Vor gut einem Jahr sorgten Sie mit einer konträren Meinung für Aufsehen – im ­Gegensatz zu den meisten Kollegen erwarteten Sie damals einen schwächeren ­Franken. Es kam dann zuerst anders, oder?

Bruno Gisler: Stimmt, von Mai bis September letzten Jahres musste die Schweizerische Nationalbank über 150 Milliarden Franken aufwenden, um unsere Währung zu schwächen. Schliesslich kam die Europäische Zentralbank aber meiner Voraussage mit dem Versprechen zu Hilfe, wenn nötig unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten aufzukaufen. Seither hat sich die Lage deutlich beruhigt.

Der Euro gewinnt gegenüber dem Franken und vor allem gegen Dollar und Yen an Boden. Wird die Europäische Zentralbank bei ihrem nächsten Zinsentscheid Gegensteuer geben?

Gisler:
Nicht wenige Beobachter erwarten, dass die Zentralbank den Leitzins senkt. Denn schon stöhnen die Exporteure der Euro-Zone unter der Aufwertung des Euro. Schätzungen zufolge schmälert eine Zunahme des Euro-Kurses um 10 Prozent das europäische Bruttoinlandprodukt um 0,5 Prozent. Das kann sich die Staatengemeinschaft im derzeitigen Wirtschaftsumfeld überhaupt nicht leisten – wir gehen in unseren Berechnungen davon aus, dass die Wirtschaft Europas dieses Jahr gar schrumpfen wird.

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Trotzdem reissen sich die Anleger um europäische Anlagen. Wieso?
Sogar griechische Staatsanleihen sind wieder gefragt! Den Grund dafür sehe ich im Anlagenotstand respektive in der Jagd des Marktes nach Rendite. Einige europäische Anlagen sind noch nicht heiss gelaufen. Da sehen die Investoren Aufholchancen – und kaufen beinahe ­bedenkenlos zu.

Rächt sich das noch?
Die Schwankungen in den Aktienkursen sind so gering wie zuletzt im Jahr 2007. Das zeigt eindrücklich, wie sorglos die Anleger bereits wieder sind. Sie nehmen für etwas mehr Rendite mehr Risiko in Kauf und entfernen sich damit von ­ihrem angestammten Profil. Wenn dann etwas schiefgeht, kann dies zu Massenverkäufen führen – die Folge sind Kursstürze.

Es sind nicht nur die Aktien, die massiv zulegen. Auch andere risikoreiche Papiere wie hochverzinsliche Anleihen haussieren. Bildet sich da eine Blase?
Bezüglich amerikanischer Hochverzinslicher bewegt sich das Risiko­appetitbarometer der Credit Suisse schon im Bereich der Euphorie.

Was sind die Folgen?
Das lässt erwarten, dass später eine Normalisierung stattfinden wird – wann und wie heftig, das steht noch aus.

Überall scheint Gefahr zu lauern. Gibt es in einem solchen Umfeld noch Renditechancen?
Trotz allem führt gegenwärtig kein Weg an Aktien vorbei. Wir rechnen damit, dass die Tiefzinspolitik der Notenbanken dieses Jahr noch anhält. Allerdings steigt diesbezüglich die Unsicherheit. In einem solchen Umfeld schneiden Realwerte wie Aktien deutlich besser ab als Nominalwerte wie Anleihen.

Auf welche Titel setzen Sie?
Wir bevorzugen Aktien von ­Unternehmen mit Preismacht, intakten ­Wachstumschancen, solider Bilanz, guter Dividendenrendite und grossen Umsatzanteilen ausserhalb Europas.

Passt dieses Raster auch auf hiesige Werte?
Zu nennen sind etwa die Schweizer Luxusgüterwerte Swatch und Richemont und der Nahrungsmittelhersteller Nestlé. Diese Titel sind allerdings auf dem heutigen Kursniveau schon üppig ­bewertet. Im Finanzbereich setzen wir auf ­Versicherungen wie Zürich, Swiss Re und Helvetia.

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Und was raten Sie Anlegern, die ihr Vermögen in Sicherheit bringen wollen?
Da habe ich schlechte Nachrichten. Leider können sich Investoren heute nirgends mehr verstecken.