PHARMA. Das war eine unangenehme Entscheidung für Bayer. Unlängst teilte der Chemie- und Pharmakonzern mit, die Vermarktung des bei Herzoperationen verwendeten Medikaments Trasylol auszusetzen. Bei einer Studie in Kanada war eine erhöhte Sterblichkeit festgestellt worden – die Testreihe an Patienten wurde daraufhin abgesetzt. Die Entscheidung ist schmerzhaft: In den ersten neun Monaten dieses Jahres hat Bayer mit Trasylol 93 Mio Euro umgesetzt.

Dass Medikamente oder Arzneimittelkandidaten durchfallen, ist nichts Ungewöhnliches. Elia Napolitano, Pharmaexperte der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young: «Das ist ein Teil des Spiels.» Doch die Häufigkeit, mit der Pharmafirmen in jüngerer Zeit einen Rückzieher machen mussten, ist auffällig. Volker Fitzner, Partner von PricewaterhouseCoopers (PwC): «Die Erfolgsquote ist niedriger, als von den Unternehmen und dem Markt erwartet worden ist.» So hat Novartis in den USA den Verkauf von Zelnorm, einem Mittel zur Behandlung des Reizdarmsyndroms, eingestellt. Neben solch unerwarteten Rückschlägen haben die Pharmakonzerne auch verstärkt mit dem Auslaufen wichtiger Patente zu kämpfen. Damit wird der Weg frei für die Generikahersteller. Die machen den forschenden Konzernen mit ihren billigeren Produkten Marktanteile und Umsatz streitig. Und das Problem der forschenden Pharmafirmen ist, dass sie die auslaufenden Patente oft nicht kompensieren können. Und nebst diesen Marktrisiken steigen auch die Ausgaben. Kostete die Entwicklung eines Medikaments Anfang der 90er Jahre noch im Schnitt 170 Mio Dollar, fallen dafür heute bis zu 800 Mio an. Hinzu kommt, dass der Trend zur individualisierten Medizin geht. Medikamente werden immer exakter auf bestimmte Krankheiten zugeschnitten, und damit wird der Blockbuster mit Milliardenumsätzen seltener. All dies hinterlässt seine Spuren in den Bilanzen und Kursen der Pharmariesen. So lagen die operativen Gewinnmargen bei US-Pharmafirmen Ende der 90er Jahre noch bei 27% – derzeit erreichen sie 25%. Den Hauptgrund für die Schwierigkeiten der Pharmakonzerne sieht Fitzner insbesondere in der unzureichenden Effizienz von deren Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten, die in den letzten Jahren deutlich nachgelassen hätten. Das heilsame Rezept für die kränkelnden Branchengrössen sind Übernahmen. Andreas Heffels, Pharmaexperte der IKB Deutsche Industriebank, hält Grösse in der Pharmaindustrie jedenfalls für das entscheidende Kriterium, um dem Kostendruck und den regulatorischen Anforderungen standhalten zu können. Fitzner: «Vor allem die europäischen Pharmakonzerne versuchen, durch Zukäufe die für den globalen Wettbewerb erforderliche kritische Grösse zu erreichen. Die Konsolidierung wird sich 2008 fortsetzen, wobei wir auch Mega-Merger nicht ausschliessen.» Seit Längerem spekulieren Analysten nun, ob Bristol-Myers Squibb von SanofiAventis übernommen wird. Auch ein Kauf von Bayer durch Novartis wurde an der Börse schon erwogen.