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Börseninterview
«Italien fordert ganz Europa heraus»

ROME, ITALY - NOVEMBER 16:  Italy's Interior Minister Matteo Salvini attends the Nemo Tv Show at Cinecitta on November 16, 2018 in Rome, Italy.  (Photo by Ernesto Ruscio/Getty Images)
Matteo Salvini: Italiens Vizepremier führt einen Konflikt mit Brüssel.Quelle: 2018 Ernesto Ruscio

CIC-Experte Mario Geniale sagt, wie der Schlagabtausch EU-Italien enden könnte – und erklärt, welche Taktik Trump gegen China verfolgt.

Von Marc Bürgi
am 24.11.2018

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Mario Geniale*: Der Jahreswechsel naht mit Riesenschritten und – wie immer – hoffen die Anleger auf eine veritable Jahresend-Rallye. Nach dem kräftigen «Taucher» Anfang Oktober ist eine technische Erholung durchaus möglich. Allerdings stehen einige Stolpersteine im Weg – unter anderem der Handelskrieg zwischen den USA und China. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

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Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Kurzfristige Prognosen sind immer schwierig, besonders um den Jahreswechsel. Denn wichtige Einflussfaktoren wie das sogenannte Window-Dressing, die strategische Positionierung für das bevorstehende Jahr und die stetig abnehmende Marktliquidität führen zu einem kaum vorhersehbaren Indexverlauf. Die bereits berühmtberüchtigten Trump-Tweets bringen zusätzliche Unsicherheit beziehungsweise Volatilität in den Markt. Kurz gesagt, ohne die Glaskugel ist die kurzfristige Entwicklung kaum vorhersehbar!

MarioGenialeCICBoerseninterview
*Mario Geniale ist als Chief Investment Officer verantwortlich für die Anlagepolitik der Bank CIC
. Der diplomierte Vermögensverwalter und Finanzexperte verfügt über langjährige Erfahrung im Portfolio Management und Advisory.
Quelle: Pablo Wunsch Blanco

Wo steht der SMI in 12 Monaten?
Trotz historisch sehr tiefen Zinsen, steigenden Gewinnen und optimistischen Anlegern ist das zu Ende gehende Börsenjahr ein Fiasko. Die Ausgangslage für 2019 ist auf den ersten Blick ähnlich. Die Zinsen bleiben tief, zumindest in Europa, und die Analystengilde schätzt das SMI-Gewinnwachstum ebenfalls auf gut 10 Prozent. Für den SMI bedeutet dies eine zweite Chance. Mit Blick auf das italienische Budget-Debakel mit der EU und den zunehmenden Spannungen im Welthandel, könnten Schweizer Valoren aufgrund ihrer Solidität vermehrt gesucht werden, was den SMI wieder beflügeln würde. Die erhöhte Volatilität macht eine Prognose zwar schwieriger, jedoch sehen wir das Potenzial für den SMI bei circa 9200 Zählern in einem Jahr.

Der US-chinesische Handelsstreit verunsichert Anleger weiterhin. Mit welcher Entwicklung rechnen Sie bei dem Konflikt?
Bei US-Präsident Trump ist folgendes Muster typisch: Diskontinuität. Er liebt es geradezu, zementierte Strukturen aufzubrechen, um sie neu zu gestalten. Sein strategisches «America First»-Motto setzt er taktisch mit einer Neuregelung wichtiger Handelsbeziehungen um, zum Beispiel das NAFTA-Abkommen. Mit seinen zermürbenden Tariferhöhungen verfolgt er hartnäckig das Ziel, auch den Handelsriesen China an den Verhandlungstisch zu bringen. Wir gehen davon aus, dass Trump über kurz oder lang mit dieser Taktik Erfolg haben wird. Natürlich geht dies mit allerlei Begleiterscheinungen wie erhöhte Volatilität an den Finanzmärkten einher.

LAS VEGAS, NV - SEPTEMBER 20:  U.S. President Donald Trump gestures after speaking during a campaign rally at the Las Vegas Convention Center on September 20, 2018 in Las Vegas, Nevada. Trump is in town to support the re-election campaign for U.S. Sen. Dean Heller (R-NV) as well as Nevada Attorney General and Republican gubernatorial candidate Adam Laxalt and candidate for Nevada's 3rd House District Danny Tarkanian and 4th House District Cresent Hardy.  (Photo by Ethan Miller/Getty Images)
Trump: Er führt einen Handelskonflikt mit China.
Quelle: 2018 Getty Images

Apple, Facebook und weitere US-Technologiekonzerne sind an der Börse auf Sinkkurs. Wieso schwächen sich diese bis vor kurzem gefeierten Titel plötzlich ab?
Bis vor kurzem haben Technologieaktien die weltweiten Börsen angetrieben. Die inzwischen deutlich gestiegenen Bewertungen nehmen vieles an positiven Wachstumsaussichten vorweg. Wenn die Wachstumserwartungen nicht erfüllt werden, fallen die Reaktionen an den Börsen entsprechend stark aus. Zuletzt haben sich die Anzeichen gemehrt, dass sich das Gewinnwachstum im IT-Sektor in den kommenden Quartalen verlangsamen wird, was zu Ernüchterung unter den Anlegern führen dürfte. Das Positive an der jüngsten Korrektur sind die nun attraktiveren Einstiegschancen. Auf kurze Sicht jedoch darf mit einer anhaltend höheren Volatilität gerechnet werden.

Der Konflikt zwischen der italienischen Regierung und der Europäischen Union schwelt weiterhin. Wie stark bremst der Zwist die europäische Konjunktur?
Italien fordert mit seiner populistisch konzipierten, expansiven Fiskalpolitik ganz Europa heraus. Insgesamt sind drei Szenarien im Budgetkonflikt möglich: ein «Hardplay» auf beiden Seiten, eine Art Konsolidierung der Positionen oder ein Spiel auf Zeit beider Parteien. Mit dem ersten Szenario würde die europäische Konjunktur deutlich eingebremst werden. Das zweite Szenario, obwohl wirtschaftlich schwierig für die Italiener, wäre wahrscheinlich langfristig die beste Option für alle Volkswirtschaften Europas, während die dritte Möglichkeit vielleicht nur jeden Effekt der letzten beiden Szenarien verschieben, aber gleichzeitig vergrössern würde.

An den Finanzmärkten kommen Zweifel auf, ob die Europäische Zentralbank im kommenden Jahr tatsächlich den Leitzins erhöht. Was würde ein Stillhalten der Euro-Währungshüter für den Frankenkurs bedeuten?
Unabhängig davon, ob es im kommenden Jahr eine Zinserhöhung der EZB geben wird, gehen wir davon aus, dass der Schweizer Franken auch im 2019 gegenüber dem Euro stark bleibt. Der Euro reagiert sehr sensibel auf politische Unsicherheiten, welche neben dem Umstand, dass das europäische Parlament im 2019 neu gewählt wird, auch im kommenden Jahr zur Genüge vorhanden sein dürften. Sollte die erwartete Zinserhöhung der EZB tatsächlich aufgeschoben werden, könnte die SNB die Leitzinsen vor ihr erhöhen. Dies würde aber den Franken zusätzlich unterstützen und ist daher eher unwahrscheinlich. Die Geldpolitik der SNB scheint also aufgrund des Frankenkurses weiterhin an die Marschrichtung der EZB gebunden zu sein.

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