Vor gut einem Jahr ging Lehman Brothers Konkurs - ein herber Schlag für die Derivatebranche. Können Sie sich noch an diesen Tag erinnern?

Christian Reuss: Sehr gut sogar. Ich war am Montag, dem 15. September, im Büro, als ich von der Neuigkeit erfuhr. Man konnte zuerst gar nicht einordnen, was dies nun alles bedeuten und nach sich ziehen würde. Alle waren sehr aufgewühlt. Dann kam ich abends nach Hause und wollte das meiner Frau erzählen. Bevor ich jedoch irgendwas sagen konnte, hat sie mir ein Plüschtier in die Hand gedrückt und mir voller Freude mitgeteilt, dass sie schwanger sei.

Das hat dann wohl den Konkurs von Lehman etwas relativiert.

Reuss: Für mich persönlich auf jeden Fall.

Wie haben das Ihre damaligen Kollegen bei Goldman Sachs erlebt? Goldman Sachs war immerhin ein Konkurrent von Lehman Brothers ...

Reuss: Das Thema war zu gross, um es auf eine Konkurrenzsituation zu reduzieren. Die Frage war vielmehr: Was bedeutet das jetzt alles eigentlich? Die Folgen wurden meiner Meinung nach eher unterschätzt. Das Systemrisiko und die Auswirkung auf alle Marktteilnehmer - das konnte man sich damals alles noch gar nicht ausmalen. Amerikanische Banken waren in der Folge auch sehr stark im Fokus, ebenso Goldman Sachs. Die Frage, die sich uns konkret stellte, war, ob und wie Produkte von US-Investmentbanken noch verkauft werden können.

Das Emittentenausfall-Risiko war eigentlich ein bekanntes Risiko, dessen Eintrittswahrscheinlichkeit einfach unterschätzt wurde. Gibt es noch andere Risiken bei strukturierten Produkten, die von Anlegern vernachlässigt werden?

Reuss: Die Zertifikatebranche ist noch eine relativ junge Industrie und es gab in den letzten Jahren viele Innovationen - die einen waren gut, die anderen eher weniger. Wenn man sich heute allerdings die Broschüren vieler Emittenten anschaut, so stehen eigentlich die denkbaren Risiken drin.

Noch vor kurzem haben Anleger mit Multi Barrier Reverse Convertibles herbe Verluste eingefahren. Die Vehikel werden bereits wieder rege gekauft. Haben Sie dabei kein mulmiges Gefühl?

Reuss: Gerade die Reverse Convertibles waren vor der Krise in der Schweiz das strukturierte Produkt schlechthin. Dass sich die Nachfrage jetzt wieder erholt, zeigt in meinen Augen, dass die Investoren trotz der schmerzlichen Erfahrung, die sie gemacht haben, das Produkt verstehen, schätzen und wieder darin investieren möchten.

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Seit dem 28. September können pfandbesicherte Zertifikate (COSI) gehandelt werden. Das Thema Emittentenrisiko ist aber schon nicht mehr in aller Munde. Kommen diese Zertifikate nicht zu spät?

Reuss: Die pfandbesicherten Zertifikate stellen ein noch fehlendes Puzzle-Teil in der Welt der passiven Investment-Produkte dar. Nunmehr kann ein Investor je nach Risikoneigung wählen, ob er ein besichertes oder unbesicherters Investment tätigen möchte. Das ist auf jeden Fall ein Fortschritt! Zudem besteht die Hoffnung, dass wir durch das neue Produktsegment auch potenziell neue Kundengruppen, z.B. Pensionskassen oder Versicherer, für strukturierte Produkte gewinnen können.

Die Produkte wollen das Emittentenrisiko «stark reduzieren». Das heisst, es besteht trotzdem ein Restrisiko im Falle eines Ausfalls?

Reuss: Wenn sich die Wertentwicklung des Zertifikates ändert, müssen die hinterlegten Sicherheiten entsprechend angepasst werden. Angenommen, es kommt zum Ausfallereignis, stellt sich die Frage, wie es mit der Verwertung dieser Sicherheiten aussieht. Dabei spielt natürlich auch die Qualität der Sicherheiten eine Rolle. Grundsätzlich kann man nie sagen, etwas sei zu 100% sicher. Meines Erachtens nach ist COSI allerdings die beste Lösung, die es derzeit im Markt gibt.

Eröffnet COSI neuen Anbietern die Möglichkeit, in den Markt einzutreten?

Reuss: Das ist denkbar. Aktuell ist es jedoch meines Wissens für ausländische Emittenten noch schwierig, an COSI teilzunehmen. Das hat mit der Art von Pfandbesicherung zu tun. Man ist jedoch daran, für dieses Problem eine Lösung zu finden.

Wissen Sie von neuen Emittenten?

Reuss: Wir wissen von mehreren Emittenten, die planen, in der nächsten Zeit in den Schweizer Markt für strukturierte Produkte einzutreten. Mittlerweile sind die vier grössten Player übrigens Schweizer Häuser, was vor der Krise noch anders war.

Seit einigen Monaten veröffentlicht Scoach zu jedem Produkt die Risikokennzahl Value at Risk (VaR). Im Vorfeld wurden vergeblich Alternativen gesucht. Ist der VaR eine Verlegenheitslösung?

Reuss: Nein. Das Problem des klassischen VaR ist sicherlich die Annahme der Normalverteilung, die - wie wir schmerzlich erfahren mussten - nicht der Realität entspricht. Um dieser Problematik gerecht zu werden, verwendet der SVSP bei der Berechnung eine Simulation anhand historischer Daten, die frei von Verteilungsannahmen sind. In der Summe finde ich, dass die Risikokennzahl einen guten Schritt in die richtige Richtung darstellt.

Letzten Herbst hat die Qualität der Marktstellung der Emittenten teilweise gelitten. Darauf hat Scoach entschieden, die Qualitätsmerkmale zu veröffentlichen. Beobachten Sie grosse Unterschiede beim Stellen von Geld- und Briefkursen je nach Emittent?

Reuss: Mittlerweile eher nein. Die grossen Anbieter sind recht vergleichbar geworden, und der Payoff Market Making Index zeigt auch, dass sich diese Emittenten in einer engen Bandbreite zueinander bewegen. Allerdings war dies vor der Einführung der Qualitätsmerkmale noch nicht so und ist sicherlich als Erfolg dieser Initiative zu werten.

Wieso kann Scoach die Emittenten nicht dazu verpflichten, konstant Geldkurse zu stellen?

Reuss: In Deutschland besteht bei Scoach eine Verpflichtung zum Market Making. In der Schweiz wurde dies jedoch dem Wettbewerb überlassen, der durch die Einführung der Qualitätsmerkmale sicherlich transparenter geworden ist. Ob nun auch hier eine Market-Making-Verpflichtung eingeführt werden soll, wird aktuell mit Marktteilnehmern diskutiert. Der Anstoss zu diesen Gesprächen kam übrigens auch aus den Reihen der Emittenten.

Scoach ist derzeit in Deutschland und in der Schweiz aktiv. Die internationale Expansion wurde etwas zurückgestellt. Wann werden Sie diese fortsetzen?

Reuss: Wir werden die Expansion fortsetzen. Kurz nach Lehman war ein Fokus hierauf jedoch schwierig, weil wir einfach die Ressourcen dazu nicht hatten. Wir haben jedoch in einer Reihe von Märkten Interessenten, die sich uns gerne anschliessen würden. Wir werden dieses Thema aktiv weiterverfolgen.

Welche Länder stehen denn gegenwärtig in Ihrem Fokus?

Reuss: Schweden ist ein sehr interessanter Markt. Insbesondere, da das Land eine sehr hohe Internetdurchdringung und -nutzung und somit potenzielle Selbstentscheider hat. Ich persönlich habe zudem eine Affinität zu den asiatischen Märkten. Die Märkte Hongkong und Korea faszinieren mich ungemein.

Stehen Sie schon in Kontakt mit den asiatischen Börsen?

Reuss: Ein Gedankenaustausch mit der Börse in Hongkong hat bereits stattgefunden. Ich finde den Markt sehr faszinierend und sehe Ähnlichkeiten mit dem europäischen Markt. Wir können viel voneinander lernen.

Ein brachliegendes Feld für Sie ist der ganze ausserbörsliche (OTC) Derivate-Markt. Es wird derzeit über eine Börsenpflicht von ausserbörslich gehandelten Produkten diskutiert. Darüber würden Sie sich bestimmt freuen?

Reuss: Ich fände das natürlich grundsätzlich grossartig (lacht). Meines Wissens gibt es Gespräche im Credit-Default Swap-Markt über eine zentrale Clearingstelle, jedoch noch nicht konkret im Bezug auf unsere Produkte. Wir sehen jedoch in der Schweiz ohnehin einen Trend hin zur Börse. Der OTC-Markt ist sehr gross, wie gross genau, wissen wir allerdings nicht. Die Abwicklung über die Börse bietet jedoch Synergien, da man den Sekundärmarkt automatisiert über die Börse betreiben kann, Transparenz und den Mehrwert einer aktiven Marktsteuerung.