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Im Reich der Zurückhaltung

Techniker von Meyer Burger: Schon länger negative Erfahrungen mit China.

Der Wirtschaftsmotor China schwächelt. Das spüren auch Schweizer Firmen – insbesondere Uhrenhersteller und Anlagenbauer.

Von Olivier Ristau
am 17.07.2013

Eine edle Schweizer Uhr ist ein Statussymbol. Das ist auch in China nicht anders. Teure Chronometer aus eidgenössischer Produktion zu verschenken, galt in dem kommunistisch geführten Land bis zuletzt als probates Mittel, seine Chancen bei der Vergabe von Staatsaufträgen zu verbessern. Doch seit der neue Staatspräsident Xi Jingping der Korruption den Kampf angesagt hat, sind die teuren Uhren in China zu Ladenhütern geworden. «Die Luxusgüterhersteller stehen mit der Antikorruptionspolitik in China unter Druck», sagt Asienanalyst Beat Schumacher von der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Nach Auskunft der Credit ­Suisse exportierten Schweizer Hersteller von Uhren, Schmuck und Präzisionsins­trumenten in den ersten fünf Monaten 2013 11 Prozent weniger als noch im Vorjahr nach China.

Auch Schweizer Maschinenbauer leiden unter den aktuellen Veränderungen, wenn auch aus anderen Gründen. Denn Chinas neue Führung steuert nicht nur bei der Korruption um. Statt wie bisher vor allem Export und Billigproduktion zu fördern, will Peking künftig die Binnenkonjunktur, Dienstleistungen und Technologie antreiben – zur Not auch auf Kosten des Gesamtwachstums. Dieser Schwenk kommt in einer Phase, in der die Nachfrage aus dem zentralen Exportmarkt Europa weiterhin schwach ist. Die Folge: Chinas Exporte knickten im Juni im Vergleich zum Vormonat um mehr als 3 Prozent ein – und auch Importe und Industrieproduktion waren flau. Die Regierung schliesst ­einen Rückgang des Wirtschaftswachstums im laufenden Jahr auf 7 Prozent nicht aus. Von 2007 bis 2011 war die Wirtschaft zwischen 9 und 14 Prozent, 2012 um 7,8 Prozent gewachsen.

Weniger neue Anlagen

Der auf Solarmaschinen spezialisierte Schweizer Anlagenbauer Meyer Burger macht schon länger negative Erfahrungen mit China. Wegen hoher Überkapazitäten und Exportproblemen bestellen chinesische Firmen seit zwei Jahren praktisch keine neuen Maschinen mehr. Der Aktienkurs ist binnen Jahresfrist um mehr als 40 Prozent eingebrochen. «Die chinesischen Unternehmen halten sich grundsätzlich mit Investitionen in neue Ausrüstungen zurück», so ZKB-Analyst Schumacher. Die Schweizer Exportstatistik bestätigt für die ersten fünf Monate eine Stagnation der Ausfuhren der Elektro- und Maschinenbaubranche.

Vorbei sind damit die Zeiten, als ihr China die Anlagen aus den Händen riss. «Im Vergleich zu den früheren Wachstumsraten deuten die Zahlen darauf hin, dass sich Chinas Wachstumsschwäche auf die Branche negativ auswirkt», sagt Industrieanalyst Andreas Christen von der Credit Suisse.

Das gilt insbesondere für die Produzenten von Werkzeugmaschinen wie Starrag oder Tornos. Der Absatz der Branche nach China sackte im Vergleich zum Vorjahr um 11 Prozent ab, die Aktien der Spezialisten verloren seit Jahresbeginn teils kräftig. Ebenfalls betroffen sind Textilmaschinenbauer wie Rieter. 2012 tätigte die Firma aus Winterthur ein Fünftel ihrer Verkäufe in der Volksrepublik. Die Aktie büsste im Jahresverlauf mehr als 10 Prozent an Wert ein. Setzen Chinas Unternehmen mehr auf Konsolidierung statt Expansion, bauen sie auch weniger Fabriken – der Bedarf an Baumaterialien sinkt. Zementriese Holcim dürfte davon betroffen sein. Allerdings, so Schumacher, gelte ­­die Zurückhaltung nicht für öffentliche ­Investitionen. «Das ist Chinas Wachs­tumstreiber.»

Denn wenn der Plan vom Aufschwung des immer noch armen chinesischen Binnenlandes wahr werden soll, muss Peking massiv in Infrastrukturen wie neue Stras­sen, Gleise und Stromleitungen investieren. Die Nachfrage etwa für Baustoffe ­bliebe hoch. «Auch die Elektrifizierung in ­China geht weiter», sagt Vontobel-­Research-Leiter Panagiotis Spiliopoulos. Auf Hochleistungselektronik spezialisierte Firmen wie ABB dürften deshalb weiterhin gute Geschäfte in der asiatischen Wachstumslokomotive machen. Auch wenn die starke Rohstoffnachfrage in China abebbt und Bergwerksunternehmen wie Xstrata künftig nicht mehr mit zweistelligen Wachstumsraten beim Absatz von beispielsweise Kupfer nach China rechnen können, sieht der Experte wenig Grund zur Sorge. «Die Aufregung um die Abkühlung der chinesischen Wirtschaft ist übertrieben. Eine gesunde Entwicklung ist auch noch bei Wachstumsraten von 5 Prozent möglich.» Die Politik niedrigeren Wachstums zur Anpassung in Richtung Binnennachfrage werde aber Jahre in Anspruch nehmen, so der Analyst.

Insofern sind Schweizer Firmen mit starkem Chinageschäft gut beraten, in andere Märkte zu schauen. Das machen die Chemie- und Pharmahersteller bereits vor, die laut CS in den ersten fünf Monaten zwar für 28 Prozent aller Schweizer Exporte nach China verantwortlich waren. Gemessen am Auslandabsatz machte China für die global operierenden Firmen aber nur 3 Prozent aus. Bei den Maschinenbauern sind es im Schnitt mit 8 Prozent erheblich mehr.

Nahrungsmittel sind gefragt

Kaum betroffen von Chinas Wirtschaftsschwäche ist der Schweizer Finanzsektor, da Peking ausländischen Banken und Versicherern allenfalls einen geringen Zugang zum inländischen Markt gewähren würde. Die Finanzbranche könnte ­sogar von den veränderten Vorzeichen profitieren. China will mittelfristig mehr ausländisches Finanzkapital ins Land lassen. Auch der Schweizer Nahrungsmittelindustrie verdirbt China nicht den Appetit.

Auch wenn Peking derzeit gegen Nestlé wegen des Verdachts von Preisabsprachen bei Babynahrung ermittelt, sind die Perspektiven eher gut. Chinas Verbraucher treten bisher nicht auf die Ausgabenbremse. Teure Uhren werden sie zwar auch künftig eher selten kaufen, was Edelhersteller Richemont betrüben könnte. Wenn der Wohlstand im Land der Mitte aber wie geplant wächst, werden etwas ­erschwinglichere Schweizer Uhren eine Renaissance erleben. Und das ganz ohne Korruption.

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