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Börseninterview
«Ich würde nicht von einem Ende der Börsen-Hausse sprechen»

NEW YORK, NY - OCTOBER 11: Traders and financial professionals work ahead of the closing bell on the floor of the New York Stock Exchange (NYSE), October 11, 2018 in New York City. The Dow closed over 500 points down on Thursday, bringing 2-day losses to more than 1,300 points. (Photo by Drew Angerer/Getty Images)
Wall-Street-Börsenhändler: Die Handelswoche verläuft turbulent.Quelle: 2018 Getty Images

Valiant-Experte Renato Flückiger sagt, wie es um die Börsen steht - und er erklärt, was die UBS und CS von US-Grossbanken unterscheidet.

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Von Marc Bürgi
am 12.10.2018

Am Donnerstag sind die Börsenkurse weltweit in die Tiefe gerasselt. Was sind die Gründe für diesen Kursrutsch? Ist dies der Anfang vom Ende der Börsen-Hausse?
Renato Flückiger*: Interessanterweise sind es ja nicht neue Gründe, sondern eine Verschärfung der bestehenden Themen: Einerseits der anhaltende Handelsstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China mit weiteren Giftpfeilen vom US-amerikanischen Finanzminister Mnuchin vor dem G-20-Meeting. Andererseits die Einmischung von Donald Trump in die US-Notenbankpolitik und zu guter Letzt ein besorgter Internationaler Währungsfonds. Diese Faktoren setzten den Kursen zu und verstärkten die Abwärtsdynamik. Ich gehe davon aus, dass es noch für einige Zeit unruhig bleiben und immer wieder zu Turbulenzen kommen wird. Dabei rücken die recht soliden Fundamentaldaten in den Hintergrund. Ich würde nicht von einem Ende der Börsen-Hausse sprechen, sondern eher von einer Delle, die womöglich länger andauern wird.

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Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Aus meiner Sicht ganz klar die Diskussionen um den aktuellen Konjunkturzyklus. Die wirtschaftliche Expansionsphase ist weit fortgeschritten und die brennende Frage lautet: Was könnte zum Bruch führen? Im Vordergrund stehen der Handelskrieg zwischen den USA und China und ein zu schneller Anstieg der US-Zinsen über das neutrale Niveau von 3 Prozent. Auch wir erwarten eine konjunkturelle Bremswirkung, allfällige Rezessionsszenarien erachte ich jedoch als stark übertrieben. Damit sich die Börsen wieder beruhigen können, braucht es solide Drittquartalsdaten und überzeugende Ausblicke oder Aussichten auf eine Einigung im Handelskonflikt.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Der defensiv ausgerichtete SMI kann sich in einem Umfeld erhöhter Risikoaversion deutlich besser halten als beispielsweise der auf mittelkapitalisierte Werte ausgerichtete SMIM. In diesem unsicheren Umfeld werden Werte wie Nestlé, Novartis und Roche gegenüber den Zyklikern klar bevorzugt. Der Blick der Börse richtet sich nun vermehrt auf die bevorstehenden Unternehmensergebnisse des 3. Quartals. Es wird also bei einem Hin und Her zwischen positiven Unternehmensdaten und verunsichernden (geo)politischen Nachrichten bleiben. Wer im aktuellen Umfeld auf Qualität setzt, wird besser schlafen können.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Der SMI befindet sich seit dem Hoch im August in einer Konsolidierungsphase. Um einen neuen Trend abzuleiten, bräuchte es klare Impulse aus den obgenannten Einflussfaktoren. Auch wenn das erwartete Gewinnwachstum für 2019 von aktuell 11 Prozent noch etwas nach unten revidiert wird, traue ich dem SMI einen Anstieg auf 9200 Punkte zu.

Italiens neue Regierung sorgt weiter für Unruhe an den Finanzmärkten – die Zinsen für italienische Staatspapiere steigen. Stellt das Land eine Gefahr für die europäische Konjunktur dar?
Italien hat es verpasst, dringende Strukturreformen anzugehen. Für diese Versäumnisse wird das Land nun eingeholt und auch die populistische Regierung wird dies nicht ändern können. Der neuerliche Renditeanstieg italienischer Staatsanleihen ist ein klares Zeichen, dass Italien als Schuldner sehr wohl auf die Gläubiger angewiesen ist und diese nun eine höhere Risikoprämie einfordern. Meines Erachtens sind die auftauchenden Ängste bezüglich eines Austrittes Italiens aus der Eurozone oder gar eines Staatsbankrotts übertrieben. Die jüngsten Renditeanstiege fallen insbesondere am kurzen Ende zu stark aus.

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*Renato Flückiger ist seit August 2012 CIO der Bank Valiant in Bern. Zuvor war der Betriebsökonom bei der Grossbank UBS in verschiedenen Funktionen tätig. Renato Flückiger hat an der Fachhochschule in Bern studiert und besitzt zudem das Diplom des Chartered Financial Analyst.
Quelle:

Der US-chinesische Handelsstreit ist nun schon einige Monate im Gang. Wie stark treffen die US-Strafzölle die chinesische Volkwirtschaft?
Dass Chinas Notenbank vergangenen Montag die Finanzvorschriften für heimische Banken gelockert hat, ist ein Indiz dafür, dass China stärker unter dem Handelsstreit leidet als die USA. Mittlerweile unterliegt gut die Hälfte der amerikanischen Importe aus China neuen Zöllen. Diese Strafzölle kommen zu einem ungünstigen Moment, da die konjunkturelle Entwicklung in China durch die Transformation in eine Dienstleistungsgesellschaft auch ohne Handelsstreit abschwächend ist. So ist das Wachstum bei Investitionen auf einem historischen Tiefstand.

Heute Freitag geben mit JPMorgan Chase, Wells Fargo and Citigroup drei US-Grossbanken Quartalszahlen bekannt. Sind die amerikanischen Institute in besserer Form als die europäische Konkurrenten, namentlich die UBS und CS?
Die US-Banken verfügen tatsächlich über eine bessere Positionierung im Investment Banking. In dieser Paradedisziplin ist Grösse ein matchentscheidender Vorteil. Die beiden Schweizer Grossbanken mussten unter anderem wegen härteren regulatorischen Anforderungen ihre Aktivitäten reduzieren und richten sich stärker auf die Vermögensverwaltung aus. UBS und CS sind punkto Rentabilität und Ertragswachstum gegenüber den US-Grossbanken ins Hintertreffen geraten. Und wir sehen wenig Anzeichen, dass sich dies in näherer Zukunft ändern sollte.

Ein diese Woche veröffentlichter UNO-Bericht fordert drastische Anstrengungen für den Klimaschutz. Welche Möglichkeiten bieten sich Anlegern, die klimaverträglich investieren wollen – und wie sind die Renditeaussichten bei einer solchen Strategie?
Für Anleger, die im Bereich Klimaschutz investieren möchten, empfehlen wir Klimaschutzanleihen. Bei Klimaschutzanleihen leiht der Anleger sein Geld meist einer multilateralen Organisation. Diese verwendet das Kapital für nachhaltige Projekte, beispielswiese den Bau einer Windkraftanlage oder für nachhaltige Wasserschutzprojekte. Klimaschutzanleihen gelten als eines der wichtigsten Instrumente, um die von der UNO vereinbarten Klimaschutzziele zu erreichen. Sie weisen ähnliche Rendite- und Risikoparameter auf wie herkömmliche Anleihen. Unser Fondsresearch empfiehlt, in aktive Fonds zu investieren, die breit diversifiziert sind, eine mittlere Portfolioduration aufweisen und ein erfahrenes Management haben. Die von uns ausgewählte Strategie hat aktuell eine Verfallrendite von 2,7 Prozent.

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