Die Chefvolkswirte der internationalen Grossbanken müssen in diesen Tagen immer wieder auf die gleiche Frage antworten. «Wann kommt die Inflation?», wollen Politiker und Sparer wissen. Denn Inflation, das ist eine gängige Meinung, wäre für hoch verschuldete Staaten die einfachste Lösung, ihre in der Krise aufgetürmten Schuldenberge abzubauen.

«Die USA, England, hoch verschuldete Euro-Länder - sie alle hätten gegen eine höhere Preissteigerungsrate wohl nichts einzuwenden», sagt der Ökonom Thomas Straubhaar vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). «Im schlimmsten Fall drohten in den kommenden Jahren bis zu 5% Inflation.»

Amerika weiss, wie es geht

Die USA haben sich schon einmal ihrer Staatsschulden mittels Inflation entledigt. 1946 betrug die amerikanische Staatsschuld 108,6% der Wirtschaftskraft des Landes. 2006 waren es nur noch 36% - und das trotz eines durchschnittlichen Haushaltsdefizits von 1,6%.

Nach einer Berechnung der Investmentbank Morgan Stanley haben die USA ihren Schuldenberg vor allem durch ein stärkeres «nominales Wirtschaftswachstum» abgebaut. Dahinter verbirgt sich das Wirtschaftswachstum, addiert um die Preissteigerung. Und Letztere spielte beim Abbau der Schulden eine entscheidende Rolle: 56% dieses «nominalen Wirtschaftswachstums» waren auf eine höhere Inflation zurückzuführen, nur der Rest auf reales Wirtschaftswachstum.

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Inflation von 4,7% wäre nötig

Die Forscher haben diese Daten grob auf den heutigen Schuldenstand der USA umgerechnet - und kommen zu erschreckenden Zahlen: Um bei einem ausgeglichenen Haushalt die Schuldenquote konstant zu halten, brauchten die USA eine Inflationsrate von immerhin 4,7%. Würden sie sich auch nur ein Haushaltsdefizit von 1,2% leisten, würde das gar 6,1% Inflation erfordern.

Experten fürchten, dass die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) durchaus eine Inflationsrate in dieser Grössenordnung zulassen könnte.

«Wenn das Wirtschaftswachstum stockt, kann der amerikanische Schuldenüberhang über mehrere Jahre lang einen Anstieg der Inflationsrate um rund fünf Prozentpunkte hervorrufen», warnen die US-Forscher Aizenman und Marion in einer Studie, in der sie sich ebenfalls mit dem Thema Schuldenabbau via Inflation beschäftigt haben.

Nicht mit Inflation flirten

In Europa könnten die Staaten nicht einfach die Notenpresse anwerfen, da die Europäische Zentralbank über die Geldstabilität der Euro-Staaten wacht. Allerdings hat die EZB bei der Griechenland-Rettung gerade erst gezeigt, dass sie im Ernstfall bereit ist, im grossen Stil Staatsanleihen zu kaufen.

Allerdings wäre eine gewollte Inflationsrate von 4 bis 6% ein Spiel mit dem Feuer: Die Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass der Satz von Bundesbank-Präsident Otmar Emminger: «Wer mit der Inflation flirtet, wird von ihr geheiratet», stimmt. Auch bei vergleichsweise noch moderaten Teuerungsraten von 5 bis 6% steigt das Risiko von plötzlichen und unerwarteten Inflationsschüben erheblich, schreiben Aizenman und Marion. Zudem wäre das Risiko gross, dass ausländische Investoren das Vertrauen in den Euro vollends verlieren. Für Unternehmen wiederum würde die langfristige Investitionsplanung erschwert. Und der Sparer wäre frustriert. Denn Inflation ist gleich Wertverlust bei der Geldanlage.

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«Eine Inflationsrate von 4 oder 5% würde die Probleme in Europa nicht lösen, aber enorme wirtschaftspolitische Kosten verursachen», sagt der Finanzwissenschafter Kai Konrad. Der Weg, über harte Sparprogramme die Staatshaushalte wieder in Ordnung zu bringen, sei zwar lang. Aber er wäre wirtschaftlich der nachhaltigere.