St. Gallen versteht sich als Metropole der Ostschweiz, das widerspiegelt sich auch am lokalen Finanzplatz. Denn neben den Grossbanken UBS und Credit Suisse ist auch eine stattliche Zahl von Regionalbanken vor Ort vertreten: Darunter finden sich Namen wie Bank CA, Vadian, Alpha Rheintal oder Bank Biene.

Diese Häuser gelten als stark verankert und müssen sich daher auch nicht vor einer Konsolidierung fürchten. Der Aufstieg der Raiffeisen-Gruppe und der Bank Wegelin zu nationalen Grössen hat zudem dafür gesorgt, dass der Bankenplatz St. Gallen heute überregional stärker wahrgenommen wird.

Doch trotz der zahlreichen Konkurrenten bleibt die St. Galler Kantonalbank (SGKB) mit einem Marktanteil von 30% der Platzhirsch im Kanton. «Der Wettbewerb spielt und sorgt gerade im Retailbereich für Druck auf die Margen», so SGKB-Sprecher Simon Netzle. Starke Konkurrenten sind etwa Raiffeisen im Hypothekargeschäft sowie die Grossbanken bei den Firmenkunden. Auch bei der Raiffeisen wird die Bedeutung des Bankenplatzes Ostschweiz unterstrichen. Aus traditionellen Gründen ist die Gruppe in der Region stark vertreten und verfügt im Hypothekargeschäft über einen Marktanteil von gegen 35%. Zudem ist hier auch das Dienstleistungszentrum der gesamten Raiffeisen-Gruppe mit rund 1300 Beschäftigten beheimatet.

Österreicher stark vertreten

Auf dem umkämpften Heimmarkt stossen viele Institute an Grenzen. So würde etwa die SGKB gerne stärker in St. Gallen wachsen, muss stattdessen aber ausserhalb des Stammgebiets expandieren. «Wir sehen zusätzliches Wachstumspotenzial vor allem im Anlagegeschäft ausserhalb der Kantonsgrenzen», so Netzle.

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Zu diesem Zweck verfügt die SGKB in Zürich und Genf über die auch international tätige Tochtergesellschaft Hyposwiss. In München dient eine weitere Tochter als Brückenkopf für das Geschäft mit den deutschen Kunden: Seit Mai besitzt die SGKB nun eine Lizenz für das grenzüberschreitende Geschäft mit Deutschland. Im Gegenzug wird die bestehende Konkurrenzsituation in St. Gallen noch durch Neuansiedler verschärft. So zog es etwa die Bank Julius Bär nach St. Gallen. Aus Österreich sind das Bankhaus Jungholz vertreten und etwas länger schon die Institute Hypo Vorarlberg und die Bank für Tirol und Vorarlberg in der Ostschweiz. «Diese Konkurrenz spüren wir jedoch nicht besonders», so Netzle, da es den ausländischen Instituten vor allem darum gehe, Grenzgänger anzusprechen.

Beinahe alle Banken profitieren jedoch vom Know-how der Universität St. Gallen (HSG). So arbeitet etwa die SGKB im Anlagegeschäft seit diesem Jahr mit Spin-offs der Hochschule zusammen. Die Universität bringt aber auch andere Vorteile für die Bank, so ist der Name bei der Marktbearbeitung von Deutschland sehr hilfreich. «St. Gallen hat dank der renommierten Universität in Deutschland einen klingenden Namen, auch deshalb treten wir mit dem Brand St. Galler Kantonalbank in Deutschland auf», so Netzle.

Universität liefert helle Köpfe

Doch auch die Studenten der Universität mit weltweitem Renommee schätzen die hiesigen Arbeitgeber. «Manche Studenten wollen nicht nach New York oder London, sie schätzen die kurzen Wege in St. Gallen», so Manuel Ammann, Professor für Finance an der Universität St. Gallen und Direktor des Schweizerischen Instituts für Banken und Finanzen. Für viele Studenten sei es von Vorteil, Praktika in der Nähe absolvieren zu können.

Die Banken kommen so zu talentierten Fachkräften, die Studenten zu attraktiven Tätigkeiten. «Oft schreiben Studenten ihre Master- oder Doktorarbeit bei einer Bank und können dann dort ihre Karriere starten», so Ammann. Gerade die Bank Wegelin nütze die Möglichkeiten, die der Austausch biete, wie kaum eine andere Bank (siehe «Nachgefragt»).

Eine Bank im Besitz der Bürger

Eine besondere Rolle nimmt die 1811 gegründete Vadian Bank ein. Sie ist im Besitz der Ortsbürgergemeinde St. Gallen und schüttet mehr als 50% der Gewinne an sie aus. So werden etwa die städtischen Museen durch die Ortsbürgermeinde unterstützt. «Alles, was wir tun, kommt so der nächsten Generation zugute», so Walter Ernst, Vorsitzender der Geschäftsleitung, zur besonderen Rolle der Vadian Bank. Dass Vadian Bedingungen an ihre Kunden stellt, ist wohl noch einzigartiger: Es braucht eine Verbindung zur Ostschweiz, etwa Studien in St. Gallen oder regelmässige Ferienbesuche in der Region.

Doch auch für Vadian nehmen die regulatorischen Anforderungen und der IT-Aufwand ständig zu und zwingen die Bank zum Wachstum. Im letzten Jahr nahmen die verwalteten Vermögen um einen Drittel auf 600 Mio Fr. zu. In den nächsten Jahren sollen die Assets auf bis zu 1,5 Mrd Fr. wachsen. Viele Neukunden der Bank sind neu zugezogen und werden dabei von der Vadian-Ansiedlungsberatung unterstützt.


NACHGEFRAGT

«Wir servieren lieber Bratwürste als Kaviar»

Steffen Tolle ist geschäftsführender Teilhaber und Leiter des Bereichs Anlageberatung und Vermögensverwaltung der Bank Wegelin & Co. Nach seiner Studienzeit in St. Gallen ist er der Stadt treu geblieben.

Geht der Finanzplatz St. Gallen neben den grossen Zentren zu Unrecht etwas vergessen?

Steffen Tolle: Den Vergleich mit Zürich, Genf und Basel muss St. Gallen nicht scheuen. Wir sind das Zentrum der Ostschweiz und dadurch hat es hier auch zahlreiche Banken. Es ist ein wichtiger Finanzplatz, der seine Eigenheiten hat.

Der harte Konkurrenzkampf gilt als eine St. Galler Eigenheit. Wie spüren Sie ihn?

Tolle: Es ist sicher ein kleinerer, aber ein sehr umkämpfter Markt. Bei der Vermögensverwaltung haben wir jedoch eine Sonderstellung. Da sich aber in der Region immer wieder neue Anbieter ansiedeln, geht es für uns vor allem darum, unseren Marktanteil zu verteidigen.

Welche Trends prägen den Finanzplatz?

Tolle: Der Druck durch die Regulation und vom Ausland nimmt auch hier zu. Die St. Galler Kantonalbank hat daher beispielsweise eine Niederlassung in Deutschland eröffnet. Für uns ist das keine Option. Wir sind eine Schweizer Bank und sind hier tätig. Auch für den St. Galler Bankenplatz ist der Umgang mit ausländischen Kunden eine grosse Herausforderung. Da dort noch viele Fragezeichen bestehen, wird sich der Kampf um die Schweizer Kunden verstärken.

Die Zusammenarbeit zwischen Uni St. Gallen und der Bank Wegelin gilt als sehr eng. Weshalb?

Tolle: Wir sind die älteste Bank der Schweiz und wollen das bleiben, daher müssen wir innovativ sein und früh die zukünftigen Trends erkennen. Die Nähe zur Forschung ist da ein grosses Plus. Wir beschäftigen seit je Studenten und pflegen einen regen Austausch mit der Universität.

Wie sieht der Wettbewerb beim Personal aus?

Tolle: St. Gallen ist nicht Zürich. Die Mitarbeiter werden hier nicht einfach abgeworben und es werden keine unanständigen Löhne und Boni bezahlt. Die Leute sind in der Region verwurzelt und bodenständig geblieben.

Ist die oft beschworene Bescheidenheit nicht bloss Klischee?

Tolle: Nein, denn wir sind unbeschränkt haftende Privatbankiers. Wir gehen keine unnötigen Risiken ein und sind auch etwas hemdsärmlig geblieben. Denn obwohl wir eine Privatbank sind, servieren wir bei den Kundenevents keinen Kaviar, sondern tischen eine Bratwurst auf.