Die Investoren scheinen dem neuen Ministerpräsidenten Italiens, Mario Monti, nicht zu vertrauen. Die Aufschläge auf Staatsanleihen bleiben hoch, die Aktienmärkte tauchen. Warum?

Paul Wild *:
Die Unsicherheiten an den Anleihenmärkten in Europa haben die Börsen fest im Griff. Damit sich die Lage stabilisiert, müssen die Investoren von der Ernsthaftigkeit der Sparbemühungen überzeugt werden. Die hohe Verschuldung Italiens mit 120 Prozent des Bruttoinlandproduktes besteht seit den 1990er-Jahren, Italien profitierte seither von den tiefen Refinanzierungsraten für Euro-Länder. Nun aber braucht es tiefgreifende Wirtschaftsreformen. Die Einkünfte müssen erhöht werden. Längerfristig braucht es die Restrukturierung des gesamten Systems, um das Wachstum anzukurbeln. Die Märkte zweifeln wohl, dass dies Monti gelingen wird.

Immerhin unterstützt nun auch die Opposition den neuen Regierungschef.

Es ist von grösster Bedeutung, dass Monti eine Mehrheit im Parlament für seine Pläne erhält. In den nächsten Wochen muss Italien den Beweis für seinen Willen zur Reform erbringen. Der Markt braucht von der Politik endlich mehr Klarheit.

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Doch das Gegenteil ist der Fall – viel spekuliert wird auch um den Euro-Rettungsschirm. Wie geht es dort weiter?

Seit Bundeskanzlerin Angela Merkel vor gut drei Wochen die Ausweitung des Euro-Rettungsschirms vermelden konnte, ist es ruhig geworden um das Vehikel. Bisher sind nur wenige Details bekannt, wie die Massnahmen umgesetzt werden sollen. Auch in Bezug auf den Euro-Rettungsschirm hat der Markt noch viele Zweifel, die beseitigt werden müssen.

Und wenn nicht?

Der Boden wird vorbereitet, dass es zu Austritten kommen kann. Zudem müsste die Europäische Zentralbank (EZB) wohl eingreifen. Derzeit erwarte ich allerdings keinen Kollaps der Euro-Zone.

Aufgrund der Krise befürchtet die EZB eine Rezession in der Euro-Zone.

Die Instabilität durch die Schuldenkrise sowie die Probleme, die sich dadurch bei den Banken ergeben, werden sich unweigerlich in der Realwirtschaft niederschlagen. Der nachlassende Konsum und die Angst vor einem Abschwung werden das Wachstum bremsen. In den nächsten drei Quartalen erwarte ich entsprechend ein Nullwachstum in Europa. Das 1. Halbjahr 2012 dürfte wohl sehr schwierig werden.

Doch Deutschland hat zuletzt mit seinem Wirtschaftswachstum für eine positive Überraschung gesorgt?

Deutschland bliebt robust. Die Arbeitslosigkeit ist auf einem tiefen Niveau, gleichzeitig sind die Verschuldung und das Haushaltsdefizit überschaubar. Das Land ist in einer guten Verfassung, da die deutsche Wirtschaft stark exportorientiert und auf Wachstumsmärkte ausgerichtet ist. Doch gegen einen allgemeinen Konjunktureinbruch in Europa ist auch Deutschland nicht immun.

Wie sollen sich die Investoren in einer solchen Situation verhalten?

Vieles ist von der Entwicklung in Italien abhängig. Und mit Mario Monti sind dort Reformen durchaus möglich. Dies stimmt mich grundsätzlich optimistisch. Doch es braucht auch eine gewisse Zeit. Man darf aber nicht vergessen, dass die meisten Unternehmen ausserhalb Europas hohe Umsätze generieren. Und das globale Bild sieht nicht schlecht aus: Aus den USA gibt es Anzeichen einer kontinuierlichen Wirtschaftserholung, in China wiederum könnte die straffe Geldpolitik bald wieder gelockert werden.

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Wie können Anleger diese Chance nutzen?

Unter den europäischen Aktien würde ich auf jene Unternehmen setzen, die verstärkt ausserhalb des Kontinents aktiv sind. Ich denke dabei an Luxusgüterfirmen wie LVMH und die Schweizer Werte Richemont oder Swatch. Attraktiv sind aber auch Titel, die im Rahmen der Krise überverkauft wurden und heute zu Tiefstkursen wie im Jahr 2008 gehandelt werden. Hierzu zähle ich beispielsweise Alstom aus Frankreich

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* Paul Wild, Senior Fondsmanager JO Hambro

Interview: Roberto Stefano