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Im Bann des Diamanten

Edelstein: Nach dem Raub werden sie neu geschliffen oder in Stücke zerschnitten. (Bild: Peter Frommenwiler)

Ein Millionenraub wie der an der «BaselWorld» bringt Versicherern enorme Kosten. Trotzdem ist der Markt für Spezialversicherungen umkämpft.

Von Jorgos Brouzos
am 12.04.2011

Sie kamen am helllichten Tag. Drei Diebe lenkten das Personal am Stand ab, einer schnappte sich die wertvollen Edelsteine aus den Vitrinen. Der spektakuläre Diamantenraub an der Uhren- und Schmuckmesse «BaselWorld» sorgte weltweit für Aufsehen – weil die Kriminellen gleich nach dem Raub mit der Beute im Wert von mehreren Millionen aus der Messe spazieren konnten.

Für den betroffenen israelischen Schmuckhändler ist der Raub ein Schockerlebnis. Für die Versicherer ist er gleich ein doppeltes Debakel. Da ist einerseits die hohe Schadenssumme. Anderseits lässt sich mit Policen zum Schutz von teurem Schmuck und Kunstgegenständen kaum mehr Geld verdienen. Die Prämien sind seit Jahren unter Druck. Immer mehr Anbieter geben auf.

Dabei mangelt es nicht an zu versichernden Risiken. In der Washingtoner National Gallery of Art hat eine Frau vor wenigen Tagen versucht, ein Bild des französischen Künstlers Paul Gauguin zu zerstören. Das Werk «Zwei tahitische Frauen» mit einem Schätzwert von 70 Millionen Franken war glücklicherweise durch eine Scheibe vor dem Angriff geschützt.

Immer wenn unschätzbare Werte öffentlich zu Schau stehen, steigt die Nervosität der spezialisierten Versicherungen. Vor zwei Jahren etwa zeigte das Kunstmuseum Basel Werke von Vincent van Gogh. «Damals war der ganze Markt in heller Aufregung», erinnert sich ein Branchenkenner. Denn millionenteure Kunstwerke wurden nach Basel gebracht. Passiert ist damals aber nichts.

Oftmals bleiben Schäden oder Diebstähle aber im Verborgenen. Der Gang in die Öffentlichkeit findet meist nur statt, wenn deren Hilfe benötigt wird. Denn es sollen keine Zweifel an den Sicherheitsmassnahmen aufkommen. Oft spielt auch die Scham über den Verlust eine Rolle. Nur die Behörden und die Versicherung werden dann informiert.

Die Versicherer reden denn auch nicht gerne über das verschwiegene Geschäft. Eine seltene Ausnahme macht die Allianz Suisse. Sie versicherte unter anderem eine Sammlung mit Erinnerungsstücken des verstorbenen Popstars Michael Jackson oder eine Sammlung von alten Blechspielzeugen. Die irische XL Insurance mit Niederlassung am Zürcher Mythenquai gibt an, einst eine Versicherung für eine Tiefkühltruhe voller Schnee abgeschlossen zu haben. Die Kunst-Installation konserviert den Schneefall eines Tages in Davos.

Risse, Brüche und Schmierereien

Raub ist nicht unbedingt das grösste Risiko. Viele Schäden entsehen, wenn Kunstwerke verschoben werden. «Am weitaus häufigsten treten Transportschäden auf», so Sandra Aebersold, Geschäftsführerin der Zürcher Niederlassung des Kunstversicherungsmaklers Kuhn & Bülow. An fragilen Objekten komme es zum Beispiel zu Rissen oder an filigranen Skulpturen brächen Einzelteile ab. Aber auch Schäden durch Fremdeinwirkung kommen häufig vor, etwa wenn Schulkinder mit Filzstiften in einem unbeaufsichtigten Moment Gemälde oder Zeichnungen bekritzeln.

Eigentümer melden manchmal auch Beschädigungen an Kunstwerken an, die schon früher entstanden sind. In der Regel unabsichtlich: Wenn ein Werk aus der Ausstellung zurückkommt, schaut es sich der Besitzer genauer an, als wenn es zehn Jahre im Wohnzimmer hängt. Nicht alle aber meinen es gut.

Erzählt wird nicht gerne

Kommt es wie an der «BaselWorld» zu einem Schaden, starten die Assekuranzhäuser umfangreiche Abklärungen. «Wir arbeiten dabei eng mit den Behörden zusammen», sagt Peter Meili von XL Insurance. Bei einem Diebstahl sei es jedoch meist schnell offensichtlich, dass die Objekte kaum je wieder auftauchten und die Versicherungssumme ausbezahlt werden müsse. Manchmal führe man aber auch selbst eine Untersuchung durch. «Das tun wir, wenn bei den Ermittlungen Ungereimtheiten zutage treten», so Meili.

«Gerade im Bereich Bijouterie und Kunst ist die Gefahr eines Versicherungsbetrugs relativ hoch, da es meistens um Summen in Millionenhöhe pro Objekt geht», erklärt eine Sprecherin der Nationale Suisse. Der Basler Versicherer verfügt daher über ein eigenes Team zur Bekämpfung des Missbrauchs. «Was die Grösse des Teams angeht, so halten wir uns aus naheliegenden Gründen bedeckt», so die Nationale Suisse.

Eines ist indes klar: In diesem Geschäftszweig geht es rasch um Millionen. Einzelne Ereignisse führen schnell zu immensen Zahlungsverpflichtungen. So wird etwa beim Diamanten-Diebstahl an der «BaselWorld» über eine Schadenssumme zwischen 1 und 30 Millionen Franken spekuliert. Um solche gewaltigen Summen nicht als Einzelner tragen zu müssen, werden die Risiken üblicherweise über Makler auf drei oder vier verschiedene Versicherer gestreut.

Trotz aller Schwierigkeiten ist der Markt allerdings äusserst umkämpft. «Die Konkurrenz für Spezialversicherungen ist gross», so Meili von XL Insurance. Die zahlreichen Anbieter sorgen für ein Überangebot, was die Prämien sinken lässt. Aebersold von Kuhn & Bülow ist seit 13 Jahren in der Branche tätig und stellt fest, dass Prämiensätze in dieser Zeit sukzessive gesunken sind. Die absolut zu bezahlenden Versicherungsprämien sind aber aufgrund der stetig ansteigenden Marktpreise von Kunst und des damit einhergehenden Anstiegs der Versicherungswerte gestiegen. Sie vermutet, dass die Talsohle nun erreicht ist.


Risiken

Spuren verwischen
Die in Basel gestohlenen Diamanten können neu geschliffen werden und lassen sich dann nicht mehr identifizieren. Die Wertminderung durch die Prozedur ist vergleichsweise gering. Die wertvollen Uhren, wie etwa jene, die vor kurzem aus einer Schaffhauser Bijouterie gestohlen wurden, lassen sich hingegen leicht über eine Seriennummer identifizieren. Sie werden daher wahrscheinlich weit unter Marktwert weiterverkauft.

Luftschlösser versichern
Bei Versicherungsmaklern gehen auch dubiose Anfragen ein – um Gegenstände via Police zu legalisieren. So berichtet die Agentur Kuhn & Bülow von einer Anfrage für die Versicherung eines so grossen Diamanten, wie es ihn kaum geben kann. «Wir haben in Ergänzung zum vorgelegten Zertifikat aus dem Ausland ein Echtheitszertifikat von einem bestimmten Juwelier in der Schweiz angefordert. Erwartungsgemäss haben wir danach nie wieder etwas von diesem Kunden gehört», so Kuhn & Bülow.

Fälschungen
Nicht zu vergessen sind auch die Fälle, bei denen gefälschte Kunstwerke eingelagert werden und ein Versicherungszertifikat dafür verlangt wird. Hinter diesem Vorgehen verbirgt sich meist die Absicht, das Zertifikat dann als Sicherheit für Kredite vorzulegen.

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