Ist nach den Korruptions- und Kartellabspracheverdächtigungen sowie dem Abgang des CFO bis Ende Jahr mit weiteren bösen Überraschungen zu rechnen?

Monika Ribar: Ich gehe davon aus, dass bis Ende Jahr keine weiteren Neuigkeiten dieser Art eintreten werden.

Die Weko-Untersuchung wird Panalpina das ganze nächste Jahr über belasten. Wie gravierend könnten die Strafen sein?

Ribar: Das ist für uns derzeit in keinster Weise abschätzbar. In der Schweiz bestehen bei Verstössen gegen das Wettbewerbsrecht gewisse Regeln über das Strafmass, etwa einen bestimmten Umsatzanteil. Das Verfahren wurde aber nicht nur in der Schweiz eingeleitet. Auch in den USA und anderen Ländern wird Panalpina von den Wettbewerbsbehörden untersucht.

Haben Sie Rückstellungen getätigt?

Ribar: Nein. Wir werden das im Rahmen des Jahresabschlusses nochmals anschauen. Doch im Moment gibt es keine Hinweise, die auf ein Vergehen schliessen lassen, das zu Strafzahlungen führen könnte.

Und wie lautet der genaue Vorwurf?

Ribar: Uns hat niemand gesagt, wie der Verdacht lautet und was genau untersucht wird. Das einzig Konkrete, das ich gesehen habe, ist ein Schreiben der amerikanischen Behörden. Dieses zeigt einerseits, dass weltweit 15 Speditionsfirmen von der Untersuchung betroffen sind, und andererseits, dass es um Surcharges geht. Es handelt sich dabei aber nicht nur um Aufschläge basierend auf den Treibstoffpreisen, sondern auch um andere Zuschläge für bestimmte Dienstleistungen. Dort wollen die Behörden Unregelmässigkeiten entdeckt haben, sonst hätten sie keine gross angelegte Aktion durchgeführt.

Beim Korruptionsverdacht in Nigeria wissen Sie mehr. Die Einstellung von Services im Öl- und Gasgeschäft dort schmälert den Betriebsgewinn (Ebit) 2007 um 20 bis 30 Mio Fr. Wieso erwarten Sie für 2008 noch einen negativen Ebit-Impact von 40 bis 50 Mio Fr. ?

Ribar: Wir gehen davon aus, dass wir die suspendierten Dienstleistungen auch 2008 nicht anbieten können und errechneten den entsprechenden Ertragsausfall.

Und 2009?

Ribar: Wenn wir diese Geschäfte nächstes Jahr nicht wieder aufnehmen können, müssten wir den Bereich restrukturieren, unser Serviceportfolio im Jahr 2008 überarbeiten und die Kostenstrukturen anpassen. Das gäbe Restrukturierungskosten, aber mittelfristig auch Einsparungen.

Einen Einfluss auf die Ziele 2007 hat der Nigeria incident nicht, aber die Ebitda-Marge dürfte am unteren Range der Guidance von 20-22% ausfallen. Ihr Ex-Präsident Gerhard Fischer hat letzten Mai gesagt, für 2008 und 2009 bestünde ein Potenzial für eine weitere Erhöhung dieses Margenziels. Wie sehen Sie das?

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Ribar: Das war im Mai. Inzwischen hat sich die Situation geändert. Ich werde eine neue Guidance erst nächstes Jahr mit dem Jahresresultat bekannt geben.

Werden Sie auch die Guidance für die Jahre 2007 bis 2009, wonach Sie den Grossprofit jährlich mehr als 9% steigern wollen, revidieren?

Ribar: Unter den gegebenen Umständen wird es nicht einfach sein, diese Ziele zu erreichen.

Können Sie den Umsatz nach dem Plus von 11,6% in den ersten neun Monaten heuer im zweistelligen Bereich steigern?

Ribar: Wir geben keine Guidance auf den Umsatz. Die Guidance auf Grossprofit und Marge werden wir dieses Jahr erreichen.

Wie kommt es zu den vielen Abgängen im Spitzenmanagement von Panalpina? Seit dem Börsengang gibt es nun den dritten CFO-Wechsel …

Ribar: Jürg Honegger tritt aus persönlichen Gründen zurück.

Doch es sind auffällig viele Wechsel seit dem Börsengang. Wer hat diese Personen eingestellt – stammen sie alle aus der Zeit, bevor Sie CEO wurden?

Ribar: Ja, bis auf Herrn Honegger, ihn habe ich eingestellt, die anderen kamen vor meiner Zeit. Es liegt in der Natur der Sache, dass man sich umorientieren kann.

Doch es fehlt noch an Kontinuität?

Ribar: Für diese Wahrnehmung habe ich Verständnis. Doch im Finanzbereich beispielsweise gibt es ausser an der Spitze eine enorme Stabilität – da mache ich mir keine Sorgen. Wir suchen jetzt extern nach einem Nachfolger. Man muss bedenken, dass bei Panalpina ein Generationenwechsel stattfindet. Das hat mit dem Rücktritt von Herrn Fischer, aber auch mit meiner Ernennung zu tun. Das Unternehmen ist daran, sich neu zu positionieren.

Generationenwechsel, das heisst, es wird weitere Abgänge geben?

Ribar: Wir hatten bereits etliche Wechsel etwa bei den Regional CEO. Dennoch werden weitere Mitarbeiter ihr Ruhestandsalter erreichen. Wir befinden uns in einem laufenden Prozess, der auch durch die zusätzlichen Themen beschleunigt werden kann.

Sind die Turbulenzen der Grund, wieso Panalpina dieses Jahr trotz voller Kasse keine Übernahme tätigte?

Ribar: Wir haben tatsächlich keine Akquisitionen gemacht. Ich führe keine Akquisitionen durch, wenn die Organisation im Moment andere Prioritäten hat. Für die Zukunft sind Übernahmen aber sehr weit oben auf meiner Prioritätenliste. Wir haben Möglichkeiten evaluiert, aber es kam bisher nie zu konkreten Schritten. Aber es besteht auf jeden Fall ein Team, das sich intensiv mit möglichen Übernahmeobjekten auseinandersetzt.

Das heisst, nächstes Jahr ist mit Akquisitionen zu rechnen?

Ribar: Im Moment ist noch nichts konkret, aber Übernahmen zählen zu den Prioritäten für 2008.

Haben Sie wie bei den letzten Einkäufen das Öl- und Gasgeschäft im Visier?

Ribar: Nein. Wir haben ein komplettes Netzwerk weltweit und keine weissen Punkte auf der Landkarte, wo man unbedingt dazukaufen müsste. Deshalb interessieren uns Übernahmen, die zusätzliche Skills bringen, entweder in geografischer oder geschäftlicher Hinsicht, etwa in einer unserer Kernindustrien.

Panalpina hat auf jeden Fall genügend Geld auf der Seite. Im Frühjahr sagten sie, Panalpina müsse sich mit einer Kapitalrückzahlung auseinandersetzen, sofern das Geld nicht in Übernahmen fliesst.

Ribar: Wir haben ein Aktienrückkaufprogramm lanciert, und das läuft immer noch. Wenn wir weiter Cash generieren – wir haben keine Schulden –, dann bestehen auch gute Möglichkeiten für Übernahmen. Das wird zu einer Kapitalherabsetzung führen, weil wir die Aktien vernichten.

Sie haben also durchaus grössere Takeover vor, im dreistelligen Millionenbereich?

Ribar: Wenn sich etwas ergibt, liegen auch Käufe in dreistelliger Millionenhöhe drin.

Sind die Mitarbeiter nach dem Börsensturz noch interessiert am neuen Optionsbeteiligungsprogramm?

Ribar: Wir haben von Anfang an gewarnt, dass es nicht nur aufwärts gehen kann – eine Aktie hat nicht nur ein Upside-Potenzial. Wenn man aber genügend lange an den Papieren festhält, resultiert unter dem Strich sicher ein Gewinn. Wir werden das Optionsprogramm nächstes Jahr in genau gleicher Form wieder anbieten.

Sind Sie schockiert über den Wertverlust?

Ribar: Heute redet niemand mehr darüber, dass wir mit 80 Fr. an die Börse gegangen sind und sich der Kurs innert weniger als zwei Jahren mehr als verdreifacht hat. Nein, ich bin nicht schockiert, wir hatten einen Höhenflug, und viele Leute hatten enorme Erwartungen in uns gesetzt. Panalpina ist ein solides Unternehmen. Unsere Zahlen dieses Jahr sind so gut wie nie zuvor. Die Lösung der Probleme nehmen wir in Angriff. Wenn allerdings gewisse Investoren Aktien veräussern, ist das auch nachvollziehbar. Ich habe Verständnis für die Fragezeichen, doch ich kann dies nicht ändern, mein Job ist es, die Dinge zu analysieren und Lösungen umzusetzen.

Nun haben Sie mit dem Hedge-Fonds Viking Global und Lone Pine Capital neue Grossaktionäre. Wie stehen Sie zu denen?

Ribar: Wir reden ständig mit unseren Investoren. Wir haben zudem mehrere, die grössere Anteile haben, allerdings nicht über 5%. Ich gehe davon aus, dass mit der Senkung der Meldeschwelle auf 3% auf den 1. Januar noch weitere Investoren, darunter auch Hedge-Fonds, publik werden. Wir behandeln alle gleich, der laufende Dialog ist Teil der Investorenpflege.

Hat Viking spezifische Forderungen?

Ribar: Nein. Selbstverständlich stellt er Fragen und generiert auch Ideen. Doch wir befinden uns nicht in einer Situation, in der uns die Investoren instruieren, was wir zu tun haben. Des Weiteren haben wir mit der Ernst Göhner Stiftung weiterhin einen Investor, der 42,3% der Anteile hält.

Trotzdem hat Ex-Chef Fischer im Sommer eingeräumt, dass Investoren auch mit Stimmrechtsbeschränkungen von 5% grosse Unruhe verursachen können. Haben Sie Abwehrmassnahmen, wenn ein Investor ein Angebot lanciert?

Ribar: Wir haben einen Gameplan, wie wir vorgehen werden, wenn es zu einer Konzentration kommen sollte oder ein Übernahmeangebot unterbreitet wird. Doch abwehren könnten wir das nicht, wir sind an der Börse kotiert. Wenn jemand eine Position aufbauen will, dann kann er das tun. Dass jemand auch mit Stimmrechtsbeschränkung Unruhe verursachen kann, lässt sich nicht verhindern, das hat man bei Saurer und Implenia bereits gesehen. Aber dies sind Mechanismen, die bei einer kotierten Unternehmung normal sind und die man schon vor dem IPO kennt.