Wenn er so dasteht in seinem 100 Quadratmeter grossen Büro, in blauer Strickjacke mit Reissverschluss, wirkt er kaum wie das Investment-Genie, für das man ihn hält. Eher für einen rüstigen Frührentner, der sich darin gefällt, über Gott und die Welt zu sinnieren - über die Rolling Stones und moderne Kunst. Passend dazu hängen an den Wänden riesige Porträts von Mao und Lenin, Originale von Andy Warhol, die in diesem Louis-XIV-Salon mit goldenen Stuckdecken und Blick auf die Pariser Place Vendôme wie die Faust aufs Auge passen.

Willkommen im innersten Reich des Edouard Carmignac. Wie über Nacht ist dieser 63-jährige Franzose zum erfolgreichsten Fondsmanager Europas aufgestiegen. Allein im letzten Jahr scheffelte er mehr als 20 Milliarden Euro mit seinen diversen Anlagevehikeln was natürlich jede Menge Neider auf den Plan ruft. Sie sehen in ihm den nächsten Madoff: Plus 20 Milliarden in einem einzigen Jahr - das kann nicht mit richtigen Dingen zugehen.

Der mit dem goldenen Händchen

Edouard Carmignac verdreht die Augen. Das mag noch sehr höflich sein, denn recht eigentlich entsetzt ihn der Vergleich mit dem amerikanischen Grossbetrüger Bernard Madoff. Zumal, wie Carmignac nun mit erhobenem Zeigefinger betont, seine Firma Carmignac Gestion seit 84 Quartalen jedes Rein und Raus bei jedem, der mittlerweile 18 Fonds fein säuberlich ausweist (siehe Interview).

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Trotzdem hält sich die Skepsis an Carmignacs sagenumworbener Vermögensakkumulation in der Branche beharrlich. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» wusste unlängst sogar zu berichten, dass der Franzose am Derivatemarkt mitmische, um seine hohen Renditen überhaupt zu erreichen. Andere Skeptiker wiederum hielten im lange vor, er lasse seine Berichte bloss durch einen befreundeten Revisor testieren. Doch seit er dafür die international renommierte Firma KPMG engagiert hat, ist auch dieser Vorwurf aus der Welt. Umso mehr verdriesst Carmignac seine Konkurrenten. Das ging kürzlich so weit, dass Klaus Kaldemorgen die Geschäftsleitung der deutschen Fondsgesellschaft DWS wieder aufgab, um aus Neid, wie er selber eingesteht, einen Fonds à la Carmignac zu lancieren, der die reine Rendite anpeilt, also weder der Investorenherde noch irgendeinem Vergleichsindex folgt, sondern flink Wertpapiere kauft und sie manchmal innert Stunden wieder liquidiert. Also doch ein Genie vor Gottes Gnaden?

Dabei begann alles recht bescheiden. Im Jahr 1989 gründet der Franzose mit einigen Mitstreitern die Fonds-Boutique Carmignac Gestion, die zehn Jahre lang unter dem Radar der Aufmerksamkeit navigiert. Erst allmählich spricht sich herum, dass da einer ein goldenes Händchen hat, weil er nicht nur die richtigen Aktien frühzeitig erwirbt, sondern sie auch im richtigen Zeitpunkt wieder abstösst. So geht Edouard Carmignac gestärkt aus der Dotcom-Krise und bringt es 2002 auf ein Fondsvermögen von 1 Milliarde Euro.

Doch das ist erst der Anfang. In den Nullerjahren zählt er zu den Ersten, die das Potenzial der Rohstoffe und Schwellenländer erkennen; so steigert er bis 2006 seine Portefeuilles auf mehr als 10 Milliarden Euro. Dann, in der Finanzkrise, gelingt ihm das, wovon manche Konkurrenten nur träumen können. Er schützt das Geld seiner Kunden so gut, dass sie nichts verlieren. Damit steigt Carmignac vollends zum Superstar auf. Als er im März 2003 mit mehr als 6 Milliarden Euro voll auf Aktien setzt, fliesst ihm das Geld fast schon kaskadenartig zu. 2009 verwaltet das Unternehmen bereits gut 33 Milliarden Euro, inzwischen liegen in den Fonds 55,027 Milliarden Euro. Allein im letzten Jahr legte Carmignac mit Schwellenländer-Investments eine Performance von 31 Prozent, im Rohstoffbereich gar von 42 Prozent hin. Wer «Doudou», wie ihn seine besten Freunde nennen, 1989 einen Euro anvertraut hat, besitzt nun deren 1000. Als Flaggschiffe in seinem Imperium gelten die Vehikel Patrimoine und Investissement - der erste ein international ausgewogener Aktien- und Obligationenfonds, der zweite ein aggressiverer Aktienfonds, den Edouard Carmignac sozusagen als sein Baby hätschelt. Bei seinen Kunden geniesst der Franzose mit dem gewellten schlohweissen Haar ein schier grenzenloses Vertrauen. In Pariser Bankenkreisen hingegen bleibt er der Parvenu, dem man nie wird vollständig trauen wollen.

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Privatkonzert mit Lou Reed

Das weiss er selber nur zu gut. Also kultiviert er umso mehr sein Aussenseitertum. Alle drei Monate lädt er Kunden, Geschäftspartner und Freunde des Hauses zur Réunion trimestrielle ein. Die Veranstaltung beginnt jeweils mit einer ausführlichen Analyse der Fonds und mündet nach reichlich Champagner der Marke Taittinger und unzähligen Amuse-bouches einige Stunden später in bisweilen ekstatischen Privatkonzerten mit Lou Reed oder Jaime Cullum.

Es greift tatsächlich zu kurz, Edouard Carmignac irgendwelche Madoff-Methoden zu unterstellen. Die Gründe seines Erfolgs sind durchaus zu orten: Zum einen hat der umtriebige Franzose in der Vergangenheit ausreichend bewiesen, dass er eine gute Nase für Trends hat. So baute er unmittelbar nach der deutschen Wiedervereinigung enorme Positionen in deutschen Bauunternehmen auf und lag damit goldrichtig, um dann den grossen Reibach zu machen. Immer wieder hat er es auch verstanden, einzelne Investmentthemen und Sektoren gegeneinander auszuspielen; als er seine Internet-Aktien abstiess, hatte er bereits einen Fuss in den Schwellenländern.

Kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Tatsächlich benützt Carmignac mit seiner Crew zahlreiche Absicherungstechniken am Markt. Er kauft haufenweise Optionen auf einzelne Indizes, um seine Kursavancen zu bewahren. Er steigt in komplexe Derivate ein, wenn die Märkte uneinheitlich tendieren, und er agiert mitunter wie ein kühner Hedgefonds-Manager, wenn er gleichzeitig auf steigende wie auf fallende Märkte spekuliert. Das alles hat massgeblich dazu beigetragen, dass Carmignac so stolze Renditen erzielte. Das Risiko, das dabei aber auch mitschwang, blieb manchen Anlegern verborgen.

Ausserdem geht Carmignac ständig aufs Neue auch eine Wette mit seinen Mitarbeitern ein. Denn seinen Leuten lässt er, haben sie einmal sein Vertrauen gewonnen, einen überdurchschnittlichen Handlungsspielraum. Bis es allerdings so weit ist, muss sich ein jeder Mitarbeiter das Wohlwollen des Chefs regelrecht verdienen, wie es intern heisst. Und: Er sei manchmal auch sehr ungeduldig, bisweilen ungehalten, und tatsächlich manchmal etwas abgehoben, eingebildet, so dass er sich, wenn nicht für Gott, so doch für den Sonnenkönig hält. Doch er sei auch einer, der stets ein offenes Ohr habe für unterschiedlichste Interessen, sei dies für Fotografie, Literatur oder andere zeitlose Reflektionen, wie Agnès Séverin berichtet, eine ehemalige Journalistin, die erst seit ein paar Monaten für Edouard Carmignac arbeitet.

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Die Vielseitigkeit dieses Investment-Künstlers kommt nicht von ungefähr. Man wäre fast geneigt zu glauben, sie stecke in seiner DNA; aufgewachsen in Peru, wo sein Vater nach vollendeter Diplomatenkarriere ins Import- Export-Geschäft einsteigt, besucht er eine englische Schule, sodass er bis heute den meisten französischen Geschäftsleuten mit seinem Englisch hoch überlegen ist. Später studiert er Wirtschaftswissenschaften in Paris, absolviert ein MBA an der New Yorker Columbia Universität, bevor er in Manhattan eine Bankkarriere einschlägt. Nach mehreren Stationen bei diversen Finanzhäusern macht er sich Ende der Achtzigerjahre selbstständig.

Wie ernst er es mit seiner Unabhängigkeit nimmt, äussert sich nicht zuletzt darin, dass er einen Börsengang von Carmignac Gestion oder einen Verkauf des Unternehmens an eine Grossbank weit von sich weist. Selbst wenn das Carmignac, dem man ein privates Vermögen von mindestens 600 Millionen Euro zuschreibt und der 70 Prozent an der Firma hält, vollends zu einem der reichsten Franzosen machen würde.

Doch der schnöde Mammon scheint ihn tatsächlich nie interessiert zu haben, dafür aber die Unabhängigkeit, die es ihm ermöglicht, an der noblen Place Vendôme in Paris zu logieren und dort ein Büro zu unterhalten, das dem Zimmer eines verwöhnten Teenagers ähnelt. Am Boden zerstreut liegen Power-Point-Präsentationen und seine Leiblektüre «Financial Times» sowie «Le Monde»; auf dem Cheminée-Sims stapeln sich die Weihnachtskarten, als ob er an deren Menge seine Popularität messen möchte. Dass seine beiden PC-Bildschirme am Arbeitsplatz ausgeschaltet sind, erstaunt ein wenig für einen Finanzmann. Doch genauso ungewöhnlich wirkt der Stapel an literarischen Neuerscheinungen aus Frankreich, der sich auf einem kleinen Abstelltischchen aufgetürmt hat.

Schnell mal nach Macao

Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis von Edouard Carmignac: Dass er stets offen ist für mehr als nur nackte Zahlen. Eher scheint der charmante Franzose ständig auf der Suche nach neuen Ideen und Veränderungen zu sein. Dafür fliegt er schon mal rasch ins fernöstliche Spielerparadies von Macao, wo er sich vor Ort ein Bild der florierenden Gaming-Industrie macht. Eine neue Investitionsidee? Ein anderes Mal wandert er durch die Reisfelder von Chiang Mai, um sich das Wachstumspotenzial der Schwellenländer ausserhalb von Brasilien, China, Russland und Indien zu vergegenwärtigen. So besehen glaubt man ihm durchaus, wenn er behauptet, Investieren sei weder Wissenschaft noch Kunst, sondern zu 85 Prozent harte Arbeit, bloss der Rest noch ein wenig Intuition.

Edouard Carmignac als Klumpenrisiko? Dessen ist er sich durchaus bewusst, wie er gesteht. Darum hat er bereits seine Tochter Maxime nachgezogen, die einen eigenen Fonds für alternative Anlagen leitet. Auch der jüngste Sohn, Hugues, der noch die Handelsschule besucht, könnte dereinst in die Fussstapfen des Vaters treten. Die andere Tochter, Lucrèce, eher weniger, sie ist Schauspielerin; der Kultur zugewandt ist auch der älteste Sohn Charles, als Lead-Gitarrist der Multi-Kulti-Pop-Band Morairty, die der Vater ebenfalls gelegentlich für seine Anlässe bucht.

«Natürlich», sagt Edouard Carmignac nach längerem Blick durchs Fenster auf die Place Vendôme, «mein Rücktritt würde schon etwas auslösen. Doch vorläufig ist es noch nicht so weit.» Eher wird er noch für ein paar Überraschungen gut sein. Wie jetzt, da alle Welt nach Osten, nach China blickt, schwört Carmignac auf die USA: Er ist überzeugt, dass die US-Wirtschaft wieder an Fahrt gewinnen wird und der Dollar in diesem Jahr ein enormes Potenzial hat. Chiche! - die Wette gilt - , wie die Franzosen sagen, und selbst wenn Carmignac für einmal falsch läge, wäre dies nicht schlimm. Es nähme ihm endlich den Nimbus des Unfehlbaren.