aus dieser temporären Schwäche einen neuen Trend zu lesen. Trotz des leichten Rückgangs befindet sich beispielsweise das Konsumentenvertrauen immer noch nahe der Höchststände, was dem robusten Arbeitsmarkt geschuldet ist. Auch der Wohnimmobilienmarkt hat im Vergleich zum Niveau vor der Finanzkrise erhebliches Aufholpotential, und das monetäre Umfeld ist immer noch expansiv. Lediglich in der Industrie sind die Wachstumsaussichten etwas gedämpfter aufgrund einer Kapazitätsauslastung, die nahe des 30-Jahres-Hoch ist. Unter dem Strich dürfte in 2018 das BIP deutlich über Trend wachsen, weshalb die aktuelle Schwächephase eher ein Abschied vom «Besser-geht-es-nicht-Szenario» ist als eine Trendwende.

Die neue italienische Regierung hat die Arbeit aufgenommen. Rechnen Sie damit, dass Italien weiter für Unruhe in der EU sorgen wird?
Beide Regierungsparteien haben die eurofeindliche Rhetorik jüngst etwas zurückgefahren. Zumindest wurden die Extremforderungen, wie der Austritt aus dem Euro oder das Streichen der Schulden, die bei der EZB gehalten werden, vorerst fallengelassen. Dennoch dürfte die völlige Abkehr von Haushaltskosolidierung und die Hinwendung zu einem ambitionierten Ausgabenprogramm erhebliches politisches Konflikpotential mit Brüssel und fikalisch konservativeren Staaten der Währungsunion bergen. Aber auch die Rating-Agenturen werden das zusätzliche Ausgabenprogramm des grössten Schuldners Europas zukünftig mit kritischen Augen beobachten. Das birgt die Gefahr weiterer Turbulenzen an den Obligationsmärkten, falls es zu einer Verschlechterung des Rating Italiens kommt, welches aktuell noch zwei Stufen über dem spekulativen Bereich liegt.

Rohstoffe wie Kobalt, Nickel, Kupfer oder Lithium sind wegen der Elektrifizierung in der Automobilindustrie begehrt und teuer geworden. Könnte die Preissteigerung die Entwicklung von Elektroautos bremsen?
Die Weichen in Richtung alternativer Antriebskonzepte sind gestellt. Die entscheidende Frage ist jedoch, welches Konzept sich langristig durchsetzen wird. Neben dem Wirkungsgrad, der Reichweite und der Tanklogistik sind auch die Kosten der Produktion ein Faktor, der eine gewichtige Rolle spielen wird. Zur Zeit haben wir einen Gesamtbestand an Kraftfahrzeugen von circa 1,4 Milliarden davon sind nur 3 Millionen Elekroautos. Das bedeutet, für jedes alternative Antriebskonzept, wenn es sich global durchsetzen will, muss für die Produktion genügend Rohstoffe vorhanden sein. So können zu hohe Rohstoffpreise nicht nur die Produktionskosten verteuern und damit den Umstieg auf E-Autos verzögern, sondern auch das Zünglein an der Waage sein, welches Konzept sich durchsetzen wird.

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