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Börseninterview
«Ich gehe von einer Verlangsamung der US-Zinswende aus»

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Jerome Powell: Der US-Notenbankchef hat die Zinswende eingeleitet.Quelle: Alex Wong/Getty Images

Börsenexperte Thomas Eckert erklärt, wieso die US-Zinsen nur langsam steigen dürften. Und sagt, wieso Tesla die Autobranche vorantreibt.

Von Marc Bürgi
am 03.08.2018

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Thomas Eckert*: Die positiven Wachstumszahlen in den USA befeuerten im Juli die Aktienmärkte. Mit einer annualisierten Wachstumsrate von 4,1Prozent wächst die US-Wirtschaft derzeit so schnell wie seit 2014 nicht mehr. Dies führte zudem zu einer tiefen Arbeitslosenquote, wie wir sie seit 2001 nicht mehr gesehen haben. Mehr als die Hälfte der S&P500-Unternehmen haben bereits die Ergebnisse des 2. Quartals publiziert, und über 70 Prozent von ihnen haben die Umsatz- und Ertragserwartungen der Analysten übertroffen. Doch es gibt auch graue Wolken am Himmel, wenn ich an die drohenden Strafzölle der USA gegen Europa und China denke. Die Annäherung zwischen den USA und Europa ist vielversprechend. Vorerst sind das allerdings nur Lippenbekenntnisse. Und nach den neuerlichen Drohungen von Präsident Trump im Handelskonflikt mit China scheint dort eine Einigung noch in weiter Ferne zu sein.
 

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Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Das erste Halbjahr war eher holprig und der SMI schloss mit mehr als 8 Prozent im Minus. Wie bereits oben erwähnt, verlief der Juli jedoch sehr erfreulich und die Schweizer Börse avancierte bei guten Wirtschaftszahlen über 6,5 Prozent. Der EUR / Franken-Kurs scheint sich nun vorerst bei circa 1.16-Franken eingependelt zu haben.  Die ausgesprochen wettbewerbsfähige Exportwirtschaft hat bewiesen, dass sie durch Effizienzsteigerungen gut mit diesem Kursniveau umgehen kann. Kurzfristig dürfte die Schweizer Börse allerdings vom eingangs erwähnten schwelenden Handelskonflikt zwischen den USA und Europa beziehungsweise China beeinflusst werden.

LeggMason_Thomas_Eckert_Boerseninterview
*Thomas Eckert ist Business Development Director Schweiz bei der Fondsgesellschaft Legg Mason. In dieser Funktion pflegt und entwickelt er die Geschäftsbeziehungen zu Banken, Versicherungen und Family Offices. Eckert verfügt über langjährige Branchenerfahrung und war in unterschiedlichen Funktionen und Positionen für namhafte Banken im In- und Ausland tätig. An der Universität Bonn erwarb er einen Bachelor of Science und an der Fachhochschule Nordwestschweiz einen Master of Advanced Studies in Banking and Finance.
Quelle: ZVG

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Ich bin optimistisch, was die Konjunkturprognose für die Schweizer Wirtschaft im laufenden Jahr angeht. Der SMI ist mit seinen Schwergewichten im Konsumgüter- und Pharmabereich eher defensiv aufgestellt und sollte Schwankungen, die aufgrund von geopolitischen Unsicherheiten entstehen können, gut meistern können. Strafzölle der USA auf Stahl und Aluminium betreffen die Schweiz bisher nur marginal, da diese lediglich 1 Prozent der Gesamtexporte ausmachen. Hier sind Zweitrundeneffekte via dem Haupthandelspartner Europa massgeblicher, sollten wir etwa Ausweitungen der Strafzölle auf Autoimporte sehen. Diversifikation bleibt hier die entscheidende Empfehlung für unsere Kunden.

Apple hat diese Woche Quartalsergebnisse vorgelegt, Amazon die Woche davor. Welcher Konzern hat die besseren Chancen, einen Börsenwert von einer Billion Dollar zu erreichen?
Apple hat am Donnerstag erstmals einen Marktwert von über einer Billion Dollar erreicht. Der Konzern hat im 2. Quartal 2018 erneut ein starkes Umsatzwachstum von 17 Prozent auf 53,3 Milliarden Dollar im Vergleich zum Vorjahresquartal präsentiert. Dabei ist und bleibt das iPhone der stärkste Treiber, wobei Apple nebst Samsung mit Huawei und Xiaomi zwei stärker werdende Konkurrenten im Nacken spürt. Deshalb versucht Apple auch den Service Bereich stärker auszubauen und verzeichnet hier mit 9,55 Milliarden Dollar einen Umsatzrekord (7,27 Milliarden Dollar im Vorjahresquartal). Auch Amazon (Marktwert aktuell circa 895 Milliarden Dollar) überzeugte mit seinen Quartalszahlen und ist mit eCommerce und Cloud Computing in einem skalierbaren Bereich sehr gut aufgestellt. Aber auch hier drängen die Konkurrenten aus Asien auf den europäischen Markt. Für beide Unternehmen sind unsere Prognosen positiv.

«Tesla war und ist sehr wichtig für den Fortschritt der Automobilindustrie in Richtung erneuerbarer Energie»

Tesla hat diese Woche Quartalszahlen präsentiert. Sind Sie zuversichtlich, dass der US-Elektroautohersteller seine ambitiösen Ziele erreicht?
Die Quartalszahlen von Tesla waren besser als erwartet. Allerdings musste erneut ein beträchtlicher Verlust präsentiert werden. Die Produktionsrate von 5000 Autos pro Woche wurde mittlerweile erreicht. Die Marke von 10'000 Fahrzeugen pro Woche für das Model 3 dürfte aber erst im nächsten Jahr realisiert werden. Zudem nimmt der Druck von den etablierten Branchenriesen mit ihren eigenen batteriebetriebenen Modellen stetig zu. Wir bleiben vorsichtig aber nichtsdestotrotz bin ich persönlich der Meinung, dass Tesla sehr wichtig für den Fortschritt der Automobilindustrie in Richtung erneuerbarer Energien war und ist.

Die US-Notenbank Fed hat ihre Zinssitzung abgehalten. Rechnen Sie mit einer raschen Fortsetzung der Zinswende in den USA?
Die starken Wirtschaftszahlen sprechen für eine rasche Fortsetzung der Zinswende. Allerdings hat erst kürzlich John Williams, der neue Chef der FED von New York, gesagt, dass er das «neutrale» Level der Leitzinsen bei 2,50 Prozent sähe. Zusätzlich hat Präsident Trump in einem seiner Tweets die Federal Reserve davor gewarnt, die Zinsen zu stark anzuheben und die Konjunktur zu bremsen. Und auch von der Inflationsseite her besteht momentan kein Druck, die Zinsen weiter rasch anzuheben. Ich gehe daher von einer Verlangsamung der Zinswende aus.

Die Euro-Zone wächst so schwach wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. Ist der Wirtschaftsaufschwung in Europa wegen des Handelsstreits mit den USA bedroht?
Das Wirtschaftswachstum in Europa hat sich nach einem schwachen ersten Quartal im zweiten Quartal wieder leicht auf 0,5 Prozent verbessert. Ein eskalierender Handelsstreit würde dieses bereits schwache Wachstum höchstwahrscheinlich weiter verlangsamen. Ich gehe jedoch davon aus, dass nach den kürzlich positiven Anzeichen, mittelfristig ein Freihandelsabkommen vereinbart wird, weil dies letztendlich im Interesse beider Parteien liegt. Speziell Europa, mit seinen schwachen Wachstumsraten, arbeitet bereits mit Hochdruck daran, Freihandelsabkommen mit diversen Ländern wie Kanada, Mexiko, Japan und anderen zu vereinbaren.

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