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Hausbau: Nullenergie wird zum Thema

 

Ab 2020 sollen sich Neubauten selbst mit Energie versorgen. Zur Umsetzung feilen die Kantone noch an neuen Bauvorschriften.

Von Othmar Humm
am 05.06.2012

Nach dem Super-GAU von Fukushima folgte die rasche Neuausrichtung der schweizerischen Energiepolitik. Im April 2012 veröffentlichte der Bundesrat seine Energiestrategie 2050. Bundesrätin Doris Leuthard misst den Gebäuden eine entscheidende Rolle in der Energiewende bei: «Hier haben wir klar das grösste Potenzial an Reduktion des Gesamtenergieverbrauchs.» Nun arbeiten die Kantone mit Hochdruck an neuen Mustervorschriften (MuKEn), die ursprünglich erst für 2018 geplant waren. Dem Vernehmen nach sollen die revidierten Vorschriften bis 2014 umsetzungsreif sein. Bis diese in den kantonalen Bauvorschriften verankert sind, dauert es allerdings noch einige Jahre.

Ein im September 2011 von der Konferenz Kantonaler Energiedirektoren (EnDK) verabschiedeter Aktionsplan unterstreicht den Willen der Kantone, die nationale Energiepolitik mitzutragen. Das Ziel: Bereits Ende dieser Dekade sollen Neubauten ihren stark reduzierten Energiebedarf weitestgehend selber decken. Im Wortlaut heisst es: «Neue Gebäude versorgen sich ganzjährig möglichst selbst mit Wärmeenergie und zu einem angemessenen Anteil mit Elektrizität.» Auf Neudeutsch spricht man von Nearly Zero Energy Buildings (NZEB). In der Regel bezieht sich die Null auf das Resultat einer jährlichen Energiebilanz. Sprich: Das Gebäude kann im Schnitt gleich viel Energie produzieren, wie es verbraucht – eingerechnet werden Heizung, Warmwasser, Lüftung und Kühlung. Der im Haushalt benötigte Strom wird üblicherweise nicht berücksichtigt.

Mit solchen Nullenergiehäusern liegt die Schweiz im europäischen Trend. In Grossbritannien hegte die Regierung bereits 2006 Ambitionen für Zero-Carbon-Standards ab 2016. Mit dem Vorhaben, Neubauten eine ausgeglichene CO2-Bilanz zu verordnen, waren die Briten Vorreiter. Mittlerweile hat die EU nachgezogen. Seit 2010 ist eine Gebäuderichtlinie in Kraft, deren nationale Umsetzung von allen Mitgliedstaaten gefordert wird. Danach sollen ab 2020 Neubauten in der EU «fast null Energie» benötigen.

Zertifizierte Nullenergiegebäude

Wie sehen Neubauten in zehn Jahren aus? Die künftigen kantonalen Bauvorschriften werden wohl zwei Arten von Häusern erfüllen: Mit Wärmepumpen beheizte Gebäude mit Strom aus eigenen Photovoltaikanlagen einerseits sowie holzbeheizte Bauten mit Sonnenkollektoren für Warmwasser und als Heizungsunterstützung auf der anderen Seite. In beiden Fällen wird der Aufwand für Raumwärme, Wassererwärmung und Lufterneuerung mittels Komfortlüftung sowie allenfalls Klimatisierung vollständig durch erneuerbare Energien abgedeckt – also durch Sonnenenergie und Biomasse, durch Erdwärme und Wärme aus Aussenluft. Minergie hat diese beiden Varianten mit seinem im März 2011 vorgestellten ­A-Standard vorgezeichnet. 16 Minergie-­­A-Häuser wurden seitdem zertifiziert. Professor Armin Binz, Leiter der Minergie Agentur Bau, kommentiert: «Wie schon so oft macht die EU eine Vorschrift, und die Schweiz setzt sie als Erste um.»

Ein zertifiziertes Nullenergiegebäude steht im bündnerischen Zernez. Der aus regionalem Baustoff erstellte Holzbau nutzt Solarenergie und Biomasse. Eine Sonnenkollektoranlage – zum Teil integriert in die Südfassade – produziert Wärme für Warmwasser und Heizung und deckt damit den grössten Teil der im Gebäude benötigten Energie ab. An schattigen Tagen steht eine Holzfeuerung als Heizungsunterstützung zur Verfügung. Zusätzlich ist auf dem Gebäude eine Photovoltaikanlage installiert, die einen Teil des im Einfamilienhaus verbrauchten Stroms liefert.

In grösserem Massstab denken die Planer des City Parks in Sursee. Die gesamte Neubausiedlung ist im Nullenergiestandard geplant. Minergie hat das Projekt bereits provisorisch mit dem Minergie-A-Zertifikat ausgezeichnet. Für die Erzeugung von Wärme und Kälte kann Energie aus dem Grundwasser genutzt werden. Wärmepumpen bringen die Umweltwärme auf nutzbare Temperaturen für Warmwasser und Heizung. Dafür benötigen sie Strom. Diesen produzieren Photovoltaikanlagen auf den Hausdächern; genug, um den Bedarf der Wärmepumpen zu decken – zumindest im Jahresmittel. Im Sommer produzierte Überschüsse werden ins Stromnetz eingespeist und gleichen Engpässe im Winter aus.

Beiden Objekten gemeinsam ist eine Wärmedämmung nahe an Passivhausqualität. Denn: Wirtschaftlich ist es sinnvoll, den Wärmebedarf und somit die benötigte Fläche der Solaranlage zu reduzieren. Eine gute Dämmung ist günstiger als zusätzliche Quadratmeter Solarfläche. Bei grossen Mehrfamilienhäusern lässt sich die Nullbilanz jedoch auch mit bester Dämmung nur schwer erreichen. Die solare Nutzfläche ist im Verhältnis zur Anzahl der Bewohner oftmals zu gering. Einen Ausweg bietet die Wärmekraftkopplung, deren Beitrag zur Versorgungssicherheit Doris Leuthard bei der Vorstellung der Energiestrategie 2050 hervorgehoben hat. Blockheizkraftwerke, die gleichzeitig Wärme und Strom erzeugen, sollen vermehrt im Wohnbau eingesetzt werden. Wird die Technologie in Zukunft für die Versorgung einzelner Gebäude ­optimiert und mit Biomasse betrieben, ­reduziert sich der Energieverbrauch nochmals gegenüber Objekten mit reinen Holzheizungen.

Noch weiter vom Effizienzpfad entfernt als Neubauten liegen bestehende Häuser. Einzelne Kantone haben die Einführung einer Sanierungspflicht geprüft – und verworfen. Mehr Chancen dürfte eine weitere Intensivierung von Anreizen haben.

 

Wärmeerzeugung: Ab 2050 ohne ­fossile Brennstoffe

Vorschriften
Die neuen Mustervorschriften der Kantone (MuKEn) beschäftigen sich mit dem Gebäudebestand. So werden ab 2015 Elektroheizungen und Elektroboiler endgültig verboten und müssen im Laufe einer Übergangsfrist in allen Gebäuden ersetzt werden. Ab 2020 ist die Wassererwärmung im Zuge wesentlicher Sanierungen auch in Altbauten grösstenteils auf erneuerbare Energien umzustellen. Bei öffentlichen Bauten wollen die Kantone eine Vorbildfunktion wahrnehmen. Das langfristige Ziel: Ab 2050 soll die Wärmeversorgung der in Kantonsbesitz befindlichen Gebäude frei von fossilen Brennstoffen sein. Allerdings ­erlauben sich die Verwaltungen eine Kompensation allfälliger fossiler ­Anteile innerhalb ihrer Kantonsgrenzen. Auch 20 Prozent des Stromverbrauches sollen mit Optimierungsmassnahmen eingespart oder durch neue kantonale Anlagen zur Nutzung ­erneuerbarer Energien ­gedeckt ­werden.

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