Man kann ihm nicht vorwerfen, er scheue Konflikte. Nachdem sich Gary Gensler vor einigen Jahren mit Fondsmanagern angelegt hat, verursacht er heute Ärger bei Investmentbanken wie Goldman Sachs, die mit Milliarden von Dollar beim Rohstoffhandel mitspielen und satte Gewinne mit Spekulationen auf den Ölpreis erzielen. Gensler ist Chef der US-Aufsicht für Warenterminbörsen (CFTC) - und kritisiert die ungebremste Spekulation mit Rohstoffen. Am liebsten würde er den Handel mit Optionen und Derivaten eindämmen. Für die Banken würde eine wertvolle Geldquelle versiegen. Firmen und Verbraucher dagegen würden um Milliarden entlastet, da sie den Konjunktur-Schmierstoff Öl besser kalkulieren könnten.

Absurde Preiskapriolen beim Öl

Der Rohölpreis schlägt immer häufiger absurde Kapriolen. In der vergangenen Woche stieg der Preis für Rohöl der Sorte WTI bis auf 83.53 Dollar je Barrel (159 l), den höchsten Wert seit 15 Monaten. Das scheint zwar auf den ersten Blick nachvollziehbar, da der frostige Winter den Verbrauch erhöht. Doch der Bedarf für Heizöl macht nur einen kleinen Teil der Erdölnachfrage aus. Und das Angebot an Rohöl ist deutlich grösser als die Nachfrage. Angebot und Nachfrage scheinen also kaum noch Einfluss auf den Preis zu haben. Den machen inzwischen die Investoren am Kapitalmarkt.

Das sehen auch immer mehr Finanzexperten so, obwohl sie Spekulationen lange eher positiv bewerteten. Sie sorgten dafür, dass der Handel liquider und der Markt transparenter werde, hiess es, auf die Preise selbst hätten sie jedoch kaum Einfluss. Diese Sicht hat sich in den vergangenen Monaten drastisch gewandelt.

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Jochen Möbert, Analyst bei der Deutschen Bank, hat nachgerechnet. Er hat die Preisentwicklung und die Positionen sogenannter nicht kommerzieller Händler am Rohölmarkt seit Anfang der 90er-Jahre zueinander in Beziehung gesetzt. Als nicht kommerzielle Händler gelten alle, die nicht für den eigenen, tatsächlichen Bedarf handeln, also meist Hedge-Fonds, Pensionsfonds, Banken und so weiter. Das klare Ergebnis: «Ein Einfluss der Spekulanten ist nachweisbar», so Möbert.

Unterschiedliche Interessen

Neuere Finanzmarktmodelle sehen den Grund in den unterschiedlichen Interessen von kommerziellen Händlern und Spekulanten. Erstere überlegen beim Kauf eines Rohölkontraktes, ob der Preis dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage entspricht. Sie kennen den Markt genau, da sie Teil desselben sind. Spekulanten dagegen machen sich darum kaum Gedanken. Vielmehr müssen sie nur darauf hoffen, dass ihnen jemand später ihren Kontrakt zu einem höheren Preis abkauft. Gehen sie davon aus, dann kaufen sie Rohöl auch dann, wenn der Kurs eigentlich weit vom fairen Preis entfernt ist - und treiben so das Preisniveau nach oben.

Auch die US-Regulierungsbehörde CFTC erkennt inzwischen diese Marktverzerrung. «Ich glaube, wir müssen ernsthaft erwägen, strikte Grenzen für Handelspositionen am Energiemarkt einzuführen», sagte Gensler bereits im Juli 2009. Spekulative Anleger sollten nur noch so lange mitmischen dürfen, wie ihr Anteil am Handel bestimmte Grenzen nicht überschreitet. Bis zum Herbst sollten neue Limits eingeführt werden. Nichts jedoch ist passiert. Die Ungeduld vieler Marktbeobachter wächst. «Es ist einfach unglaublich, dass die Aufsichtsbehörde nichts unternimmt, obwohl sie das Problem identifiziert hat», ärgert sich Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank. «Der Markt rennt von einer Übertreibung in die nächste.»

Kampf gegen starke Gegner

Doch die CFTC kämpft gegen starke Gegner. Die Banken haben kein Interesse an einer Regulierung. Gerade der ehemalige Arbeitgeber von Gensler, Goldman Sachs, verdient prächtig an Indexfonds, die auf Rohstoffe setzen. Dafür verfügt die Bank sogar über Ausnahmeregelungen. Schon bisher gab es für viele Agrarrohstoffe Handelsbegrenzungen, so, wie sie nun für den Rohölhandel diskutiert werden.

Würden nun Beschränkungen die Spekulation eindämmen und würden am Ende sogar diese Ausnahmeregelungen aufgehoben, so hätte es erhebliche Auswirkungen auf die Bilanzen der Banken. Gerade 2009 aber waren die Gewinne aus der Rohstoffspekulation ein wichtiger Treiber für die neuen Rekordgewinne. Und aus diesen werden schliesslich die Milliarden an Boni bezahlt.

Die Banken haben bei ihrem Kampf um ihr einträgliches Geschäft auch Verbündete innerhalb der CFTC. So warnte CFTC-Vorstandsmitglied Michael Dunn, dass der Markt abwandern könnte, wenn die USA einseitig Limits setzten. Ziel wäre dann wohl London. Ironischerweise drohen die Banken in England ebenso mit Abwanderung, wenn die Regierung dort ihre Bonisteuer einführt.

Derzeit heisst es, dass im Frühjahr eine strengere Regulierung eingeführt werden könnte. Aber wetten möchte darauf niemand. Zu stark scheinen Genslers Gegner. Und derweil rennt der Ölpreis wieder von Rekord zu Rekord.