Die SIX Group hält eine halbe Milliarde Franken Cash in der Bilanz. Was macht der Chef mit so viel Geld?
Urs Rüegsegger: Wir sind regulatorisch verpflichtet, über eine hohe Kapitalisierung zu verfügen, denn die SIX spielt eine bedeutende Rolle im Risikomanagement für den Finanzplatz Schweiz. Daneben benötigen wir natürlich Kapital für unsere Internationalisierungsstrategie. Wir wollen damit organisches Wachstum finanzieren. Anderseits prüfen wir auch laufend sinnvolle Übernahmeobjekte.

Kürzlich taten Sie aber etwas anderes. Sie entliessen im Kartengeschäft Mitarbeiter. Angesichts voller Kassen ist das schwer verständlich.
Wir haben im Kartengeschäft 41 Entlassungen ausgesprochen, davon 11 in Deutschland. Dort mussten wir den Vermarktungsaufwand für ein Produkt reduzieren, das für den Zahlungsverkehr grosser Detailhandelsketten bestimmt war, aber auf wenig Nachfrage stiess.

Und die anderen dreissig Kündigungen?
Die fallen in der Schweiz an. Wir spüren die Auswirkungen des schwierigen wirtschaftlichen Umfeldes, so beispielsweise den Rückgang des Tourismus und damit den Rückgang von Kartentransaktionen. Auch hat uns der starke Franken zu schaffen gemacht. Entsprechend sind unsere Erträge in gewissen Bereichen des Kartengeschäftes weniger stark gestiegen als ursprünglich geplant. Zudem haben wir das Kartengeschäft in Österreich auf dieselbe Plattform wie das schweizerische migriert. Dieses dreijährige Projekt beanspruchte relativ viel personelle Ressourcen. Diese können auch nicht anderweitig eingesetzt werden, weil die Expansion des Kartengeschäfts weniger rasch wächst als von uns erwartet.

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Ihre Wachstumshoffnungen im Kartengeschäft sind geplatzt?
Keineswegs. Wir haben einen hohen Kostenblock aufgebaut, den wir aufgrund des schwierigen Umfeldes wieder abbauen müssen. Aber die Wachstumsperspektiven sind grundsätzlich intakt, entsprechend sehen wir keinen Grund, von den strategischen Zielen abzuweichen.

Nochmals, warum war der Stellenabbau so dringlich?
Kostendisziplin ist im heutigen Umfeld entscheidend. Dank grossen Anstrengungen in diesem Bereich wird das operative Ergebnis der Gruppe 2011 wohl im Rahmen der Vorjahreswerte ausfallen. Aber 2012 macht uns Sorgen. Der Bereinigungsprozess in der Finanzindustrie geht weiter, und aufseiten der Konjunktur ist mit einem gewissen Rückgang zu rechnen. Was nicht heisst, dass wir unsere Pläne kurzfristig ändern. Im Kartengeschäft halten wir an unserer Inter-nationalisierungsstrategie fest. In Österreich und Luxemburg sind wir inzwischen die Nummer eins in der Kartenverarbeitung.

Grösse ist nicht unproblematisch. Im Schweizer Kartengeschäft hält die SIX einen Marktanteil von rund 70 Prozent. Die Schweizerische Wettbewerbskommission Weko hat die Gruppe schon mit einer Busse belegt.
In einem Fall verklagte uns ein Terminalhersteller, weil wir eine selbstentwickelte Technologie zuerst nur auf den von uns aufgestellten Terminals ausgerollt haben. Wir wurden deswegen Ende 2010 zur Zahlung einer Busse verurteilt. Wir zogen den Entscheid nun aber an das Bundesverwaltungsgericht weiter. Es gibt Spielregeln bei einer marktdominierenden Position. Wir sind der Auffassung, uns daran gehalten zu haben.

Aber auch sonst ist SIX auf dem Radar der Wettbewerbshüter.
Die Weko untersucht die Höhe der sogenannten Interchange-Gebühr. Diese zahlt ein Detailhandelsunternehmen – über die SIX als Acquirer – an die Bank, welche die Kreditkarten herausgibt. Die Höhe dieser Gebühr ist nun seit längerem Untersuchungsgegenstand bei der Weko. Die Behörde will von allen Beteiligten wissen, in welchem Zeitraum die Interchange-Gebühren bei Kreditkarten auf ein mit Europa vergleichbares Niveau gesenkt werden können.

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Und wenn sich keine Einigung erzielen lässt?
Das wäre dann Sache der Weko, das weitere Vorgehen zu bestimmen. Gestützt darauf müsste sich SIX dann überlegen, wie sie diese Vorgabe sinnvoll umsetzen kann.

Eine Variante wäre, das Kartengeschäft zu verkaufen. Stehen Sie in Gesprächen?
Nein, obschon Finanzinvestoren regelmässig Interesse bekunden. Wir wurden schon vor zwei Jahren von der Branche angegangen, als eine grosse internationale Bank ihr Kartengeschäft veräusserte. Damals haben uns Private-Equity-Firmen gefragt, ob wir unser Geschäft mit jenem der Bank zusammenlegen und uns am neuen Unternehmen mit einer Minderheit beteiligen wollen.

Warum haben Sie abgelehnt?
Unser Verwaltungsrat hat entschieden, die Kontrolle über das Kartengeschäft zu behalten.

Die Banken als Eigner der SIX waren also dagegen.
Das Geschäft ist sehr sensibel. Wenn eine Schweizer Bank ihren Private-Banking-Kunden Kreditkarten verkauft, spielt es eine erhebliche Rolle, wer diese Daten verarbeitet und wo das geschieht. Strategische Überlegungen gibt es auch im Breitenmarkt. Weil die Bank immer weniger physisch mit dem Kunden in Kontakt tritt, kommt den Karten eine umso grössere Bedeutung zu. Zudem glauben wir auch, dass das Potenzial von Plastikgeld in der Schweiz noch lange nicht ausgeschöpft ist.

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Dann müssten Sie eigentlich zukaufen?
Derzeit gelangt praktisch alle drei Wochen ein Angebot auf meinen Tisch. Wir schauen uns die Objekte an, bislang ist aber nichts darunter, das in unsere Strategie passen würde.

Während Sie im Kartengeschäft zukaufen wollen, haben Sie Ihre 50-Prozent-Beteiligung an der Derivatebörse Eurex an die Deutsche Börse verkauft. Sind Sie sich mittlerweile reuig – immerhin war Eurex ihr margenstärkstes Geschäft?
Bei der Eurex sind wir immer mehr in die Position eines Juniorpartners hineingeraten. Der Kooperationsvertrag lief 2014 aus und hätte somit neu verhandelt werden müssen. Der Gewinnverteilungsschlüssel hätte sich dann womöglich zu unseren Ungunsten verschoben. Wir haben die Fusion von Deutscher Böse und Nyse Euronext genutzt, um auszusteigen. Wir lösten einen guten Preis – je 295 Millionen Euro in bar und in Aktien. Doch es ist natürlich bedauerlich, dass wir damit auch unser margenstärkstes Geschäft verlieren.

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Wie bedauerlich in Zahlen?
Wir verlieren mit der Eurex etwa einen Drittel bis 40 Prozent des gruppenweiten Betriebsertrags auf Stufe Ebit. Das können wir nicht kurzfristig kompensieren.

Das ist ja dramatisch!
Der Ausfall war uns bewusst, als wir die Eurex verkauften.

Sie erhalten die Hälfte des Verkaufspreises in Aktien der fusionierten Börsen. Damit gehen Sie doch ein Kursrisiko ein?
Sowohl die Anzahl Aktien als auch der Kurs wurden beim Verkauf fixiert. Später besteht auf diesen Werten tatsächlich ein Kursrisiko – aber auch die Chance auf Kursgewinne.

Derzeit sieht es eher nach Risiko aus. Die EU-Wettbewerbskommission verzögert die Fusion von Deutscher Börse und Nyse Euronext. Wenn Unternehmensteile verkauft werden müssten, wären Ihre Aktien weniger wert.
Das ist theoretisch möglich. Abzuwarten bleibt, wie gross die Konzessionen sind, die die Kartellbehörden von Deutscher Börse und Nyse Euronext verlangen. Die beiden Partner machten von Anfang an deutlich, bei zu starken Auflagen die Fusion abzublasen. Aber unserer Meinung nach sind die Chancen sehr hoch, dass die Transaktion zustande kommt.

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Haben Sie einen Plan B in der Schublade?
Nein, wir verkaufen die Eurex so oder so an die Deutsche Börse. Sollte die Fusion platzen, bleibt SIX Aktionärin der Deutschen Börse.

Nach dem Verkauf von Eurex unterhält die SIX Group noch zwei Joint Ventures mit der Deutschen Börse: Den Index-Anbieter Stoxx und die Börse Scoach für strukturierte Produkte. Was geschieht dort?
Die Kooperation im Bereich der beiden Joint Ventures verläuft sehr zu unserer Zufriedenheit. Wir sehen darin für die Zukunft interessante Opportunitäten. Die Gespräche mit der Deutschen Börse, was mit den Joint Ventures geschieht, laufen demnächst an. Zuerst will die Deutsche Börse den Deal mit Nyse Euronext über die Bühne bringen. Die SIX Group ist nach wie vor überzeugt, dass der Zusammenschluss der beiden grossen Börsen für die beiden Joint Ventures viele Chancen bietet. So hat zum Beispiel auch Euronext eine Handelsplattform für strukturierte Produkte, die man mit Scoach zusammenlegen könnte.

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Mit dem Verkauf von Eurex gibt es keine Schweizer Derivatebörse mehr. Werden Sie hier eine neue Plattform gründen?
Eurex Zürich bleibt während mindestens drei Jahren als Schweizer Derivatebörse bestehen. Grundsätzlich ist aber denkbar, dass die SIX Group wieder in das Geschäft einsteigen wird.

Neugründungen von Börsen sind heute die Ausnahme. Eher gewinnt man den Eindruck, die Handelsplattformen seien eine aussterbende Spezies.
Nein, überhaupt nicht. Der Börsenbetrieb ist nach wie vor ein margenstarkes Geschäft – nach dem Verkauf der Eurex ist die Schweizer Börse SIX Swiss Exchange unser rentabelstes Standbein. Und es ist nicht so, dass nur die Börsenlandschaft in Bewegung ist, sondern auch das gesamte Wertschriftengeschäft über die ganze Wertschöpfungskette hinweg. Daher wurde Anfang 2008 die SIX Group gegründet, denn wir wollten die gesamte Finanzmarktstruktur integriert betrachten. Wir zielten dabei auf den Aufbau eines breiten Portefeuilles, um wegbrechende Erträge zu kompensieren.

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An schwindenden Erträgen sind nicht zuletzt die alternativen Handelsplatt-formen wie Chi-X schuld. Mit ihren tiefen Gebühren haben sie die Margen im Börsengeschäft schmelzen lassen. Wie reagiert SIX?
Wir haben unsere Gebühren in den letzten drei Jahren substanziell gesenkt. Unser Marktanteil im Handel mit SMI-Aktien, der einst 90 Prozent betragen hatte, hat sich nun bei 70 Prozent stabilisiert. Es steht jedoch ausser Frage, dass der ganze Markt Kosten senken muss. Wohlgemerkt: Auch die alternativen Plattformen tun sich schwer damit, einen positiven Cashflow zu erarbeiten. Darum sehen wir in diesem Bereich nun vermehrt Zusammenschlüsse.

Die Londoner Börse reintegriert Turquoise. Bats und Chi-X wollen zusammenspannen. Kommt die SIX zu spät bei dieser Konsolidierung?
Nein. Viele dieser neuen Plattformen sind gekommen und wieder verschwunden. Wir haben uns das erspart. Das Einzige, was man uns vorwerfen kann, ist, dass wir zu lange zögerten, mit tieferen Gebühren auf diese Konkurrenz zu reagieren.

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Doch offenbar sind die Gebühren noch immer nicht tief genug. Warum sonst läuft so viel Handel an den Börsen vorbei?
Stimmt, der ausserbörsliche Handel hat zugenommen. Unsere Kritik an diesem Trend ist, dass jene Trades eigentlich über ein transparentes Orderbuch laufen müssten. Von allen Seiten wird am Geschäft der regulierten Plattformen geknabbert.

Sie kritisieren diese Modelle. Doch selber hat SIX mit Liquidnet jüngst einen neuen «dark pool» lanciert, wo grosse Pakete unter Ausschluss des Publikums gehandelt werden.
Bei den von aussen nicht einsehbaren «dark pools» geht es darum, dass der breite Markt bei Grosstransaktionen nicht Trittbrett fahren kann. Das ist eine legitime Forderung. Zumal die Nachhandelstransparenz auf einer regulierten Plattform, wie die unsrige eine ist, gewährleistet ist. Wir beobachten aber, dass zunehmend auch kleinere Trasansaktionen über «dark pools» laufen. Damit hebeln gerade auch Investmentbanken die Prinzipien des transparenten Handels aus.

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Eigner der SIX wie UBS und Credit Suisse sind ebenfalls im Investment Banking tätig. Die Börse hat in diesem Abwehrkampf doch einen weiteren Interessenkonflikt?
Auch die Banken haben einen solchen Konflikt. Immerhin haben die G-20-Länder gefordert, dass das ausserbörsliche Geschäft besser reguliert und wenn immer möglich über zentrale Gegenparteien abgewickelt werden muss. Dies, um die Liquidität und die Transparenz in diesen Märkten zu verbessern. Diese Forderungen sind eine grosse Chance für uns, da wir über die nötige Erfahrung und Infrastruktur verfügen.

Doch im ausserbörslichen Handel mit CDS-Kreditderivaten etwa wurde die Plattform von Eurex eiskalt boykottiert. Die einzige funktionierende Clearing-Stelle steht dort unter dem Einfluss der Banken.
Das trifft für den CDS-Bereich zu. Bei der Lancierung von Eurex Clearing hat sich die Derivatebörse Eurex gegen die Einflussnahme der Marktteilnehmer gesperrt – sie offerierte den Banken weder Verwaltungsratsitze noch die Mitbestimmung beim preisbestimmenden Risikomodell. Konkurrentin ICE war in dieser Hinsicht grosszügiger und ist heute der wichtigste Anbieter.

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Im Nachhandelsbereich bereitet Ihnen noch eine weitere Entwicklung Kopf-zerbrechen. Die Europäische Zentralbank (EZB) möchte mit dem Projekt «target to security» eine europaweite Plattform für das Settlement von grenzüberschreitenden Transaktionen schaffen. Doch ausgerechnet die Schweizerische Nationalbank (SNB) sperrt sich: Sie will keine Franken-Transaktionen über diese Drehscheibe laufen lassen. Wird die Schweiz ins Abseits gedrängt?
Die EZB will eine einzige Settlement-Plattform für alle in Euro denominierten Titel aufbauen. Dies würde zwar helfen, massiv Gebühren zu sparen. Doch die Schweizerische Nationalbank müsste einen Teil ihrer Währung in dieses System einbringen und einen entsprechenden Vertrag unterzeichnen. Wie andere Notenbanken ausserhalb der Euro-Zone hat die Nationalbank bisher davon abgesehen, weil sie in ihrer Währungspolitik unabhängig bleiben will.

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Hat die Schweiz denn eine Wahl? Europa könnte drohen, unseren Finanzmarkt trockenzulegen.
Nein, es gibt zwei weitere Möglichkeiten für uns. Entweder, wir schliessen uns nur für das Settlement von in Euro denominierten Transaktionen an. Oder wir gründen im Euro-Raum einen Verwahrer wie die heutige SIX SIS. Dieser müsste dann nicht als Schweizer Einheit unter Schweizer Regulierung einen Vertrag abschliessen. Dies wäre eine attraktive Lösung, denn damit müsste nicht jede Regelung der EZB hierzulande übernommen werden.

Zum Beispiel, dass die EZB allenfalls Einblick in einzelne Transaktionen bekäme. Das passt den Eigentümern der SIX, den Schweizer Banken, überhaupt nicht.
Das ist mit ein Grund, der für die zwei genannten Alternativen spricht. Wir halten uns derzeit alle Optionen offen. Nächstes Jahr muss aber ein Entscheid fallen – sofern «target to security» wirklich nach Plan umgesetzt wird. Es ist wiederholt zu Verschiebungen gekommen.

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Das Projekt ist also ein Papiertiger?
Einige Beobachter sehen das so. Doch danach sollte man nicht planen.

Apropos: Gemäss dem Masterplan sollte der Schweizer Finanzplatz bis im Jahr 2015 weltweit mindestens den dritten Platz belegen. Die Finanzmarktholding SIX ist ein wichtiger Pfeiler dieser Ambitionen. Angesichts der jetzigen Krise wird daraus wohl nichts.
Dieses Ziel wurde 2007 gesteckt. Im heutigen Licht besehen, erscheint es eher ambitiös. Unsere Aufgabe besteht aber weiter darin, die Teilnehmer des Schweizer Finanzplatzes so zu unterstützen, dass sie wettbewerbsfähig sind. Und solange wir eine eigene Währung haben und eigenen Gesetzen folgen, so lange ist es aus Sicht der Schweiz auch sinnvoll, eine eigene Finanzinfrastruktur zu unterhalten.

Aber der Franken wurde an den Euro gebunden, und das Bankgeheimnis ist faktisch gefallen. Das stellt doch diese Vision in Frage?
Die Frage ist, wie der Finanzplatz sich in Zukunft differenziert. Das kann meiner Meinung nach nicht mehr über spezielle Steuerkonstrukte erfolgen, sondern über Leistung und den Willen, auch in regulatorischen Dingen seine Eigenständigkeit zu behalten. Das ist sicher auch mit Kosten verbunden. Aber auf Finanzebene zum EU-Mitglied zu werden, ist sicher nicht der richtige Weg.

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Weil die Schweiz dann keine eigene Börse mehr brauchte?
Über diese Frage lässt sich diskutieren. Aus unserer Optik ist eine eigenständige Börse für den Finanzplatz Schweiz zentral. Daneben zählen wir weitere Elemente zum Kern der Infrastruktur wie etwa das Clearing, die Verwahrung oder den Repomarkt. Um im Bereich der Technologie von Grösseneffekten zu profitieren, stehen auch andere Wege offen. So etwa der Einkauf einer Plattform oder die strategische Partnerschaft mit einem Anbieter von Plattformen. Damit kann der Kontrollanspruch aufrechterhalten werden