Fussballbegeisterte kennen das Gefühl: Pfeift der Unparteiische zur Halbzeitpause, weicht die Anspannung der Erleichterung. Der Puls sinkt. Und die Hoffnung auf ein neues Glück steigt.

Ähnlich wie die Fans im Hexenkessel fühlten dieser Tage die Anleger im Börsenrund: Nach Wortmeldungen wie jener des US-Finanzministers Henry Paulson – «die Schuldenkrise ist mehr als zur Hälfte vorüber» – und mit Blick auf die besser als erwartet ausgefallenen Konjunkturmeldungen in Übersee schickten sie das Schreckgespenst einer US-Rezession zurück in den Schrank.

Hervorgeholt haben sie dagegen das Orderbuch. Weltweit werden wieder Aktien gekauft. Allein der schwer gewichtete Swiss Market Index (SMI) hat innert fünf Tagen knapp 2% zugelegt, gab aber zum Schluss einen Teil der Gewinne wieder ab.

«Kurzfristig überkauft»

Der plötzliche Optimismus hat auch gestandene Beobachter überrascht. Von einem «frappanten Stimmungswechsel» spricht etwa Claude Zehnder, Leiter der Bereiche Technik und Trading bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB). «Noch im März waren die Märkte überpessimistisch. Jetzt zeigen sich bereits erste Anzeichen von Sorglosigkeit.»

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Den Gemütsumschwung am Finanzmarkt belegen Stimmungs-indikatoren wie jene der American Association of Individual Investors (siehe Grafik) oder das Global-40 Stock Markets Model der Credit Suisse. Auf der Skala zwischen 1% (maximal pessimistisch) und 100% (maximal bullisch) zeigt dieses inzwischen 76% an. Und bei Julius Bär sagt Christian Gattiker, Head Research: «Das ist ein rechter Sprung, den wir gesehen haben.»

Doch leider macht die Schwalbe, trotz der Jahreszeit, noch keinen Frühling. «Kurzfristig sind die Märkte sicher überkauft», mahnt Gattiker. Und bei der ZKB blinken jetzt gar die Warnlampen. «Es kann nicht ewig so weitergehen», sagt dort Stratege Zehnder. Denn auf ähnliche Bewegungen seien in der Vergangenheit vielfach Korrekturen gefolgt. Für den Schweizer Markt rechnet er in den nächsten zwei bis drei Wochen mit Kursrückgängen bis zu 6%. Und noch in einer Sache sind sich die beiden Beobachter einig: Am Markt überwiegen immer noch die Unsicherheiten.

Dass diese bald wieder mit voller Wucht zum Vorschein kommen könnten, darauf verweist ein von hiesigen Investoren bisher freudig aufgenommenes Ereignis: Der Dollar hat gegenüber den europäischen Währungen wieder Boden gewonnen. Was aber nicht nur mit der Aussicht auf eine milde Rezessionsphase in den USA zu tun hat, sondern eben auch mit ersten Anzeichen einer stärkeren Abkühlung der Wirtschaft in der Eurozone. Und damit auch in der Schweiz, deren wichtigster Handelspartner die EU ist.

So haben die für zwölf Monate vorausgesagten Unternehmenserträge bereits zu sinken begonnen; entsprechend korrigieren auch immer mehr Analysten ihre Erwartungen nach unten. «Die Periode der Gewinnüberraschungen könnte zu Ende sein», resümiert Julius Bär. Bereits jetzt beginnen die trüberen Gewinnschätzungen auf die Kurse durchzuschlagen. Obwohl sich also schon wieder ein grösserer Dämpfer abzeichnet: Das jüngste Stimmungshoch wird trotzdem als gutes Zeichen gewertet. Denn wie die Morgenröte könnte sie einer grösseren Aufhellung am Aktienmarkt vorangehen. «Mit der Rückkehr von den absoluten Panikniveaus könnte mittelfristig der Boden zu einer nachhaltigen Erholung gelegt sein», sagt Aktienstratege Gattiker.

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Kurzfristig raten die Beobachter vor Zukäufen ab. Wer dennoch Positionen aufbauen wolle, soll wie bisher defensive Titel berücksichtigen, sagt Zehnder von der ZKB. Also nicht den jetzigen Highflyer Clariant, sondern Nestlé und Roche, aber auch Zykliker, die «in ihren Branchen zu den Besten gehören».

Gemäss der ZKB sind dies etwa Holcim, Geberit oder Adecco. Gegenüber Finanzwerten bleiben die Experten kritisch eingestellt. So wird bei Bankaktien zur Vorsicht geraten. Eher noch empfohlen werden dagegen Versicherer wie Zurich Financial Services.