Noch vor wenigen Monaten herrschte Zuversicht. Die Börsenindizes erreichten vergangene Höchststände, Regierungsmassnahmen weltweit schienen zu funktionieren. Jetzt ist die Party schon wieder vorbei. Zeit, sein Geld unter die Matratze zu legen?

Stephan Meschenmoser: Nein, auch wenn es stimmt, dass die Börse derzeit volatil ist. Das Kernproblem ist, dass die Zentralbanken und Regierungen seit 2008 extreme Massnahmen ergreifen mussten, um die Wirtschaft stabil zu halten. Das Umfeld scheint sich mittlerweile soweit verbessert zu haben, dass über eine graduelle Rückführung dieser Massnahmen nachgedacht werden kann. Eigentlich ist das positiv. Die Frage ist aber, ob die Politik die Rückkehr zur Normalität hinkriegt ohne gleichzeitig das Wirtschaftswachstum abzuwürgen.

Ihre Prognose?
Mit dem gestern von US-Notenbankchef Bernanke angekündigten Mix aus weiterhin tiefen Zinsen und einem allmählichen Ende der Anleihenkäufe wagt die Fed einen Balance-Akt. Ich glaube jedoch, dass sie ihn hinkriegen wird.

Bemerkenswert ist, dass die fast schon «konzertierten» Aktionen der globalen Notenbanken damit ein Ende finden. Nun sieht man, dass Bernanke den Geldfluss langsam einschränken will, während die japanische Zentralbank weiter expansiv bleibt. Daher wird jetzt eine Zeit kommen, wo man wieder mehr zwischen Regionen und Anlageklassen differenzieren muss.

Globale Turbulenzen sind also zu lokalen Stürmen geworden?
Genau. Es wird nicht mehr ausreichen, sich für Aktien oder Obligationen im Allgemeinen zu entscheiden – vielmehr muss man wissen, in welche Aktien, welche Obligationen, welche Branchen man investieren will.

Welche empfehlen Sie denn konkret?
In der Krise waren defensive Titel wie Pharma oder Versorger gefragt.  Die Bewertungen zyklischer Aktien sind hingegen weitaus weniger stark gestiegen, was diese attraktiver aussehen lässt. Gelingt es den Zentralbanken zudem, die Politik zu normalisieren ohne das positive Wachstumsumfeld abzuwürgen, so sehen wir gute Chancen, dass sich zyklische Sektoren besser als defensive Sektoren entwickeln werden. Es kommt allerdings darauf an, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen.

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Wann kommt dieser «richtige Zeitpunkt»?
Die nächsten paar Wochen sind entscheidend. Ich würde sehr genau auf die US-Notenbank schauen. Es gilt zu sehen, wie schnell das Ruder herumgerissen wird und wie stark. Das könnte tendenziell negative Auswirkungen auf Staatsanleihen und postitive auf zyklische Aktien haben.

In welche Regionen würden Sie investieren?
Die Erholung ist in den Vereinigten Staaten am weitesten vorangeschritten und die Unternehmen weisen gesunde Margen auf. Die Bewertungen sind noch nicht übertrieben, so dass wir amerikanische Aktien als attraktiv ansehen. Auch japanische Aktien haben noch Potential, wenn die Drei-Pfeile-Strategie (expansive Fiskal- und Geldpolitik zur Vorbereitung struktureller Reformen) aufgeht.

Das sind die Chancen. Wovor sollte man sich 2013 hüten?
Schwellenländer-Anleihen könnten es dieses Jahr schwierig haben. Dorthin floss viel heisses Geld. Wenn nun die Fed die Liquidität reduziert, wird dieses Geld abgezogen und die Zinsen dieser Anleihen werden kurzfristig steigen. Hinzu kommt, dass die USA langfristig weniger von ausländischem Öl abhängen werden und entsprechend weniger Dollars im Ausland zur Finanzierung von Investitionen zur Verfügung stehen werden. Die Schwellenländer brauchen dieses Geld aber, um weiter überdurchschnittlich zu wachsen – auch deshalb werden ihre Obligationen günstiger werden. Irgendwann werden aber auch hier die Bewertungen aber wieder attraktiv sein.

Sollte man in Edelmetalle investieren?
Grundsätzlich gibt eigentlich nur zwei Gründe, in Gold, Silber oder Platin zu investieren. Zum einen dienen sie als Katastrophenschutz. Wer davon ausgeht, dass ein Marktcrash oder Umsturz bevorsteht, investiert in Gold. Edelmetalle sind kein Instrument um Wert zu kreieren, sie erhalten ihn lediglich. Wenn die Märkte zusammenbrechen, ist Gold wie ein Safe. Die durch die Eurokrise, die drohende Fiskalklippe in den USA und das Risiko einer unsanften Landung der chinesischen Wirtschaft verursachten Unsicherheiten haben Gold in den letzten Jahren gestützt.

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Welches ist der zweite Zweck eines Gold-Investments?
Neben der Absicherung gegenüber Katastrophen wird Gold oft auch als Inflationsschutz genutzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in nächster Zeit in den Industrienationen zu Inflation kommt, ist unserer Ansicht nach gering. Da diese beiden Gründe für das Investieren in Gold wegfallen, ist momentan kein guter Einstiegszeitpunkt.

Nachdem die Börse im Moment Chancen bietet: Wo setzt sich der Schweizer Anleger noch unnötigen Gefahren aus?
Die Schweizer leiden – wie wohl alle Anleger -  an einem «Home Bias». Sie setzen häufig sehr auf lokale Titel und überschätzen tendenziell die Grösse des eigenen Landes. Das ist ein Problem, weil die Schweiz so klein ist. 50 Prozent der globalen Aktienmärkte sind US-Aktien. Der «Home Bias» eines Amerikaners fällt also weit weniger ins Gewicht, als derjenige eines Schweizers.

Der Heimmarkt in der Schweiz ist sehr abhängig von zwei, drei Banken und wenigen grossen Pharma-Unternehmen. Damit hat man ein sehr grosses Länder- und Branchenrisiko.

Wie können Investoren diese Risiken umgehen?
Man muss unbedingt über den Tellerrand hinausschauen. Es wäre schon sinnvoll, wenigstens die Eurozone einzubeziehen. Noch besser ist, global zu diversifizieren. Dabei darf man allerdings nicht vergessen, sich wiederum gegen Währungsschwankungen abzusichern.

Stephan Meschenmoser ist Investmentstratege beim BlackRock Solutions Team.