Der Ölpreis fiel von über 140 Dollar pro Barrel Anfang Juli 2008 auf fast 30 Dollar im Dezember 2008. Seither bewegt er sich seitwärts mit steigender Tendenz. In der 1. Jahreshälfte 2009 wird die Weltwirtschaft vermutlich um 2% schrumpfen, um sich gegen Ende des 2. Quartals zu stabilisieren. Die Ölnachfrage fiel im 1. Quartal um 3 Mio Barrel pro Tag, und die Lager sind übervoll. Warum ist der Ölpreis nicht stärker gefallen?

Die Entwicklung verdeutlicht das Ausmass, inwiefern der Ölpreis zurzeit von der Opec bestimmt wird. Förderkürzungen Anfang 2007 waren mitverantwortlich für den Preisanstieg von 60 auf 140 Dollar zwischen Mitte 2007 und Mitte 2008; Produktionsausweitungen in Saudi-Arabien Anfang 2008 haben zum Preisverfall ab Mitte 2008 beigetragen: Das zusätzliche Öl liess die Lagerhaltung genau dann steigen, als die Nachfrage zusammenbrach. Ende 2008 reagierte die Opec mit der Ankündigung, die Produktion um mehr als 4 Mio Barrel pro Tag zu beschränken. Es dauert etwa ein halbes Jahr, bis Produktionskürzungen in der Lagerhaltung sichtbar werden; und in dieser Phase befinden wir uns jetzt.

Opec erhält Kürzungen aufrecht

Erholt sich die Weltwirtschaft, stabilisiert sich auch die Nachfrage nach Öl. Der Markt erwartet eine Abnahme der Lagerhaltung und damit Unterstützung für den Ölpreis. Mit anderen Worten, der Markt erwartet, dass die Opec ihre Kürzungen von derzeit etwa 3 Mio Barrel pro Tag aufrechterhält, während sich die Weltwirtschaft stabilisiert.

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Bedeutet dies, dass mittelfristig ein Boden beim Ölpreis erreicht ist? Vermutlich nicht. Für die Opec trägt der kurzfristige Erfolg den Keim des Scheiterns in sich: Je erfolgreicher das Kartell die Preise mit Produktionskürzungen auf einem Niveau hält, das ohne solche Kürzungen nicht erreichbar wäre, desto mehr freie Förderkapazitäten entstehen. Bis vor einem Jahr lagen diese bei knapp über 2 Mio Barrel pro Tag. Heute betragen sie über 5 Mio, bei Jahresende vermutlich 6 Mio. Dies erhöht den Anreiz für einzelne Mitglieder, auf der Suche nach höheren Einnahmen die offizielle Opec-Politik zu untergraben und Öl durch die Hintertür zu verkaufen.

Vorerst keine Lieferengpässe

Mittelfristig hängt die Preisentwicklung von zwei Faktoren ab: Dem Wachstum der Weltwirtschaft und der Disziplin, mit der die Opec ihre Zielvorgaben umsetzt. Es ist kaum ernsthaft zu erwarten, dass die Weltwirtschaft im nächsten Jahr bereits zu den hohen Wachstumsraten zurückkehrt, an die wir vor der Rezession gewöhnt waren. Wenn nun auch die Disziplin der Opec leidet, wird das Zusammentreffen eines geringen Nachfragewachstums mit gestiegenem Angebot aus Opec-Ländern dazu führen, dass trotz der gegenwärtigen Unterstützung die Ölpreise mittelfristig unter Druck geraten. Um zu sehen, wie verfrüht Erwartungen von Lieferengpässen im Jahr 2010 oder 2011 sind, muss man sich nur folgende Daten vor Augen halten: Der durchschnittliche jährliche Anstieg der Ölnachfrage in Jahren mit hohem Wirtschaftswachstum (2000-2008) war 1,1 Mio Barrel pro Tag. Legt man für Ende 2009 freie Kapazitäten von täglich 6 Mio Barrel zugrunde, dauert es etwa drei Jahre, diese abzubauen - sogar dann, wenn die Nachfrage auf den alten Stand zurückkehrt. Der Schlüssel zur Frage, wie lange sich das gegenwärtige, historisch relativ hohe Preisniveau halten kann, liegt bei der Opec.

Langfristig hängt das Ölnachfragewachstum jedoch von den Entwicklungs- und Schwellenländern ab und wird sich daher wieder erholen. Auch eine lange und tiefe Rezession wird den Prozess der Industrialisierung dort nicht aufhalten.

Kurzfristig aber sind hohe Ölpreise eine Konjunkturbremse - am deutlichsten in den USA mit ihrem hohen Energieverbrauch, niedrigen Benzinsteuern und relativ geringen Exporten in erdölproduzierende Länder. Fallende Preise würden wie eine Konjunkturspritze wirken.